Film 'The Lunchbox': Curry und Leinwandlieben

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2013

Wer denkt, indisches Kino bedeute nur Glitzer und nackte Haut, sollte einmal tiefer in seine Lunchbox schauen. Der gleichnamige Film des indischen Regisseurs Ritesh Batra wartet aber nicht nur mit sanften Bildern und einer poetischen Liebesgeschichte auf. The Lunchbox (2013) markiert vor allem den Beginn einer zaghaft aufkeimenden Liebe zwischen dem indischen und dem europäischen Kino. 

Noch schnell etwas Chili übers Ge­mü­se streu­en, die Lin­sen um­rüh­ren und das cha­pat­ti (Brot­fla­den) auf der Gas­flam­me wen­den. Ila (Nim­rat Kaur) braucht nicht ein­mal eine Mi­nu­te, um das Mit­tag­es­sen für ihren Mann Rajiv in die dabba, die me­tal­li­sche in­di­sche Ver­si­on einer Lunch­box, zu pa­cken, sie in einen Stoff­beu­tel zu ste­cken, ihr Haar zu rich­ten und zur Tür zu eilen. Vor der war­tet auch schon der dabba­wal­la ihres Vier­tels, einer von knapp 5.000 Män­nern in Mum­bai, deren täg­li­ches Ge­schäft darin be­steht, 200.000 Lunch­bo­xen aus der gan­zen Stadt per Fahr­rad, Ricks­haw, Bus und Bahn in die Bü­ro­ge­bäu­de im Zen­trum zu brin­gen. Eine in­di­sche Tra­di­ti­on: statt Re­stau­rantfraß lie­be­voll zu­be­rei­te­tes Essen von der ei­ge­nen Mut­ter, Schwes­ter oder Frau. 

Doch es gibt ein Pro­blem: Rajiv ist Ilas Essen ziem­lich egal und Ila noch dazu. Sie gibt sich immer mehr Mühe, aber als ihr ein Ge­richt ein­mal be­son­ders gut ge­glückt ist, lie­fert der dabba­wal­la die Lunch­box nicht an ihren Mann, son­dern an Saa­jan Fer­nan­dez (Irr­fan Khan) – ein ein­sa­mer Wit­wer kurz vor der Rente, der weder Freun­de noch Le­bens­freu­de zu ken­nen scheint. Durch Ilas mal schar­fe, mal sal­zi­ge Cur­ries aus der All­tags­le­thar­gie ge­ris­sen, be­ginnt das un­glei­che Paar, sich mit­hil­fe der Lunch­box Brie­fe zu schrei­ben. Immer näher kom­men sich die bei­den dabei, bis sie schließ­lich den Plan aus­he­cken, ge­mein­sam nach Bhu­tan durch­zu­bren­nen. Aber wohin soll diese Lunch­box-Lie­be zwi­schen einem ver­wit­we­ten Früh­rent­ner und einer jun­gen, ver­hei­ra­te­ten Frau füh­ren?

Was leicht ins Zuck­ri­ge hätte ab­glei­ten kön­nen, bleibt dank Ri­tesh Batra, der auch das Dreh­buch von The Lunch­box (Ori­gi­nal­ti­tel „dabba“; AdR) ge­schrie­ben hat, immer in einer zag­haf­ten Schwe­be zwi­schen All­tag und gro­ßen Ge­füh­len, Fa­mi­li­en­ban­den und un­kon­ven­tio­nel­ler Liebe. Bunte Pail­let­ten­sa­ris, wilde Tanz­ein­la­gen und schmal­zi­ge Lie­bes­sze­nen, wie man sie sonst aus Bol­ly­wood-Fil­men kennt, haben in Ba­tras Film ge­nau­so wenig Platz wie folk­lo­ris­ti­scher In­di­en­klim­bim à la Dar­jee­ling Li­mi­ted (2007) oder dunk­le Bil­der von Armut und Ge­walt à la Slum­dog Mil­lion­ai­re (2008). Ila und Saa­jan ge­hö­ren beide zur Mit­tel­schicht von Mum­bai, leben ein un­auf­ge­reg­tes Leben zwi­schen Ar­beit und Fa­mi­lie, sind nicht be­son­ders glück­lich und ent­de­cken in der Lunch­box plötz­lich einen Aus­weg aus dem Ei­ner­lei. Eben­so ruhig wie die Ge­schich­te ist auch die Bil­der­spra­che des Films: Wenn Saa­jan im Büro sitzt oder Ila in der Küche han­tiert, herr­schen ge­deck­te Far­ben und leise Töne vor.

