Fernweh in der Filterblase

Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2016

Die Filterblase wurde 2016 oft als Überltäter herangezogen, die unsere Gesellschaft spalte. Dabei war es noch nie so einfach wie heute, seiner Blase zu entkommen. Es genügt der Wille dazu. Oder?

Jonas blinzelte als das Telefon klingelte. Als freier Grafikdesigner hatte er noch bis in die Puppen vor seinem Bildschirm gesessen. Zugegeben, nicht nur für die Arbeit. Auf die konnte er sich schon seit ungefähr neun nicht mehr konzentrieren. Stattdessen klickte er sich immer wieder von Artikel zu Video, von Posts zu vorgeschlagenen Contents. „Wenn Sie diesen Artikel gemocht haben, gefällt ihnen bestimmt auch das hier.“ Die Wahlprognosen für den Zentrumskandidaten standen gut, er war ja in aller Munde. Alle Statistiken wähnten ihn bereits als Sieger. Sogar die Blätter, die Jonas nie las, setzten auf ihn. Da kann wohl nichts schief gehen. Er schloss die Augen.

Am nächsten Morgen brannten seine Augen, als er sein Handy klingeln hörte. Zuviel Bildschirm, sagte er sich. Am anderen Ende hört er seine Mutter, sichtlich aufgeregt: „Hast du gesehen Jonas?“, schrie sie ihm euphorisch ins Ohr. „Dein Bruder ist auf dem Titel!“ Als Jonas an diesem Morgen seinen Newsfeed öffnet, bricht eine Welt zusammen. Die seine. Ein 'Populist' sollte nun also zukünftig das Land regieren? Wie konnte das sein, wo doch alle Prognosen gestern so positiv waren? Und alle so auf die Populisten geschimpft hatten. Und von welchem Titel mit seinem Bruder war die Rede? Auf seinem Feed war nichts davon zu sehen. NICHTS. Keine Populisten, kein Brexit, kein Disaster. Nur grün. Alles grün.

Der Filter der Anderen

Jonas hatte seit Monaten keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder. Sie hatten sich aus den Augen verloren. Das letzte Mal hatten sie sich auf halbem Wege zum Frühstück verabredet. Irgendwann hatte sein Bruder dann den einen Satz über die Flüchtlingsinvasion gesagt, der Jonas auf die Palme gebracht hatte. Sein Bruder vertrat neuerdings politische Ansichten, die ihn nervten. Er lebte in einem anderen Viertel, hatte andere Freunde, bewegte sich nur noch in seiner eigenen Blase - sah immer alles rot. Da, wo Jonas grün sah. Also hörte er damit auf, die dubiosen Links des Bruders anzuklicken, seine Posts zu lesen, in seine Welt einzutauchen. Doch es wurmte ihn, dass er nicht mehr im Bilde war, rein gar nichts mehr vom Bruder wusste. Was er macht, was er denkt, was er fühlt. Sollten soziale Netzwerke die Menschen einander nicht näher bringen? Sie vernetzen? 

Jonas fühlte sich benebelt. Verarscht irgendwie. Diese konstruierten Filterblasen, in denen wir heute leben. Haben wir es uns in unseren Bubbles, die unser Ego streicheln, zu bequem eingerichtet? Algorithmen klauen uns die Streitkultur. Sie entzweien uns. In eine Welt des 50-50. Und das, obwohl es doch eigentlich einfacher denn je ist, seinem Filter zu entkommen. Ein paar Klicks genügen und hopp - schon ist man drüben, mischt seinen Grünfilter mit dem Rotfilter der Menschen, denen man offline kaum noch zu begegnen scheint. Online machts möglich. Mehr denn je. Man muss nur wollen. 

Klick. Jonas hatte den Feed der Zeitung geöffnet, deren Namen er noch nie zuvor gehört hatte. Und tatsächlich: sein Bruder war ganz oben auf der Homepage, in der ersten Reihe einer Demonstration für den populistischen Kandidaten, der die Wahlen knapp für sich bestritten hatte. Klick. Like. Jonas klickte sich weiter, immer weiter durch das Profil seines Bruders. Er klickte auf die Seiten, die sein Bruder liked, die Bilder, die Bekannten, die Kommentare. Like, like, like.

Filtert ihr noch oder lebt ihr schon?

Dann ging Jonas los. Er hatte es sich fest vorgenommen. Eintauchen wollte er in die Welt des Bruders. Nicht nur virtuell. Ihm wieder näher kommen, von den Sachen lesen, die der Bruder liest. Auch offline. Um wieder mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er kam relativ schnell an der äußersten Grenze seiner grünen Blase an. Aber wie hier rauskommen? Nach nur kurzer Zeit entdeckte er eine hauchdünne Wendeltreppe. Und eine winzige, fast unsichtbare Tür. Noch nie zuvor war ihm die Tür aufgefallen. Sah er sie jetzt nur, weil er raus wollte? Eine Sache war sicher, er hatte es noch nie versucht. Wahrscheinlich war es genug, es zu wollen, dachte sich Jonas. Schon war er draußen. 

Trotz der Algorithmen hatte er die grüne Blase hinter sich lassen können, weil er es wollte. Er fühlte sich gut. Herr seiner selbst. Er sprang in die nächste U-Bahn, fuhr in das Viertel des Bruders. War es nicht schon immer so gewesen, dass Auseinandersetzung eben Kraft kostete?, fragte er sich. Dass man sich mit Gleichgesinnten wohler fühlt? Waren Bekanntenkreis und Familientradition nicht die Algorithmen von gestern? Schon immer haben wir Medien gelesen und uns mit Menschen umgeben, die unsere politische Couleur und ähnliche Überzeugungen hatten.

Als Jonas endlich im Viertel des Bruders ankommt, hält er einen Moment lang inne. So lange war er schon nicht mehr hier gewesen. Ob es den alten Zeitungskiosk um die Ecke noch gibt, wo sie immer stundenlang verbracht hatten? Bevor er beim Bruder klingelte, wollte er sich noch die Zeitung kaufen, die seinen Bruder heute Morgen auf dem Titel zeigte. Nur ein kleiner Umweg sollte es sein, er wollte dem Bruder zeigen, dass er fähig ist, sich in ihn hineinzudenken. Doch als er um die Ecke biegt, wo der Kiosk immer noch wie jeher stand, waren alle Zeitschriften grün - wie er.