Faule Säcke? Deutsch-französische Lehreransichten

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2008
Wissen und die Liebe zu Sprache und Literatur weitergeben - welch schöne Lebensaufgabe! Trotzdem ist der Lehrerberuf in der französischen und in der deutschen Gesellschaft mit allerlei Klischees behaftet. Ansichten zweier Lehrer von beiden Seiten des Rheins.

Gernot, 32, ist Französischlehrer in einem Gymnasium der Stadt Göppingen im Raum Stuttgart

©privat„Im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern besitzen die Lehrer in Deutschland einen recht hohen Status. Ich denke dies ist auf eine Tradition des Respekts gegenüber dem Lehrberuf, dem Wissen und der Kultur im Allgemeinen zurückzuführen. Dieser Status kommt eventuell auch daher, dass man in Deutschland recht lange studieren und viele Prüfungen ablegen muss, um Lehrer zu werden. Daher bekommt ein Lehrer in Deutschland ein Gehalt, was mit Sicherheit über dem europäischen Durchschnitt liegt. Er ist Beamter, was bedeutet, dass er eine lebenslange Jobgarantie hat.

Allerdings war es vor gar nicht all zu langer Zeit üblich, Lehrer als faul und erfolglos zu bezeichnen, als Personen, die es nicht geschafft hatten, sich in der Industrie oder auf dem freien Markt durchzusetzen. Selbst unser ehemaliger Kanzler Gerhard Schröder bezeichnete Lehrer als „faule Säcke“.

In meiner Arbeit mit den Eltern meiner Schüler erfahre ich viel Respekt und Vertrauen.

Gleichwohl haben die Medien in den letzten Jahren den schwierigen Alltag an einigen Schulen gezeigt und angefangen, die Arbeit der Lehrer mit einem wohlwollenden Auge zu betrachten. Jetzt habe ich dort, wo ich arbeite, in keiner Weise mehr das Gefühl nicht geschätzt zu werden. Natürlich höre ich immer noch Sätze wie: „Die Lehrer - immer in den Ferien.“ Aber in meiner Arbeit mit den Eltern meiner Schüler erfahre ich viel Respekt und Vertrauen. Und letztlich ist es das, was zählt.“

Orane, 36, ist Französischlehrerin…in Frankreich

„Ich denke, dass der Beruf des Lehrers nicht geschätzt wird. Meiner Meinung nach ist dies ein Problem der Kultur und der Erziehung. Es geht um die Werte, die den Kindern vermittelt werden, nicht nur durch ihre Eltern, sondern auch durch die Leitbilder, die in den Medien heraufstilisiert werden. Denn für viele junge Leute führt der Erfolgsweg nicht mehr über die Schule. Die Jugendlichen verstehen den Sinn von Kultur nicht, da sie darin keinen Nutzen sehen.

Lehrer sind in den Augen ihrer Schüler kein Erfolgsmodell mehr.

Hinzu kommt die schwache Kaufkraft der Lehrer. Dadurch wird der Beruf sozial abgewertet und Lehrer können somit in den Augen ihrer Schüler kein Erfolgsmodell mehr sein. Sie werden nicht mehr als Autoritätspersonen angesehen und daher nicht mehr respektiert.

Außerdem sind Lehrer nicht gern gesehen, weil sie in die große Gruppe der „Beamten“ eingeordnet werden. Diese werden von Menschen, die in der Wirtschaft arbeiten, als privilegiert angesehen. Die Vorstellung des Lehrers, welcher wenig arbeitet und oft Ferien hat, ist immer noch fest in den Köpfen verankert. Und selbst die schlechte Bezahlung von Lehrern, die überhaupt nicht mehr ihrem Studienabschluss entspricht und weit unter den Gehältern in der freien Wirtschaft liegt, ändert nichts an diesen Vorurteilen.“