FIFA will Lokalpatriotismus im Fußball stärken

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2008
Die FIFA will Fußballclubs zukünftig dazu verpflichten, zu Beginn eines Spiels mindestens 6 nationale Spieler aufzustellen. Im Namen des freien Personenverkehrs treten jedoch die Europaabgeordneten auf den Plan.

Sowohl auf dem Feld als auch im Abseits erhitzt der Fußball die Gemüter. Der Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, Sepp Blatter, hat dazu selbst bemerkt: "Wenige Clubs verfügen über alles: Geld, Spieler, Mittel." Um gegen eine Abnahme der Wettbewerbsfähigkeit vorzugehen, hat der 58. Kongress der FIFA am 30. Mai eine Verordnung verabschiedet, die eigentlich die sportliche Chancengleichheit stärker fördern soll.

©Lionoche's colorful world/flickrDiese Entscheidung soll das so genannte System "6+5" begünstigen, ein Projekt, das die Fußballclubs verpflichtet, zu Beginn einer Partie mindestens 6 nationale Spieler aufzustellen. Damit soll vor allem verhindert werden, dass die reichsten Fußballclubs die besten Spieler der Welt anwerben. "Heute spielen zahlreiche Clubs nicht mehr, um den Meistertitel zu ergattern, sondern um auf dem 4., 5. oder 6. Platz zu landen. Und einige Mannschaften stehen nur noch auf dem Platz, um den Abstieg zu verhindern", erklärt Sepp Blatter.

Auch die Ausbeutung junger erfolgversprechender Spieler durch diese Clubs soll duch die neue Richtlinie vermieden werden. Denn die bisherige Handhabung lässt den Fußballsport verarmen und macht die Spielerausbildung überflüssig. Letztlich soll diese Regel eine bessere Identifikation der Öffentlichkeit mit nationalen Clubs begünstigen, in denen mehr Spieler aus der Region spielen.

Europa nörgelt

©EuropaparlamentWenn das Projekt "6+5" auch für die Fußballwelt sinnvoll scheint, ist es in den Augen der Abgeordneten des Europaparlaments fragwürdig. Dieser Meinung sind vor allem der Franzose Guy Bono und der Brite Richard Corbett, die bereits am 8. Mai für eine Verordnung stimmten, die sich dem Projekt der FIFA widersetzt. Die Begründung: "Die Maßnahmen führen zu einer auf Nationalität beruhenden Diskriminierung", was europäischem Recht widerspricht. Momentan gibt es theoretisch keine Beschränkungen für Arbeitnehmer in der Eurozone. Es existieren zwar vorübergehende Bestimmungen für die neuen Mitgliedstaaten. Diese betreffen jedoch nicht die Fußballer als Arbeitnehmer.

Bosman-Urteil für die A-Liga

1995 bereitete das Bosman-Urteil der Diskriminierung im Sport aufgrund der Nationalität ein abruptes Ende und liberalisierte den europäischen Sportlermarkt. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) habe das Aufkommen des "Kapitalismus auf dem Finanzmarkt im europäischen Profi-Sport begünstigt. Und zwar mit einer tiefen Diskrepanz zwischen unserem Gesellschaftsmodell und den Bestrebungen unserer Mitbürger", stellt Guy Bono, Abgeordneter der Sozialdemokraten fest.

Die Zahl der ausgewanderten französischen Spieler ist beispielsweise in der Saison 1995/96 von 36 Spielern, die in englische, deutsche, spanische und italienische Ligen wechselten, in der Saison 2007/08 auf 95 gestiegen. Das Ziel des Bosman-Urteils wurde dementsprechend in die Tat umgesetzt, hatte aber gleichzeitig die Konzentration der besten Spieler in großen Fußballclubs zur Folge.

UEFA zwischen 2 Stühlen

Noch hält sich die UEFA von Michel Platini im Hintergrund. Sie ist seit Jahren darauf bedacht, sich der EU anzunähern und will daher die 6+5-Regel so entwickeln, dass europäisches Recht nicht missachtet wird. "Wir werden uns weiter bemühen, den Zielen der 6+5-Regel entgegenzukommen, da wir nur im rechtmäßigem Rahmen agieren können", erklärt Michel Platini.

©Scottish government/flickr

Schon seit Jahren versucht der europäische Fußball die lokale Ausbildung zu fördern. Sein offizielles Projekt lautet 4+4 (home-grown rule oder Gesetz zur lokalen Ausbildung). Es verpflichtet die Profi-Clubs dazu, 4 Spieler in ihrer Mannschaft aufzustellen, die im eigenen Verein ausgebildet wurden und mindestens 4 weitere, die aus der Liga kommen. Der Europaabgeordnete Richard Corbett betonte in der Vergangenheit die Ausgewogenheit der 4+4 Regelung. "Ich glaube nicht, dass die Kommission die Initiative ergreifen und diese Maßnahmen anfechten wird. Es zeichnet sich eher ein politischer Konsens zu ihren Gunsten ab", präzisiert er.

Welcher Ausweg?

Auch während der Europameisterschaft 2008 wurde dieses Thema fortlaufend diskutiert. Die besten Spieler aus der englischen Liga haben zur EM geglänzt, ohne dass sich das englische Team qualifizieren konnte. Sepp Blatter und Michel Plantini haben sich am 6.Juni in Brüssel mit Hans-Gert Pöttering, dem Präsidenten des Europaparlaments getroffen. Guy Bono ist am 26. Juni nach Wien gefahren, um mit dem Präsidenten der UEFA am Rande des Halbfinales zu sprechen.

Wenn das Abwerben im europäischen Fußball im Allgemeinen Einigkeit erzeugt, werden die in Betracht gezogenen Mittel noch zu debattieren sein. Die 6+5-Regelung der FIFA hat nur wenig Aussicht auf Erfolg. Auf der anderen Seite wird die 4+4-Regel als nicht ausreichend angesehen. Eine Sache wird sich aber auf keinen Fall ändern, stellt der Europaabgeordnete fest: "Wenn der Vertrag auch die Besonderheiten des Fußballs anerkennt, heißt das noch lange nicht, dass Fußball über dem Gesetz steht."