Filme aus Myanmar: Das Leben, ein Kuhhandel

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2014

Schon mal einen Film aus Burma ge­se­hen? Wer diese Frage mit Nein be­ant­wor­ten muss, soll­te bei der Berlinale auf kei­nen Fall Bing Du (2013) ver­pas­sen. In dem überraschend ruhig gefilmten Drama des burmesischen Regisseurs Midi Z. geht es um Ka­rao­ke, Kühe und Crys­tal Meth. Wer sagt, dass passe nicht zu­sam­men? Eine Film­kri­tik von Mi­cha­el Kienzl

Für den jun­gen Bau­ern und seine Freun­din in Bing Du (Ice Poi­son, 2013) klafft eine große Lücke zwi­schen der Wirk­lich­keit und dem, was sie sich von ihr er­träu­men. Der ein­zi­ge Ort, an dem sie sich der Fan­ta­sie hin­ge­ben kön­nen, ist eine schä­bi­ge klei­ne Ka­rao­ke­bar. Fast be­we­gungs­los ste­hen sie dort, star­ren mit lee­rem Blick auf den klei­nen Bild­schirm und sin­gen schief die Glücks­ver­spre­chen der kom­mer­zi­el­len Pop­mu­sik nach. Oder aber sie grei­fen zu an­de­ren Hilfs­mit­teln, flüch­ten sich mit der zer­stö­re­ri­schen Droge Ice – hier­zu­lan­de bes­ser be­kannt als Crys­tal Meth – in eine Traum­welt und geben sich, ge­lähmt von ihrem Hoch­ge­fühl, ganz der Il­lu­si­on hin, ohne Chan­cen trotz­dem alles er­rei­chen zu kön­nen.

Kühe und Ka­rao­ke: Hin­ter­tür­chen des Bau­er­nall­tags

In sei­nem drit­ten Spiel­film er­zählt Midi Z. eine bit­te­re Ge­schich­te aus sei­ner Hei­mat Myan­mar. Schon in sei­nen letz­ten bei­den Ar­bei­ten, Re­turn to Burma (Gui lái dí rén, 2011) und Poor Folk (Qiong ren, liu lian, ma yao, tou du ke, 2012), be­schäf­tig­te sich der Re­gis­seur mit Kor­rup­ti­on, Dro­gen­han­del und Pro­sti­tu­ti­on, all den Ab­grün­den also, die sich nach dem Ende der ein hal­bes Jahr­hun­dert an­dau­ern­den Mi­li­tär­dik­ta­tur öff­ne­ten. Die Per­spek­ti­ve, die Midi Z. für seine Zu­stands­be­schrei­bun­gen wählt, ist die eines aus­dau­ern­den und ge­dul­di­gen Be­ob­ach­ters. Die Er­zähl­wei­se bleibt da­durch frei, und viele Sze­nen wir­ken durch die Ver­wen­dung schmuck­lo­ser Vi­deo­bil­der und die groß­zü­gi­ge Ein­be­zie­hung von Ne­ben­säch­lich­kei­ten immer ein wenig do­ku­men­ta­risch. Ice Poi­son un­ter­schei­det sich von sei­nen Vor­gän­gern, weil er nar­ra­ti­ver und kla­rer struk­tu­riert ist. Doch ob­wohl die Er­zäh­lung hier we­ni­ger Haken schlägt, hat sich Midi Z. die Fä­hig­keit, auf dif­fe­ren­zier­te Weise die Stim­mung im Land ein­zu­fan­gen, be­wahrt.

Die Hand­lung ist schnell er­zählt: Alles be­ginnt mit einem fi­nan­zi­el­len Pro­blem und einem Kuh­han­del im buch­stäb­li­chen Sinn, der es lösen soll. Als Folge der schlech­ten Mais­ern­te gehen der junge Bauer und sein Vater ein Tausch­ge­schäft mit einem In­dus­tri­el­len ein. Für einen alten Mo­tor­rol­ler, der zum Taxi um­funk­tio­niert wer­den soll, geben sie ihm eine Kuh als Pfand. Wenn die bei­den es nicht schaf­fen, den Rol­ler in­ner­halb einer Woche ab­zu­zah­len, soll das Tier zum Metz­ger kom­men.

