Filmfestival Cottbus: Im Osten viel Neues

Artikel veröffentlicht am 10. November 2010
Artikel veröffentlicht am 10. November 2010
"Das zweitwichtigste Filmfestival Deutschlands" - so urteilte der ehemalige Bundesaußenminister Frank-Walther Steinmeier über das Filmfestival in Cottbus, feierte dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum und prämierte die serbisch-deutsch-schwedische Produktion White White World - Beli beli svet von Regisseur Oleg Novković mit dem Hauptpreis.

Kurz nach der Wende wurde das Filmfestival Cottbus ins Leben gerufen, um zu verfolgen, wie junge Filmemacher aus den post-kommunistischen Ländern mit den komplexen Veränderungen in ihrem Land umgehen würden. Solides Sozialkino, ein scharfes Profil und der genaue Blick auf Ost und West sicherten dem Festival ein hohes Niveau und internationale Anerkennung. Für ost- und mitteleuropäisches Kino ist es zum bekanntesten Branchentreff geworden.

Die gezählten 18.500 Zuschauer konnten in diesem Jahr 140 filmische Entdeckungen aus über 40 Ländern machen. In den 12 Sektionen werden unterschiedliche Akzente gesetzt, zum Beispiel auf russische Produktionen - Russkiy Den, polnische Avantgardefilme - Polskie Horyzonty oder die „Ost-West-Verhältnisse im internationalen Kino“ in der Sektion globalEast. Der Hauptpreis des Wettbewerbs ist mit 20.000 Euro dotiert und wurde dieses Jahr an Oleg Novković, Regisseur des Films White White World - Beli beli svet (Serbien, Deutschland, Schweden/ 2009) verliehen. Die Jury beeindruckte die „ besonders mutige und einmalige filmische Sprache, die das tägliche Leid der Außenseiter durch eine kraftvolle ästhetische Erfahrung nachvollziehbar macht.“

"White White World - Beli beli svet"

In der Tat überzeugt Novkovićs Film mit starken Bildern aus der Minenstadt Bor in Serbien. Die durch Gruben und Schlote zerklüftete Landschaft ist der Schauplatz für eine Geschichte, die mit Elementen der griechischen Tragödie durchsetzt ist. Die Charaktere - Rosa (Hana Selimovic), eine rebellische junge Frau, ihre Mutter Ruzica (Jasna Ðuricic), die nach langer Haft wegen dem Mord an ihrem Mann aus dem Gefängnis entlassen wird und der ehemalige Boxer King (Uliks Fehmiu) - unwissender Vater von Rosa - stehen in einem fatalen Dreiecksverhältnis zueinander. Beide Frauen lieben den gewalttätigen King, der sich in seine eigene Tochter verliebt, sie schwängert und am Ende erblindet. In Gesängen äußern die ansonsten wortkargen Protagonisten ihre inneren Konflikte; am Ende des Films steht sogar ein ganzer Minenarbeiterchor - Bewohner der Stadt Bor - in der Landschaft und singt vom tragischen Ausgang der Geschichte. Anders als in den französischen Filmen Acht Frauen (François Ozon) oder Les Chansons d’amour (Christophe Honoré) wird durch den Gesang keine Ebene der Entfremdung hinzugefügt, vielmehr werden Traurigkeit und Verzweiflung der Charaktere noch verstärkt. Sie drücken so ihre Gefühle aus, für die sie niemals gesprochene Worte finden würden.

Auf die Publikumsfrage, warum alle Charaktere so schwer zugänglich seien, antwortete Drehbuchschreiberin Milena Markovic „Ich mag durchsichtige Charaktere nicht. In der griechischen Tragödie sieht der Mensch ab der Geburt der Katastrophe ins Auge.“ Der Wechsel von weiten Totalen auf die Minenlandschaft mit Nahaufnahmen der Charaktere spielt mit dem Gefühl, der Film zeige sowohl dokumentarische Realität als auch eine enge, kammerspielartige Inszenierung der verschiedenen Konflikte.

Estland: Heuchelei der Gutmenschen

Eine weitere Entdeckung ist der Film Die Versuchung Des Hl. Tony (Veiko Öunpuu; Estland 2009), dessen Hauptdarsteller Taavi Ealma den Preis als herausragender Darsteller erhielt. Ein Film, der auch durch seine experimentelle Ästhetik beeindruckt: Gänzlich in schwarz-weiß gehalten, mit langen Kamerafahrten und schnellen Szenenwechseln, so manch skurrilen Begebenheiten und einem Metainhalt, der sich erst nach einiger Zeit erschließt. Die Frage des Films lautet „Was ist ein Mensch?“ Jemand, der einem blutüberströmten Mann nicht hilft, ihn aber in seinem teuren Auto mit weißen Lederbezügen sitzen lässt? Jemand, der vor der Kündigung hunderter Fabrikarbeiter bei seinem Chef Widerspruch einlegt „Das sind doch auch Menschen!“ Jemand, der seiner psychisch kranken Ehefrau nur nach einem Anfall antworten kann „Ich dachte, die Therapie hätte Dir geholfen.“ Tony will alles richtig machen, aber durch seine Unbedarftheit und Naivität verschlimmert sich die Situation; Menschen und Tiere, die er liebt, sterben. Der Film ist eine schonungslose Abrechnung mit der Heuchelei der Gutmenschen; abgesägte Hände, aufgegessene Menschen und depressive Pfarrer sind die morbiden Komponenten, die diesen Film zu einer „Höllenfahrt in die menschlichen Abgründe“ machen.

Der Jury-Favorit war mit insgesamt drei Preisen der russische Beitrag Ein anderer Himmel (Dimitry Mamulija; Russland 2010). Das intensive, weil dialoglose Drama von einem Schafhirten und seinem Sohn, erhielt eine lobende Erwähnung der Internationalen Festivaljury, den Preis für den besten Debütfilm sowie den FIPRESCI-Preis.

Link zum Weiterlesen: Die parallele (und mysteriöse) Welt des russischen Films

Das Filmfestival Cottbus überzeugte durch eine tolle Filmauswahl und seinen scharfen Fokus auf Osteuropa. Eine Besonderheit muss noch erwähnt werden. Da alle Filme in ihrer mittel- und osteuropäischen Originalsprache gezeigt werden und meist nur russische Untertitel haben, bekommt das Publikum Kopfhörer, mit denen es die Simultanübersetzung auf Deutsch und Englisch verfolgen kann. Live eingesprochenes Kino - eine ungewohnte Kino-Erfahrung!

Fotos: ©Cottbus Filmfestival 2010