Farben: Sprichst du 'blün'?

Artikel veröffentlicht am 23. August 2012
Artikel veröffentlicht am 23. August 2012
Wir gehen davon aus, dass es einen Unterschied zwischen der Farbe von Gras und der Farbe des Himmels gibt, weil wir auf Deutsch zwei unterschiedliche Farbwörter hierfür benutzen: ‘blau’ und ‘grün’. Die meisten Sprachen verwenden jedoch nur ein Wort für beides. Bestimmt die Sprache also unsere Wahrnehmung von Farbe?

Auf Walisisch kann es kein Blau ohne Grün geben. Das Wort gwyrdd ist ein allgemeiner Begriff für grün. Das Wort glas hingegen kann alle Schattierung von grün (inklusive blau) bezeichnen. Deshalb heißt glaswellt, das walisische Wort für Gras, wörtlich übersetzt 'blauer Halm'. Walisisch wird im Englischen als ‘grue language’ (aus 'green' und 'blue') bezeichnet, als sogenannte ‘blüne Sprache’, also als Sprache, die nur ein einziges Wort für das Farbspektrum von blau bis grün verwendet. Da die meisten der heute existierenden 5.000 bis 6.000 Sprachen von weniger als 2.000 Personen gesprochen werden, können wir sagen, dass die meisten Sprachen 'grue languages' sind.

Schafft die Sprache unsere Wahrnehmung von Farbe?

Oder ist unsere Farbwahrnehmung ursächlich für die unterschiedlichen Farbbezeichnungen? Wissenschaftler behaupten, dass ethnische Gruppen, die in bergigen oder äquatornahen Gegenden leben, tendenziell blüne Sprachen sprechen, da sich durch die stärkere UV-Strahlung mit der Zeit gelbe Farbpigmente im Auge ansammeln, die die Fähigkeit, kurzwellige Strahlung am blauen Ende des Spektrums wahrzunehmen, beeinträchtigen. Farbwörter sind daher möglicherweise nur eine Reflexion dessen, was das menschliche Auge sieht.

Manche Sprachen haben unterschiedliche Wörter für Farben, die deutsche Muttersprachler als eine einzige Farbe wahrnehmen. Ungarisch und Türkisch haben unterschiedliche Wörter für dunkelrot und hellrot (vörös und piros, kırmızı und al). Andere Sprachen haben unterschiedliche Grundworte für dunklere und hellere Blauschattierungen: Im Russischen gibt es siniy und goluboy, im Italienischen azzuro und blu und im Griechischen ble und ghalazio. Für die Sprecherinnen und Sprecher dieser Sprachen sind diese beiden Farben wie für uns rot und rosa.

In Farbwahrnehmungstests während der letzten Jahre konnten russischsprachige Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewisse Blautöne schneller unterscheiden als englischsprachige. Daher nehmen wir an, dass die Sprache womöglich tatsächlich unsere Farbwahrnehmung beeinflusst. Der Sprachwissenschaftler Dan Everett behauptet sogar, es gebe Sprachen, die über keinerlei Farbworte verfügen. Pirahã, das von Völkern im Amazonas gesprochen wird, benutzt Sätze, um Farben zu beschreiben, wie zum Beispiel ‘Das sieht aus wie Blut’ für rot.

Foto: (cc)brookelynn16/flickr