Fernsehserien: Was hat Amerika, das wir nicht haben?

Artikel veröffentlicht am 28. April 2010
Artikel veröffentlicht am 28. April 2010
Es gibt nur wenige Orte, an denen Amerikaner ihrem Heimatland entfliehen können. Man kann sich natürlich einem abgeschottet lebenden Stammesvolk im tiefsten Amazonas anschließen oder einen Berg in Tibet besteigen. Aber wenn man sich in der Zivilisation aufhält und den Fernseher einschaltet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man nicht lange nach einem amerikanischen Programm muss.
Sie sind überall.

Ich beneide meine europäischen Freunde oft darum, dass sie ihre eigene Kultur haben, die es nur in ihrem Heimatland gibt. Wenn ein Brite nach Frankreich geht, kann er den Franzosen alles über seine Lieblingsserie Hollyoaks erzählen. Ein Belgier kann in Italien Lobeshymnen auf Flikken singen. Aber wenn ich jemandem in Europa von einer amerikanischen Show erzählen will, die mir gefällt - dann kennen alle sie bereits. Sie sehen sie jede Woche entweder synchronisiert oder untertitelt, und sie lieben sie.

Lost, CSI, Heroes - wir kennen sie alle

Es ist das traurige Schicksal jener, die aus einem Land kommen, das seine Kultur in alle Welt exportiert. Man hat das Gefühl, keine eigene lokale Kultur zu haben. Meine Kultur gehört der ganzen Welt. Wenn aber ein Europäer in die Staaten geht, könnte er glatt vergessen, dass sein Heimatland überhaupt existiert. Schon mal versucht, im amerikanischen Fernsehen ein deutsches oder französisches Programm zu finden? Man braucht es gar nicht erst zu versuchen. Sogar auf eine britische oder irische Serie zu stoßen ist unwahrscheinlich. Ich wage zu behaupten, dass weniger als 2% der in den Vereinigten Staaten gesendeten Programme aus dem Ausland kommen. Nachdem ich vier Jahre lang in Großbritannien gelebt habe, würde ich den Anteil der amerikanischen Programme im britischen Fernsehen auf 50% schätzen.

Aber warum wird das Fernsehen (vor allem in Europa) derart von amerikanischen Fernsehserien dominiert? Das gilt natürlich nicht nur für das Fernsehen, sondern für Populärkultur im Allgemeinen: Filme, Musik, Spiele, Konsumgüter - alles kommt aus Amerika. Sind Amerikaner vielleicht einfach viel kreativer als andere Menschen? Wir kommen der Antwort vermutlich näher, wenn wir die Tatsache bedenken, dass die Vereinigten Staaten ein großer und gut erschlossener Markt sind. Hier bildete sich auch der erste Markt heraus, in dem eine einheitliche Sprache gesprochen wurde. Als sich neue Technologien wie Fernsehen, Film und Audio entwickelten (die meisten davon entstanden nebenbei bemerkt in Europa) fanden sie in den USA sowohl finanzkräftiges Kapital als auch eine sprachlich homogene große Bevölkerung vor: die ideale Kombination. Dank der vielen amerikanischen Zuschauer können Fernsehproduzenten auf eine kräftige Rendite hoffen. Da lohnt es sich, eine Menge Geld in eine Serie zu stecken. Mehr Geld bedeutet höhere Qualität, und höhere Qualität bedeutet höhere Einschaltquoten. Höhere Einschaltquoten bringen mehr Geld, und… nun ja, man ahnt, wie es weitergeht.

Dürfen wir jetzt, wo Europa zu einem gemeinsamen Markt zusammen gewachsen ist, der noch größer ist als die Vereinigten Staaten, darauf hoffen, in Europa mehr europäische Produktionen zu sehen? Wohl kaum. Aufgrund der relativ kleinen Sprachgebiete und der geringen Aussicht auf einen internationalen Export wollen Produzenten schlichtweg keine großen Summen in lokale Produktionen stecken, die kein garantiertes Publikum haben. Selbst in Großbritannien können Produzenten kaum auf den Export einer britischen Serie in die Vereinigten Staaten hoffen. Nur dann aber würden sich hohe Investitionen in eine Produktion rentieren. So werden wohl die besten Programme weiterhin aus den USA kommen, wo Produktionen nicht nur durch Einnahmen auf dem heimischen Markt, sondern auch durch die weltweite Vermarktung finanziert werden.

Europäischer Exportschlager: Reality-Shows

Ebenso wie 'The Office' schaffte es diese Serie bis in die StaatenEin beliebtes europäisches Fernsehformat hat sich jedoch in den letzten zehn Jahren auch in Amerika durchgesetzt: die Reality Show. Natürlich sehen sich die Amerikaner keine ausländischen Reality Shows an, aber sie schauen amerikanische Shows, die nach europäischem Vorbild konzipiert sind. Solche preiswerten Produktionen werden in Europa schon seit Jahren gemacht, und nachdem auch die Budgets amerikanischer Fernsehsender in letzter Zeit geschrumpft sind, hat man sich dort ebenfalls diesem wenig kostenintensiven Format zugewendet. Da wären beispielsweise American Idol (basierend auf dem britischen Pop Idol), Survivor (nach Expedition Robinson in Schweden) und Big Brother (nach der gleichnamigen niederländischen Produktion). Diese Beispiele beziehen sich alle auf das preiswerte Game Show- und Realityformat. Fiktionale Serien nach europäischem Modell sind eher dünn gesät - und allesamt aus Großbritannien importiert. Die Liste der Programme, die ein Erfolg waren, ist kurz: The Office, Dear John, Three’s Company, All in the Family, Queer as Folk. Für all diese Serien wurde jedoch eine amerikanische Neuversion produziert, die sich drastisch von der Vorlage unterschied. Nur eines dieser Programme wird im Moment gesendet.

Ist die Lösung einfach auf Englisch zu singen?Wie kann Europa Amerikas kultureller Dominanz ein Ende setzen? Das könnte man sich beispielsweise von der europäischen Musikindustrie abgucken. Musikproduzenten lassen Künstler zunehmend Songs, die nur für den europäischen Markt bestimmt sind, gleich auf Englisch aufnehmen und vermeiden landessprachliche Versionen. Ein Beispiel dafür ist Sarah Connor, die jenseits des europäischen Festlandes völlig unbekannt ist und trotzdem auf Englisch singt, um auch von ausländischen europäischen Radiosendern gespielt zu werden. Eine französische Radiostation würde ein deutsches Lied nicht spielen, wohl aber ein englisches. Vielleicht könnten sich europäische Fernsehproduzenten einer ähnlichen Strategie bedienen. Wenn man ein Programm über die Berliner Polizei produziert und ein europäisches Publikum damit ansprechen will, hat man vermutlich bessere Chancen, wenn die deutschen Schauspieler Englisch sprechen. Es mag demütigend sein, eine heimische Fernsehproduktion in einer Fremdsprache einzuspielen, aber Sprachbarrieren sind nun einmal die größte Hürde für europäische Fernsehproduzenten, die ein teures Programm produzieren wollen. Wenn man sich in Europa über die zunehmende Amerikanisierung des Fernsehprogramms ärgert, könnten auf Englisch gedrehte, auf ein gesamteuropäisches Publikum abzielende Programme in Zukunft die Lösung sein.

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Fotos: Sarah Connor ©SpreePiX - Berlin/flickr