Filmkritik 'Jenseits der Mauern' – Es hat einfach nicht gefunkt

Artikel veröffentlicht am 4. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 4. Oktober 2012
Paulo und Ilir – Ilir und Paulo. Jenseits der Mauern (Hors les murs, Belgien, Kanada, Frankreich; 2012) von David Lambert ist eine homosexuelle Liebesgeschichte, die den Zauber einer neuen Liebe und deren tragisches Ende beschreibt und dabei leider nicht ohne Klischees auskommt.
Wir haben auf dem Filmfest Hamburg über den Film diskutiert - und mussten feststellen, dass er bei uns offenbar weniger Begeisterung ausgelöst hat als bei den Kritikern der Filmfestspiele in Cannes, die das Drama in diesem Jahr mit dem Grand Rail d´Or auszeichneten.

R: Hat dir der Film gefallen?

J: Nee.

R: Warum nicht?

J: Ganz ehrlich. Am Anfang hab ich mich gefragt: Spielt es irgendeine Rolle, dass es ein homosexueller Liebesfilm ist und mich nicht anspricht, weil ich heterosexuell bin? Das glaube ich aber nicht. Ich fand Drei, The Kids Are All Right und Brokeback Mountain zum Beispiel sehr berührend. Gleich am Anfang dachte ich schon: Das ist jetzt aber wirklich ein bisschen klischeehaft. Das hat sich auch nicht geändert. Es war halt die alte Geschichte – an sich nicht schlimm. Aber es kommt immer drauf an, wie diese Geschichte erzählt wird. Für mich hat die Chemie diesmal einfach nicht gestimmt.

R: Aber meinst du nicht, dass es für den Film egal gewesen wäre, ob das ein homo- oder heterosexuelles Pärchen ist? Ich fand den Film nicht Klischee-schwul, sondern Klischee-Liebesgeschichte.

J: Genau das. Ich hab halt am Anfang gedacht: Kann es daran liegen? Aber dann schnell gemerkt: Nö. Das liegt nicht daran. Ich fand einfach alles ein bisschen zu offensichtlich. Der Film hat mich nicht überrascht oder berührt. Ich hab daneben gesessen, von außen betrachtet, das war's. Ich hab die Liebesgeschichte nicht abgekauft und damit steht und fällt der Film. Der Film hat alle Szenen, die man klischeehaft in einer Liebesgeschichte so erlebt. Das ist so, als würde eine Standard-Liebesgeschichte erzählt, eine, die am Reißbrett entworfen wurde. Nur dass die beiden Hauptcharaktere halt schwul sind. Aber das hat für mich nichts Besonderes mehr.

R: Ja, aber vielleicht ist es ja auch was Gutes, dass man eine schwule Liebesgeschichte zeigt, die aber nicht unbedingt schwul sein müsste, sondern genauso gut einem anderen Paar passieren könnte.

Beyond the Walls: Zu viel „Ich komm gleich von hinten“. In jedem dritten Satz gab es eine Anspielung.

J: Aber dazu liegt zu viel Betonung auf dem Schwulsein. Zu viel „Ich komm gleich von hinten“. In jedem dritten Satz gab es eine Anspielung.

R: Ohne die hätte es vielleicht auch ein Film werden können, der uns eine Liebesgeschichte erzählt, die wir schon hundertmal gesehen haben, aber die halt auch zeigt, dass homosexuelle Liebesgeschichten genauso sein können wie heterosexuelle. Und wenn man eine homosexuelle erzählt, muss man nicht immer darauf den Schwerpunkt legen.

J: Vielleicht ist es ja das, was der Filmemacher wollte, aber in meinen Augen nicht geschafft hat. Außerdem waren die Figuren für mich viel zu wenig richtige Menschen. Die waren nur da, um eine Rolle zu erfüllen: Der Geliebte, der Liebende…der Schwache, der Starke. Das waren viel zu sehr Holzschnitt-Menschen, drum herum hat man nichts von denen erfahren.