Kuh gegen Taxi: Aus­weg aus der wirt­schaft­li­chen Mi­se­re?

Im Grun­de er­zählt Ice Poi­son eine klas­si­sche Ab­stiegs­ge­schich­te, in der ein un­be­schol­te­ner Held durch öko­no­mi­sche Zwän­ge auf die schie­fe Bahn und damit ins Ver­der­ben gerät. Er­schüt­ternd ist dabei vor allem die Dis­tanz, mit der der Film die­sen Ab­stieg ver­folgt: nicht mit küh­lem Zy­nis­mus, son­dern als Ne­ben­säch­lich­keit, die einem schnell zu ver­ste­hen gibt, dass man hier auf kei­nen deus ex ma­chi­na zu hof­fen braucht, der alles, was schief­läuft, am Ende wie­der ge­ra­de­biegt. Die lan­gen Ein­stel­lun­gen wir­ken dabei nicht pro­vo­ka­tiv oder be­lie­big, son­dern wie eine An­lei­tung zu einem in­ten­si­ve­ren Sehen. Müh­se­li­ge Vor­gän­ge wer­den nicht mit einer flot­ten Mon­ta­ge­se­quenz ver­ständ­lich ge­macht, son­dern kön­nen lang­sam nach­voll­zo­gen wer­den. Auf sehr schö­ne Weise ge­lingt das dem Film, wenn er zeigt, wie lange der Bauer braucht, um am Bus­bahn­hof einen Kun­den zu fin­den. In einem Ge­wu­sel aus Men­schen muss er sich immer wie­der gegen die Kon­kur­renz be­haup­ten und ver­su­chen, un­wil­li­ge Kun­den zu über­zeu­gen, und am Ende be­kommt er doch nur eine Ab­fuhr nach der an­de­ren.

Die­ser un­mit­tel­ba­re Blick auf Vor­gän­ge, die nicht in ein dra­ma­tur­gi­sches Kor­sett ge­presst wer­den, zeich­net Ice Poi­son aus. Schon am An­fang, als Vater und Sohn Freun­de und Ver­wand­te auf­su­chen, um sich von ihnen Geld zu lei­hen, er­zählt der Film nur wie ne­ben­bei davon. Zwi­schen Höf­lich­keits­flos­keln und Ab­sa­gen lässt Midi Z. wie schon in frü­he­ren Fil­men ver­schie­de­ne Mi­gra­ti­ons­ge­schich­ten ein­flie­ßen.

Um Er­folgs­ge­schich­ten han­delt es sich dabei mit­nich­ten. Die Söhne und Töch­ter, die ins Aus­land ge­gan­gen sind, um das große Geld zu ma­chen, sind schon bald wie­der zu­rück­ge­kehrt, ent­we­der mit­tel­los oder gar wahn­sin­nig. Midi Z. er­zählt im Fol­gen­den von den be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten, die einem jun­gen Men­schen in sei­ner Hei­mat blei­ben. Unter den ak­tu­el­len wirt­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten und mit einer Droge, die ihre Kon­su­men­ten zu le­ben­den Toten mu­tie­ren lässt, macht er sich für die junge Ge­ne­ra­ti­on in Myan­mar keine Hoff­nun­gen. Als Schluss­punkt für sein State­ment setzt er eine schwer zu er­tra­gen­de Szene, in der die ge­lie­he­ne Kuh ge­schlach­tet wird.

Die­ser Ar­ti­kel ist am 09. Februar auf Ber­li­na­le im Dia­log, dem Ber­li­na­le-Blog von DFJW/OFAJ und critic.​de, erschienen. Wäh­rend der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin ko­ope­rie­ren Ca­fe­ba­bel Ber­lin und Ber­li­na­le im Dia­log im Rah­men einer Me­di­en­part­ner­schaft.