Fall Madoff: Die Folgen einer globalen Hochstapelei in Europa

Artikel veröffentlicht am 6. April 2009
Artikel veröffentlicht am 6. April 2009
150 Jahre Haft drohen dem amerikanischen Abzocker Madoff. Seit Anfang März findet in New York der Prozess des Königs der Wall Street statt. Unter den Opfern des 65 Milliarden Dollar-Betrugs befinden sich auch mehrere Europäer.

Am 11. Dezember 2008 schlägt die Nachricht vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise wie eine Bombe ein: Bernard Madoff sei Drahtzieher eines Finanzbetrugs, der als einer der größten der Geschichte gilt. «Zutiefst bestürzt und beschämt» - so entschuldigte sich der siebzigjährige Amerikaner zum Prozessauftakt am 12. März 2009 in New York.

©Florian SEROUSSI/flickrDer ehemalige Bademeister und Autodidakt im Finanzwesen, der anschließend eine Investitionsgesellschaft gründete, wurde noch am Abend der Anklage schuldig gesprochen und inhaftiert. Ihm drohen 150 Jahre Haft. Dank eines Schneeballsystems, auch Ponzi-Trick genannt, köderte er über Jahre hinweg Milliardäre und Bankgruppen mit außergewöhnlichen Renditen.

Die europäischen Länder sind unterschiedlich stark betroffen. Neben der Schweiz, der ein Verlust von 5 Milliarden Euro droht, scheint Spanien am stärksten betroffen. Spanische Investoren der Santander, wichtigste Bank des Landes, und deren Investitionsfond Optimal müssen mit Verlusten von mehr als 3 Milliarden Euro rechnen. In Frankreich sind Banken (BNP Paribas), Versicherungsgesellschaften und Privatleute betroffen. Die Verluste sollen sich auf über 500 Millionen Euro belaufen. Ein Franzose, Thierry de la Villehuchet, war das erste Todesopfer in Zusammenhang mit der Hochstapelei. Der nach New York ausgewanderte Banker nahm sich im November letzten Jahres das Leben, nachdem er seine Kunden um beachtliche Summen gebracht hatte. Auch Italien blieb nicht verschont. Die Verluste sollen sich mit bis zu 75 Millionen Euro beziffern lassen. England könnte mit seiner Bank HSBC, dem drittgrößten Unternehmen der Welt, bis zu einer Milliarde Euro verloren haben, die Royal Bank of Scotland bangt um weitere 450 Millionen Euro.

©DoctorWho/flickr

Europaparlament in Aktion

Nach und nach klärt sich der Fall auf - die reellen Verluste sind aber immer noch schwierig zu beziffern. Komplizen tauchen auf. So zum Beispiel der Finanzberater des Bankers, David Frielhing, dem vorgeworfen wird, Konten und Dokumente gefälscht zu haben. Gerichtsverfahren und Ermittlungen häufen sich. Mehrere Klagen und Ermittlungen wurden in Frankreich gegen BNP Paribas und UBS eingeleitet, um herauszufinden, welche Rolle sie im Fall Madoff gespielt haben. In gleicher Weise wird in England, Italien, Spanien und anderen betroffenen Ländern verfahren. Man versucht nachzuvollziehen, warum der Betrug so lange unentdeckt bleiben konnte. Manche beschuldigen Banken wie HSBC, die europäischen Vorschriften nicht beachtet zu haben. Opfer und Kunden versuchen sich zusammenzuschließen und die nationalen Finanzkontrollbehörden dazu zu zwingen, für mehr Transparenz und Verantwortung zu sorgen.

Der Fall Madoff, von dem einer spanischen Anwaltskanzlei zufolge mehr als 3 Millionen Menschen in 25 Ländern direkt oder indirekt betroffen sein sollen, wirft viele Fragen auf. Die Debatte um Spekulationsfonds und Heterogenität der europäischen Reglementierungen wurde somit wieder angekurbelt. Das Europaparlament machte Nägel mit Köpfen. So gab es im Januar 2009 auf die Empfehlung der EU-Kommission hin grünes Licht für die Neufassung der Richtlinie „Koordinierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften betreffend bestimmter Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren (OGAW)“. Die 1985 eingeführten OGAW-Fonds sind im europäischen Finanzsektor beliebt und unterscheiden sich deutlich von den amerikanischen Fonds.

Im weiteren Sinn trägt der Fall zur Beschleunigung von Projekten zur Reform des Kapitalismus bei. So haben sich die am 19. und 20. März in Brüssel im Europäischen Rat versammelten Staats- und Regierungschefs der EU auf eine bessere Regulierung des europäischen Finanzsystems verständigt. Europa will mit gutem Beispiel vorangehen und sich vereinen, um die noch zurückhaltenden amerikanischen Partner davon zu überzeugen, dass eine Neugestaltung des Kapitalismus notwendig ist.