R: Ich finde auch, dass den Figuren im Film sehr klare Rollen zugeordnet wurden. Wer ist der Leidende? Wer ist der, der Leid zufügt? Aber ich finde, der Leidende, der junge Paulo, ist in seiner Rolle nicht flach geblieben. Und wenn mich die Geschichte auch nicht gepackt hat, hat mich der Charakter echt überzeugt. Sein Leiden hat mich persönlich getroffen und ich kann gar nicht erklären, wieso. Das Zusehen war schmerzvoll für mich.

J: Aber die Dialoge waren so gekünstelt. Das ist genau das, was ich häufig an deutschen Drehbuchschreibern kritisiere. Ich glaube, das ist das Hauptproblem. Die Dialoge haben mich nicht überzeugt. Und dann die Sache mit der Musik…

R: Das fand ich auch seltsam. Die ersten Minuten des Films war es still und dann kommt raus, dass beide Musiker sind. 

J: Ja, das Bild wird später nicht wieder richtig aufgegriffen.

R: Das finde ich auch. Der Musik wir eine ganz dominante Rolle zugeschrieben, die Schlussszene dreht sich um Musik. Aber die Symbolik wird nicht klar genug durchgezogen und es wird an keinem Punkt deutlich, welche Rolle Musik wirklich für die beiden Charaktere spielt. Da hatte ich auch das Gefühl, als wären wichtige Szenen einfach rausgeschnitten.

J: Da waren so viele Sprünge in dem Film, die unerwartet kamen und einfach filmisch nicht vorbereitet waren.

R: Das meinte ich damit, dass ich das Gefühl habe, dass Szenen fehlen. Vielleicht habe ich das auch nur gehofft, weil es den Film besser gemacht hätte. Ich dachte wirklich, da fehlt ein Stück und wenn das nicht fehlen würde, hätte ich die Erklärung, warum Dinge so passieren, wie sie passieren.

J: Ich glaube ehrlich gesagt, diese Szenen gab es nicht. Dem Film fehlte der zweite Boden. Eine Metaebene, die zum Beispiel die Rolle der Musik mit der Handlung verwebt. Und es gab einige Figuren, deren Auftritt nie wieder aufgegriffen wurde. Welche filmische Rolle hat denn die Schwester von Ilir erfüllt?

R: Ich glaube, da hast du recht. Es gibt viele kleine Dinge in diesem Film, bei denen man das Gefühl bekommt, sie hätten eine tiefere Bedeutung. Die kommt aber nie raus. Und ich glaube nicht, dass wir zu doof sind, diese Bedeutung zu sehen. Ich glaube, die gibt’s einfach nicht.

J: Was für mich einen guten Film ausmacht, ist, dass es eine Geschichte gibt, mit ganz vielen Unterebenen und unbewussten Ebenen und Symbolen. Das hat gefehlt. Und die Symbole, die da waren, waren viel zu direkt. Das hat nicht funktioniert. Diese Klischees die ganze Zeit und die wirklich abgewetzten Bilder. Er hat es für mich immer genau ein Mal zu viel gemacht. Und die Schreiszenen – immer ein Mal zu viel, zehn Sekunden zu lange. Die Szenen werden einfach alle aneinandergereiht.

R: Hast du dich gelangweilt?

J: Ja. Ab der Szene mit dem Ausraster im Gefängnis bin ich emotional ausgestiegen. Da hab ich gedacht, es ist mir jetzt auch egal, was mit denen auf der Leinwand passiert. Das ist halt wie mit Menschen: Manchmal funkt‘s und manchmal springt der Funke halt nicht über. Und so war es bei mir und diesem Film. Das hat einfach nicht gefunkt. Ich bin emotional wirklich vor der Leinwand geblieben.

Illustrationen: ©Filmfest HH; Video-Trailer (cc)FilmoptionInternatio/YouTube