Neben den groß­ar­ti­gen Haupt­dar­stel­lern Nim­rat Kaur und Irr­fahn Khan, der auch aus Hol­ly­wood-Fil­men wie The Ama­zing Spi­der-Man (2012) und Life of Pi (2012) be­kannt ist, sind Mum­bais dabba­wal­las die heim­li­chen Stars des Films. Das 1880 ein­ge­rich­te­te Lunch­box-Sys­tem gilt nicht zu Un­recht als eines der aus­ge­feil­tes­ten lo­gis­ti­schen Un­ter­neh­mun­gen des 21. Jh.s. Viele der dabba­wal­las kön­nen aber gar nicht oder nur schlecht lesen. Daher wer­den die Lunch­bo­xen mit­hil­fe von al­pha­nu­me­ri­schen Zei­chen und Farb­codes ge­kenn­zeich­net, damit Ab­sen­der und Emp­fän­ger ein­deu­tig fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Glaubt man dem ur­ba­nen My­thos, ist die Feh­ler­ra­te dabei un­glaub­lich ge­ring: Die dabba­wal­las lie­fer­ten nur eine von acht Mil­lio­nen Lunch­bo­xen falsch aus­.

Mehr als krei­schend bun­tes bol­ly­wood-ki­no

Ri­tesh Batra, selbst aus Mum­bai, woll­te ei­gent­lich einen Do­ku­men­tar­film über die um­trie­bi­gen dabba­wal­las dre­hen, ent­schied sich dann aber doch für den Spiel­film. Die stil­le Leich­tig­keit sei­nes Films hat dabei so­wohl in­di­sche Ki­no­gän­ger, als auch eu­ro­päi­sche Film­pro­du­zen­ten und -kri­ti­ker über­zeugt: The Lunch­box wurde nicht nur von meh­re­ren Bol­ly­wood-Fir­men pro­du­ziert, son­dern konn­te als in­disch-fran­zö­sisch-deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Ko­pro­duk­ti­on eben­falls auf die Un­ter­stüt­zung von Asap Films, dem Cent­re Na­tio­nal du Cinéma und arte Fran­ce Cinéma in Frank­reich, roh­film und dem Me­di­en­board Ber­lin-Bran­den­burg in Deutsch­land und Cine Mo­saic in den USA zäh­len. 

Auch die Film­kri­ti­ker Eu­ro­pas zeig­ten sich an­ge­tan. Nach einer be­son­de­ren Eh­rung durch die Jury des in­ter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals Ci­ne­mart in Rot­ter­dam war Batra 2012 mit sei­nem Dreh­buch beim Ber­li­na­le Ta­lent Pro­ject Mar­ket und dem To­ri­no Film Lab dabei und wurde die­ses Jahr beim Film­fes­ti­val in Can­nes mit dem Grand Rail d'or (Pu­bli­kums­preis der Kri­ti­ker­wo­che; AdR) aus­ge­zeich­net. Die Os­car-No­mi­nie­rung als bes­ter aus­län­di­scher Film hat The Lunch­box knapp ver­passt, was einen wü­ten­den Auf­schrei in der in­di­schen und in­ter­na­tio­na­len Pres­se zur Folge hatte. Doch auch wenn nicht alles glatt läuft, hat Ri­tesh Batra schon jetzt viel Be­we­gung in die eu­ro­pä­isch-in­di­sche Film­lieb­schaft ge­bracht.

Und das kann für beide Sei­ten nur von Vor­teil sein: Be­son­ders in Eu­ro­pa scha­det es nicht, auch ein­mal einen Blick auf das In­di­en ab­seits von Gla­mour, Fi­nanz­ma­gna­ten und re­li­gi­ös-mo­ti­vier­ter Ge­walt zu wer­fen und sich statt­des­sen auf die Er­zäh­lung einer gänz­lich un­dra­ma­ti­schen Liebe ein­zu­las­sen. Wenn man sich an Be­su­cher­zah­len ori­en­tie­ren darf, sind eu­ro­päi­sche Ki­no­gän­ger je­den­falls auf dem bes­ten Weg, in­di­sche Cur­ries zu ihrem neuen Lieb­lings­ge­richt zu er­klä­ren.