Film: Lorentzens Luftballon für Allah

Artikel veröffentlicht am 13. März 2013
Artikel veröffentlicht am 13. März 2013
Als kleines Mädchen ließ sie einen Luftballon in den Himmel steigen, gefüllt mit dem Wunsch nach Veränderung für die Frauen der islamischen Welt. Jahre später packt Nefise Özkal Lorentzen ihre Botschaft nicht mehr in Ballons, sondern in Filme.
In A Balloon For Allah (2011) begibt sich die türkischstämmige Regisseurin, die in Norwegen lebt, auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln und derer des Islam. Ihre Dokumentation war ein Überraschungserfolg auf vielen Filmfestivals.

Nefise Özkal Lorentzens Großmutter stand ein Leben lang unter männlicher Beobachtung. Trotzdem erkannte sie die Notwendigkeit für Veränderung im Islam und suchte nach einem Weg, einen positiven Wandel für die Frauen im Islam zu erreichen. Ihre Enkelin folgt nun dem Pfad ihrer Sufi-Familie: sie möchte das Innerste des Islam erfassen, ihre eigene Funktion verstehen und so den Weg für die muslimischen Frauen weiter ebnen. A Balloon for Allah ist nicht Lorentzens erster Film, der sich mit dem Islam beschäftigt. Bereits 2008 gewährte die Regisseurin mit Gender me einen Einblick in die beinah unbekannte Welt der Homosexualität im islamischen Kontext. Auch in I have two countries (2005), eine Erzählung über zwei Kinder einer türkisch-norwegischen Familie, die von Norwegen in die Türkei zieht, spielt die Auseinandersetzung mit dem Islam eine wichtige Rolle.

Kairo, Istanbul, Oslo: Stationen auf der Suche nach Wünschen an Allah

Um den Kern von A Balloon for Allah zu erfassen, muss sich der Zuschauer auf die Thematik von Lorentzens neuester Dokumentation einlassen: ein ständiges Schwanken zwischen Realität und Wunschvorstellung. Damit Allah am Ende einen mit positiven Veränderungswünschen für die Frauen im Islam gefüllten Luftballon erhält, hat sich die Filmemacherin mit der islamischen Gesellschaft verschiedener Länder auseinandergesetzt. Um ihre Mission zu erfüllen und möglichst viele Wünsche nach Veränderung zu sammeln, reist die Regisseurin in Städte wie Kairo, Istanbul oder Oslo und spürt verschiedene Persönlichkeiten auf, zum Beispiel die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi. Bei ihrem Treffen berichtet El Saadawi von Begegnungen mit Menschen, die für ihre freie Interpretation des Islams mit dem Leben bedroht wurden. Das weckt Hoffnung in der Filmemacherin und ist eine Inspiration dafür, den Weg ihrer Nachforschungen weiterzuverfolgen.

Die Regisseurin ist selbst Muslima; ihre europäische Sicht auf die Frau und die Tatsache, dass sie über Jahre in Norwegen gelebt hat, erschweren Lorentzen trotzdem das Verständnis für einige Dinge, mit denen sie konfrontiert wird. So beispielsweise ihr Aufeinandertreffen mit einem muslimischen Fundamentalisten, der seiner Frau während sechs gemeinsamener Ehejahre nicht ein einziges Mal erlaubte, alleine unterwegs zu sein. Über diese Form der Unterdrückung der Frau durch den Mann ist sie erschüttert.

Sie hat Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft in Istanbul und Oslo studiert

Kopftuch, Burka, Polygamie vs. Liebe und Respekt

Lest auf cafebabel.com: "Islam für Dummies"

In der Dokumentation spricht unter anderem die bekannte Islamwissenschaftlerin Asma Barlas über die Beziehung zwischen Christentum, Judentum und Islam sowie die Unterdrückung der Frauen. Lorentzen lässt sowohl Extremisten als auch liberale Gläubigen zu Wort kommen. Sie fragt, ob das mangelnde Verständnis der westlichen Welt für das Leben und die Religion des Islam letztendlich auf die im Islam existierenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist.

Worte wie Kopftuch, Burka und Polygamie festigen Vorurteile

Man könnte meinen, dass es keine Rolle spiele, was muslimische Frauen sagen oder tun, um die westliche Welt von einem anderen Bild des Islam zu überzeugen. Letztendlich festigen Worte wie Kopftuch, Burka und Polygamie das Vorurteil der westlichen Welt, dass der Islam mit der Unterdrückung der Frau gleichzusetzen sei. Auch jene gebildeten und wortgewandten Frauen, die sich dafür entschieden haben, das Kopftuch zu tragen um ihren Anstand zu wahren, nehmen dem Mythos nur wenig von seiner Wirkung. Auch Lorentzen kann ihre Bedenken nicht verbergen: ihren aufmerksamen Beobachtungen zufolge stehen Liebe und Respekt im Umgang mit Frauen nicht unbedingt an erster Stelle, wenn es um die Belange der islamischen Gemeinschaft geht. 

Mit ihrer Arbeit will die türkischstämmige Regisseurin viele Frauen erreichen, die sich eine Veränderung in der Kultur des Islam wünschen.

Der Koran besagt, dass muslimische Frauen das Recht haben, einen Heiratsantrag anzunehmen oder abzulehnen, so wie sie es für sich am besten empfinden. Ebenso steht es verheirateten Frauen offen, ob sie die Familie unterstützen und ernähren wollen. Lorentzens Erfahrungen und Betrachtung prallen mit diesen Behauptungen jedoch komplett aufeinander. Die einzig bleibende Möglichkeit, Worte in Taten umzuwandeln, liegt für die Regisseurin darin, sich direkt an Allah zu wenden.

„Früher oder später wird Allah meinen Ballon bekommen“

Ihr Luftballon beinhaltet den Wunsch nach einem Wandel im Islam – der Wunsch ihrer Großmutter und vieler anderer Frauen, auch der Regisseurin selbst. Dabei geht es nicht darum, Jahre islamischer Geschichte, Religion und Kultur umzuwälzen. Es geht allein darum, Gleichheit zwischen allen Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, herzustellen. Früher oder später wird Nefises Luftballon sicher bei Allah ankommen.

Illustrationen: Teaser und letztes Foto im Text: (cc)Gabriela Camerotti/Flickr; Nefise Özkal Lorentzen: mit freundlicher Genehmigung der ©offiziellen Facebookseite von A Balloon for Allah; Video: (cc)IDFA/YouTube