Filmklubs in tunis: Die Alternative Szene leistet Widerstand

Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2014

Die in den 70er Jah­ren ent­stan­de­nen Film­klubs in Tunis bie­ten seit jeher Raum für krea­ti­ve und in­tel­lek­tu­el­le Frei­heit. Sie sind Nähr­bö­den für Jung-Ci­ne­as­ten, Lieb­ha­ber der Film­kunst und Ak­ti­vis­ten aller po­li­ti­schen Lager.

Die Ki­no­sä­le der tu­ne­si­schen Haupt­stadt kann man an der Hand ab­zäh­len. Die meis­ten davon lie­gen rund um die Ave­nue Bour­gui­ba, der Haupt­straße der Stadt: das Mondo, das Rio oder das Co­li­sée sind alte Ge­bäu­de im Ko­lo­ni­al­stil. Für frem­de Augen wir­ken sie leicht de­ka­dent, in den Augen der Film­lieb­ha­ber sind sie trau­ri­ge Reste der gol­de­nen Jahre des Kinos.

In Schat­ten der gro­ßen Kinos in Tunis ver­steckt sich eine al­ter­na­ti­ve Be­we­gung: die Film­klubs. Sie sind der Ge­gen­strom zur Film­flut aus Hol­ly­wood, der Ret­tungs­ring des tu­ne­si­schen Films und Zu­fluchts­orte von Ak­ti­vis­ten jener Län­der, in denen vor drei Jah­ren die Lunte des ara­bi­schen Früh­lings ge­zün­det wurde. Sie ge­hö­ren zu jenen, die unter einem au­to­ri­tä­ren Re­gime lit­ten, das Zen­sur vor Re­de­frei­heit stell­te und damit die na­tio­na­le Film­pro­duk­tio­nen er­stick­te. Ob sie es wol­len oder nicht, Po­li­tik ist immer ein Thema in der Ki­no­klubs. Das war vor der Re­vo­lu­ti­on des 14. Ja­nu­ars so und wird auch wei­ter so blei­ben.

Aus Liebe zum Kino

„Haupt­säch­lich aus po­li­ti­schen Grün­den," ant­wor­tet Amel Saa­dal­lah nach kaum ein paar Se­kun­den Be­denkt­zeit auf un­se­re Frage, warum sie den Film­klub CinéMa­dart ge­grün­det hat, der eine der ers­ten, vom Ver­band der tu­ne­si­schen Film­klubs un­ab­hän­gi­gen Ver­ein ist. Der Klub wech­selt seit sie­ben Jah­ren re­gel­mäßig den Ort. Der­zeit be­nutzt er einen Raum in der Nähe der Rui­nen des Cartha­go. Jeden Diens­tag wer­den Filme aller Art ge­zeigt, die mit dem na­tio­na­len Ki­no­pro­gramm meis­tens wenig zu tun haben. Heute sehen wir drei Kurz­fil­me made in Tu­ne­sia. Kaum geht das Licht im Saal wie­der an, ent­facht sich eine hit­zi­ge De­bat­te unter Film­lieb­ha­bern. Horn­bril­len, Röh­ren­jeans, rote Lip­pen und Bas­ken­müt­zen geben uns das Ge­fühl von der schi­cken, in­tel­lek­tu­el­len Bohème einer eu­ro­päi­schen Haupt­stadt um­ge­ben zu sein. Aber die De­bat­te wird im tu­ne­si­schem Dia­lekt des Ara­bischen ge­führt. Hier und dort wer­den ein paar fran­zö­si­sche Wör­ter und Aus­drü­cke ein­ge­wor­fen. Amel ver­folgt die Dis­kus­si­on zwi­schen den Fil­me­ma­chern und dem hei­te­ren Pu­bli­kum auf­merk­sam. Spä­ter meint sie: „Manch­mal habe ich das Ge­fühl, dass der Film nur der Vor­wand für die nach­fol­gen­de po­li­ti­sche De­bat­te über den Um­schwung ist. Wir wür­den uns wün­schen, dass es an­ders herum wäre." Die junge Frau mit sanf­tem und doch kämp­fe­ri­schem Blick ist davon über­zeugt, dass das wahre Wesen der Film­klubs ver­lo­ren geht. Sie hofft, sich der Film­club bald vom Rest­mi­li­tan­tis­mus lösen wird und wie­der die „Liebe zum Kino um des Kinos Wil­len" in den Vor­der­grund stel­len wird.

