FilmKritik: Deutsch-tschechischer „Stein des Anstoßes“ 

Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2013
Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2013

Hra o kámen, Jan Geberts Debütfilm, beleuchtet die Frage der „Kollektivschuld“ der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. In dem kleinen tschechischen Städtchen Nový Bor hat die Errichtung eines Denkmals für acht ermordete Deutsche den Unmut der örtlichen Bevölkerung hervorgerufen.

2003 warf Johannes Rau, der achte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, den Alliierten des Zweiten Weltkrieges vor, sich nicht ihrer Verantwortung für den Tod von ca. 2,5 Millionen Deutschen, welche zwischen 1945 und 1950 aufgrund der Zwangsvertreibungen aus Osteuropa starben, zu stellen. Er forderte, das Schicksal der Vertriebenen zusammen mit dem Holocaust als Teil der „historischen Konstellation“ des zwanzigsten Jahrhunderts zu betrachten. Nach Rau kann die „ gesamteuropäische Katastrophe nur in ihrem Gesamtzusammenhang wirklich verstanden werden“. Die Rede des früheren Präsidenten fiel zeitlich mit der Auseinandersetzung über den Plan zusammen, ein den „Vertriebenen“ gewidmetes „Zentrum gegen Vertreibungen“ zu errichten .

Menschenrechte

Die Debatte wurde durch die Behauptung angeheizt, bestimmte Kreise in Deutschland bauten sich eine deutsche Opferkultur auf. Diese basiere auf einem „deutschen Geschichtsrevisionismus“, welcher nach der Wiedervereinigung in den 1990ern zugenommen und die deutsche Verantwortung für die unter der Nazi-Herrschaft begangenen Gräuel abzuwenden versucht hätte. Jedoch schon mit den ersten Anzeichen der Umsiedlungen während des Krieges, gab es Kritik gegen diese Vorhaben - zum einen aufgrund von Menschenrechten, zum anderen aufgrund der Gefahr der Nachkriegsstabilität in Europa.

Dieses Thema erfährt in der Tschechischen Republik besondere Bedeutung, da durch die Benes-Dekrete von 1945 und 1946 eine Art Rache in der offiziellen tschechischen Vertreibungspolitik festgeschrieben und damit die Zwangsvertreibung von Deutschen legitimiert wurde. Diese Vertreibungen, heute oftmals als ethnische Säuberung bezeichnet, sind zentral für die Debatte über das Konzept der Kollektivschuld. Für die besetzten Länder war es enorm wichtig, die ihrer Meinung nach aggressive deutsche „Rasse“ loszuwerden und sie wie auch die anderen Minderheiten im Lande daran zu hindern, weiter ihre Würde zu verletzen und dem nationalen Erbe Schaden zuzufügen.

Hra o kámen: Stein des Anstoßes

Jan Geberts Dokumentation Das Spiel um den Stein aus dem Jahre 2012 zeigt, wie verschieden Geschichte in Tschechien erinnert wird. Im kleinen Städtchen Nový Bor im Norden des Landes, früher Teil des tschechoslowakischen Sudetenlands, führt die Errichtung eines Denkmals zum Streit. Die „Steine des Anstoßes“ wurden errichtet, um acht Deutschen zu gedenken, die in dieser Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg ermordet wurden. Damit versuchte der Bürgermeister, die beiden Nationen miteinander zu versöhnen. Jedoch empörten sich viele in der Stadt über dieses Denkmal, darunter auch Gegner des Bürgermeisters, welche sich als Zemanites (Anhänger Milos Zemans) bezeichnen. Der Film beschreibt die Zeit des Kampfes zwischen beiden Seiten bis zu den Wahlen in Nový Bor. Die komplizierte Beziehung zwischen Deutschland und Tschechien spiegelt sich im Mikrokosmos des Handlungsgeschehens wider. So erfahren wir, dass der Bürgermeister Nový Bors selbst deutscher Abstammung ist, seinen Namen jedoch viele Jahre zuvor in einen tschechischen umgewandelt hatte. Dies zeigt einmal mehr, wie die deutsche und tschechische Geschichte unausweichlich miteinander verbunden sind.

Der Dokumentation gelingt es, in der aufgeheizten und emotionalen Debatte weitestgehend objektiv zu bleiben. Sie beleuchtet sowohl die Ernsthaftigkeit als auch die Lächerlichkeit beider Seiten des Streits. So findet sich für diejenigen, die darin involviert sind, inmitten all der Schwere auch immer wieder etwas zum Schmunzeln. Als beispielsweise Gegner des Bürgermeisters Zeman eine hässliche Glasvase mit einem Bild von sich selbst überreichen, brachen das Kinopublikum des Brno Eine-Welt-Film-Festivals in Lachen aus.

Die Dokumentation zeigt das Wiedererstarken des Nationalismus 

Was der Dokumentation hervorragend gelingt, ist, das Wiedererstarken des Nationalismus zu erfassen und politische Manipulation aufzuzeigen. Diskussionen darüber, was einen Tschechen ausmacht und der Stolz darauf, Tscheche zu sein, halten die Gegner des Denkmals bis lange in die Nacht hinein wach. Für sie ist der Gedenkstein, ohne Wenn und Aber, eine Würdigung des Faschismus. In einer Zeit, in der viele Gruppen Nationalismus als eine Form des Selbstschutzes ausgraben, beleuchtet diese Dokumentation das weite Feld des Ultra-Nationalismus, welcher droht, weite Teile Europas zu zerreißen.