Filmkritik: "Mary" von Abel Ferrara

Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2008
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2008
Der Film "Mary" von Abel Ferrara feierte am Mittwochabend Premiere in Berlin, obwohl er zum Beispiel in Frankreich und anderen Ländern bereits auf DVD erschienen ist. Die Kinovorführung bietet dennoch die Gelegenheit, sich in die Irrungen und Wirrungen des Glaubens zu vertiefen.
Ob religiöser Film oder Film über Religion – gemeint ist Mary jedenfalls offensichtlich als Antwort auf große kontroverse Produktionen wie “Die Passion Christi” von Mel Gibson oder Ron Howards Dan Brown-Adaption “Der Da Vinci Code”.

von Sébastien Vannier

"Mary" ist die Geschichte dreier Personen, deren Wege sich auf Ihrer jeweiligen Suche nach dem wahren Glauben kreuzen. Als erstes ist da die Titelfigur, Mary Palesi (Juliette Binoche), die gerade die Rolle der Maria Magdalena in einem Film über das Leben Christi mit dem Titel “Dies ist mein Blut” des Regisseurs Tony Childress (Mathew Modine) gespielt hat. Mary ist dermaßen eingenommen von ihrer Figur, die sie gerade gespielt hat, dass sie sich entscheidet, ihre Karriere als Schauspielerin abzubrechen und nach Jerusalem zu gehen, um dort ihren neuen Glauben zu leben. Tony, der Regisseur, versucht seinen Film um jeden Preis zu verteidigen – im Namen der Meinungsfreiheit, tut sich aber schwer damit, seine Position zu begründen. Schließlich noch Ted Younger (Forest Whitaker), Fernsehmoderator, der eine Fernsehserie über das Leben Christi vorbereitet und deshalb Verbindung zu Tony und Mary aufnimmt. Auch er, mit problematischem Privatleben, sucht seinen wahren Glauben.

Mary (Juliette Binoche) spielt Maria Magdalena: Ein Film im Film.

In "Mary" versucht Abel Ferrara, eine Palette verschiedener Perspektiven auf die katholische Religion, auf Jesus und Maria Magdalena zu zeigen, indem er im Doku-Fiction-Stil immer wieder theologische Experten (darunter Jean-Yves Leloup) zu Wort kommen lässt. Anfänglich beschleicht einen deshalb die Sorge um die Objektivität des Films gegenüber dem Glauben, aber vielleicht hinterlassen auch bloß die letzten Szenen des Films, in denen man die Läuterung der drei Hauptpersonen miterlebt, diesen Eindruck. Die beiden Männer, Tony und Ted, könnten ein Spiegelbild von Abel Ferrara sein. Indem er die Figur eines Regisseurs benutzt, der einen religiösen Film dreht, benutzt Ferrara ein Bild im Bild, wenn auch kein schmeichelhaftes, für ein Selbstportrait. In der Person des Tony kann man aber gleichzeitig auch leicht, schon vom Aussehen her, Mel Gibson erkennen. Abel Ferrara könnte allerdings genauso gut Ted sein, der Journalist auf der Suche nach Wahrheit, der nichts weiß. Gequält von seinen Sünden, offenbart er sich Gott nach einem Drama in seinem Privatleben, der Frühgeburt seines Sohnes, während er seine Frau (Heather Graham) betrügt.

Aber auch wenn es nicht sie ist, die man am häufigsten auf der Leinwand sieht, so dominiert doch Mary den Film mit ihrer Präsenz. Ihre plötzliche Bekehrung wird als eine Art “Königsweg” präsentiert. Abel Ferrara kommt über die Experteninterviews übrigens immer wieder ausgedehnt auf die wahre Rolle, die Maria Magdalena gegenüber Jesus gespielt hat, zurück, bekannt seit der Entdeckung ihres apokryphen Evangeliums in Ägypten 1945. Weder Prostituierte, noch Geliebte Christi, ist sie wohl eine seiner wichtigsten Jüngerinnen gewesen.

Was die Regie betrifft, so gibt sich Abel Ferrara Mühe, verschiedene Orte und Momente gegenüberzustellen. Zum Beispiel die Szenen bei den Dreharbeiten und in der Realität. Mary hält sich für Maria Magdalena. Zuerst im Traum, später dann immer undeutlicher. New York, wo Ted und Tony leben, und den Nahen Osten von Maria. Genauso laufen beispielsweise in dem Fernsehstudio in einer Endlosschleife Bilder vom israelisch-palästinensischen Konflikt, darunter das weltbekannte Bild eines Vaters mit seinem Sohn, gefangen im Kreuzfeuer zwischen den feindlichen Linien, das Teds Schock über die Geburt seines Sohnes widerspiegelt. Es sind die Kommunikationsmittel, die die Brücke zwischen den beiden Welten schlagen. Die ständig laufenden Fernseher, die Telefone, besonders das, was benutzt wird, um Mary während der Fernsehsendung zu erreichen. In einer Szene richten sich aller Augen auf dieses Telefon - und man hört Marys Stimme, als käme sie direkt aus dem Himmel.

Mary

Regie : Abel Ferrara. Mit Forest Whitaker, Juliette Binoche, Matthew Modine, Heather Graham. USA-Italien-Frankreich, 2005. Wiederholung : Sonntag 24. Februar 2008, 18 :00 im Babylon Mitte