Es ist ein Kampf, wenn man in einem Land, in dem die Jah­res­pro­duk­ti­on an Spiel­fil­men an einer Hand ab­ge­zählt wer­den kann und es kaum mehr als 100 Ki­no­sä­le gibt, von der Film­kunst leben will. Fatma Bchi­ni weiß das nur zu gut. Die 23-jä­ri­ge Me­di­zin­stu­den­tin ist die Vor­sit­zen­de des äl­tes­ten Film­klubs vom Tunis, dem Cinéclub Tunis und Vor­stands­mit­glied im Dach­ver­band der Film­klubs. „Es ist schon eine Art von Wi­der­stand, in Tunis eine Ki­no­kar­te zu kau­fen", meint Fatma ka­te­go­risch. Sie er­zählt vol­ler Be­geis­te­rung von den ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen der Film­klubs in Tunis und hofft in­stän­dig, dass diese Dis­kus­si­ons­räu­me eine füh­ren­de Rolle im neuen Tu­ne­si­en spie­len wer­den. „Wir wol­len un­be­dingt Film­klubs für Kin­der ins Leben rufen, um die kom­men­den Ge­ne­ra­ti­on vor einer Ge­ne­ral­am­nä­sie zu be­wah­ren. Wir wol­len ihnen beibrin­gen, etwas auf­zu­bau­en und sich krea­tiv zu ent­fal­ten", meint sie. Der­zeit gibt es drei mal mehr Film­klubs als Ki­no­sä­le, be­rich­tet Fatma stolz: „Wir er­hal­ten beim Fach­ver­band täg­lich Grün­dungs­an­trä­ge für neue Klubs."

Po­li­tik in Kin­der­schu­hen

„Sie waren derat un­sym­pa­thisch und steif, dass so­fort klar war, dass sie vom Ge­heim­dienst sind", spöt­telt Maher Ben Kha­li­fa, ein ein­ge­fleisch­ter Film­lieb­ha­ber und Dau­er­gast der Film­klubs seit­dem er neun ist. Ge­heim­dienst? Zi­vil­po­li­zis­ten in­fli­trier­ten re­gel­mäßig die Vor­stel­lun­gen und De­bat­ten sei­nes Ki­no­klubs, um den po­li­ti­schen Puls zu füh­len und fest­zu­hal­ten, wer was sagte.

Pa­ra­do­xerweise hat die Staats­macht diese Dis­si­den­ten­ immer to­le­riert, wenn auch immer im Auge be­hal­ten.  Wahr­schein­lich ein­fach des­halb, weil ihre po­li­ti­sche Trag­wei­te bei der tu­ne­si­schen Be­völ­ke­rung un­be­deu­tend war. Aber auch, um vor den Augen der west­li­chen De­mo­kra­ti­en den Schein zu wah­ren. „Eines ist al­ler­dings klar", meint der Maher, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign stu­diert, „egal ob du po­li­tisch en­ga­giert bist oder nicht, in den Film­klubs lernt man de­bat­tie­ren. Und die Ent­wick­lung einer Dis­kus­si­ons­kul­tur ist der erste Schritt in einer De­mo­kra­tie, die noch in den Kin­der­schu­hen steckt. Du lernst, deine Ideen zu ver­tei­di­gen und dich zu en­ga­gie­ren."

