Faschisten 2.0 - Verjüngungskur im Web

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2009
Ihr Ergebnis bei den Europawahlen lässt keine Zweifel offen: Die extreme Rechte besitzt Rückenwind. Eine neue Generation von Aktivisten hat die Verantwortung übernommen und die Politikgestaltung der Ultrarechten einer gründlichen Reform unterzogen.

Sie verkaufen CDs, auf denen kleine Mädchen für ein junges Publikum von weißem Stolz singen, Videospiele, in denen man auf alles Dunkelhäutige schießen muss, sowie T-Shirts mit verschlüsselten Slogans. Sie sind Engländer, Rumänen, Franzosen oder Schweden. Sie misstrauen den Medien und gründen eigene Presseagenturen, um ihre Informationen zu produzieren und zu verbreiten. Gabriele Adinolfi, Mitgründerin der 1978 gegründeten, italienischen, rechtsextremen Bewegung Terza Posizione, bestätigt: „Faschist zu sein heißt heutzutage pragmatisch zu handeln.“

„Faschist zu sein heißt heutzutage pragmatisch zu handeln.“

Lange Zeit geächtet, befinden sich die rechten Parteien im Umbruch. Die Europäische Union versucht seit den 1990er Jahren gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen, die nationalen Gesetzgebungen in diesem Bereich zu harmonisieren und die polizeiliche Kooperation voranzutreiben. Die extreme Rechte - in den 1990er Jahren in Frankreich, Österreich und Italien im Aufschwung - musste sich auf die Reaktionen der öffentlichen Meinung, der Medien und dem Rest der politischen Klasse gefasst machen. Sie hat sich daher angepasst.

In der Folge hat sich die extreme Rechte, die meistens eine „Aushängepartei“ mit einer Unmenge von Splittergruppen verbindet, in die großen Konsumkreisläufe (Musik, Kleidung, Merchandising) integriert und sich die europäischen Mediennetzwerke zu Nutzen gemacht. Eine erfolgreiche Strategie: Die extreme Rechte ist mittlerweile die stärkste politische Kraft bei den 15- bis 30-jährigen in Holland, Österreich und Tschechien. Ihr Einfluss wächst stetig.

Diese Strategie nennt man „Metapolitik“ - die Kunst politisch aktiv zu sein ohne dabei aufzufallen. Ganz in der Tradition von Denkern wie Guillaume Faye [Nouvelle Droite Française; Neue Französische Rechte; A.d.R.], schwimmt die extreme Rechte auf der Welle der „korrekten Anti-Politik“ und der Atemlosigkeit der Regierungsparteien mit, um neue Ausdrucksformen am Rande des offiziell Möglichen vorzustellen.

Metapedia, 2007 von jungen Schweden nach dem Modell der bekannten Enzyklopädie Wikipedia gegründet, bringt all diejenigen zusammen, die von den Wiki-Moderatoren der Seiten verwiesen wurden.

Metapedia existiert in 9 EU-Ländern, mit dem Ziel die politischen und philosophischen Debatten sowie die Art und Weise der Kultur- und Geschichtsdarstellung zu beeinflussen. Altermedia dient in 17 EU-Ländern als Bühne für diverse Bewegungen der identitären Rechten, von radikalen Christen bis zu heidnischen Antikapitalisten, die der Linken ihre traditionelle Vorherrschaft im Bereich von Kultur und Ideen streitig machen möchte. Im französischen Metapedia wird der Besucher von Diderot empfangen, im rumänischen Metapedia von Mihai Eminescu, Dichter des berühmten Gedichts "Kaiser und Proletarier".

Jacques Vassieux, Front National-Mitglied des Regionalrats in der französischen Region Rhône-Alpes und nationaler Verantwortlicher für die Abteilung „Observatoire et Riposte Internet“ der Jean-Marie Le Pen Partei, gründete 2008 die Website Nations Presse. Die Seite zählt monatlich etwa 350.000 Besucher sowie 25 Beitragende, darunter 2 professionelle Journalisten. Er erklärt: „Natürlich werden wir von der Internet Community sowie vom Rest ‚heruntergemacht‘. […] Das war einer der Gründe, weshalb wir die Website und die Abteilung gegründet haben. So können wir tagtäglich unser Gegengift versprühen.“

Laut Claudio Lazzaro, Autor der Dokumentation Nazirock, „hat sich die extreme Rechte von ihren Komplexen befreit. Sie nimmt sich das, was sie braucht, und wandelt es ohne jede Subtilität für die Kommunikation um.“ Lazzaro, der den Dialog mit der extremen Rechten befürwortet, da diese „nicht nur auf der Suche nach Legitimation ihrer faschistischen Ideale“ sei, findet es „alarmierend, dass sich Faschismus und Neofaschismus in zwei Parallelwelten entwickeln, als ob es sich um eine Wahl und nicht um eine rationale, laizistische Überlegung handelt“.

Noua Dreapta, Speerspitze der rumänischen Ultrarechten, präsentiert sich als „Bewegung“ anstatt als Partei. Somit entgeht man der Konfrontation mit den Wählern und kann seine Sympathisanten besser in andere Gruppierungen einschleusen. Die British National Party hat ihre Doc Martens mittlerweile gegen dreiteilige Anzüge ausgetauscht, verteilt unter ihren Mitgliedern Leitfäden zum guten Umgangston, nimmt Frauen als Mitglieder auf und benutzt die Geburtenrate als Waffe. Die neue Führungsgeneration, jünger und besser gebildet als früher, beherrscht die Kniffe der Kommunikation 2.0 und kennt ihr Publikum. Ob Rockkonzerte anstelle von traditionellen Meetings oder die Unterzeichnung von „Project Schoolyard“, einer Serie von Compilations, produziert von Panzerfaust Records: „Sie unterhalten nicht nur rassistische Kinder, sondern schaffen sie“.

„Vor zehn Jahren waren wir die Nazi-Idioten. Heute ist es in Ordnung Nazi zu sein. Wer weiß, wo wir in zehn Jahren stehen?“

Die Europäische Union hat zwar gute Absichten, scheitert jedoch an der mangelnden Unterstützung durch ihre Mitgliedstaaten, die „sich einer EU-Kontrolle ihrer Politiken und Praktiken entziehen“, wie der Bericht 2009 über die Grundrechtssituation in der EU beklagt. Man muss sagen, dass der ultrarechte Wählerblock für die rechten Regierungsparteien durchaus interessant ist. Diese scheuen nicht davor zurück rechte Wahlthemen aufzugreifen. Die Linke hingegen wirkt aufgrund ihrer vielfältigen internen Widersprüche peinlich berührt: Die langjährige Nummer Eins der mittleren und höheren Klasse hat ihre traditionelle Wählerschaft im Zuge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der sozialen Spannungen nicht ausreichend angehört.

Das Epizentrum des „erneuerten Nationalismus“ befindet sich in Mittel- und Osteuropa. Peter, NPD-Aktivist aus Bayern, hält fest: „Vor zehn Jahren waren wir die Nazi-Idioten. Heute ist es in Ordnung Nazi zu sein. Wer weiß, wo wir in zehn Jahren stehen?“