die Ide­en­fa­brik

Maher ist Mit­glied des tu­ne­si­schen Ver­bands für Ama­teur­fil­mer (Fédéra­ti­on Tu­ni­si­en­ne de Cinéastes Ama­teurs (FTCA), Anm. der Re­dak­ti­on), mit des­sen Un­ter­stüt­zung er als kaum 17-jäh­ri­ger sei­nen ers­ten Kurz­film ge­dreht hat. Kari for dogs ist eine Wer­be­per­si­fla­ge, die, in­spi­riert von den ge­fol­ter­ten Ge­fan­ge­nen von Abu Gra­hib, Wer­bung für Hun­de­fut­ter aus Me­schen­fleisch macht. Maher gibt un­be­schämt zu, dass sein ers­ter Aus­flug in die Welt der Fil­me­ma­cher tech­nisch nicht weit am to­ta­len De­sas­ter vor­bei­ge­gan­gen ist.

Seine Er­fah­rung be­schreibt sehr gut, wie die Film­bran­che in Tunis funk­tio­niert: die Ki­no­klubs waren lange Zeit die ein­zi­ge „Film­schu­le" für zu­künf­ti­ge Fil­me­ma­cher im Land. Meh­re­re Ge­ne­ra­ti­on von Fil­me­ma­chern haben dort ihr Hand­werk ge­lernt. Wie ein­fa­che Leute, die Lust haben, eine Ge­schich­te zu er­zäh­len. Maher ist heute Vor­stands­mit­glied der FTCA und meint, dass die Band­brei­te der Mit­glie­der sehr groß sei: „von Stu­den­ten, die Tech­nik stu­die­ren, über Bä­cker bis hin zu Ta­xi­fah­rern. Unser Prin­zip ist ein­fach. Wir sind der Mei­nung, dass alle, die es wol­len auch Kino ma­chen kön­nen sol­len." Er fügt noch hinzu, dass auch Mi­nis­ter von Ben Ali Mi­glie­der bei Film­klubs waren.

Der krea­ti­ve Mo­ment mit we­ni­gen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln zwingt zu Ein­falls­reich­tum und Er­fin­der­geist. Man muss neh­men, was man hat. Das gilt für Ideen ge­nau­so wie für die Aus­rüs­tung. „Zu Be­ginn mei­ner Film­kar­rie­re habe ich zwei Ka­me­ras ge­klaut", er­zählt uns der Di­rek­tor Sami Tlili nicht ohne Stolz. Noch ein Film­lieb­ha­ber, der in sei­ner Hei­mat­stadt Souss einen Film­klub ins Leben ge­ru­fen hat und schließ­lich selbst Re­gis­seur wurde. Er war zu­nächst Ama­teur­fil­mer und macht sich gerne über große Film­pro­duk­tio­nen lus­tig: „Wenn ir­gend­wo eine Schrau­be fehlt, bricht Panik aus und der Dreh wird ab­ge­bro­chen." Sein ers­ter Strei­fen, der Do­ku­men­tar­film „Ver­dammt sei das Phos­phat", er­zählt den Auf­stand der Mi­nen­ar­bei­ter von Gafsa im Früh­jahr 2008, in dem heute viele den wah­ren Ur­sprung des ara­bi­schen Früh­lings sehen. „Trotz aller Hin­der­nis­se, war es die Er­fah­rung wert. In al­ter­na­ti­ven Film­krei­sen waren wir die Ein­zi­gen, die sich des The­mas an­ge­nom­men hat­ten", stellt Tlili nach­denk­lich fest. „In der da­ma­li­gen po­li­ti­sche Si­tua­ti­on war das Sys­tem ein wah­rer Traum­tö­ter. Das Kino hat uns ge­hol­fen un­se­re Träu­me zu be­wah­ren."

Die­ser ar­ti­kel ist teil der SPE­ZI­AL­AUS­GA­BE « EU­RO­MED RE­POR­TER » IN TUNIS. cafébabel Ar­bei­tet hier in ko­ope­ra­ti­on mit iwatch, Search for common Ground und der stif­tung anna Lindh. bald fin­det ihr alle ar­ti­kel der «EU­RO­MED RE­POR­TER » auf seite eins des ma­ga­zins.