Faction-Literatur: Der seltsame Fall des Ryszard Kapuściński

Artikel veröffentlicht am 26. März 2010
Artikel veröffentlicht am 26. März 2010
In Polen gilt Ryszard Kapuściński als „Journalist des Jahrhunderts“. Die am 3. März veröffentlichte neue Biographie Kapuscinski Non Fiction stellt jedoch nach dem Tod des Idols die Frage nach dem Wahrheitsgehalt vieler seiner Inhalte und löste in Polen kurzerhand eine heftige Debatte aus.

BuchcoverEs war Alicja Kapuscinska, die Witwe des 2007 verstorbenen Kapuściński, selbst, die Artur Domasławski den Zutritt zum Archiv ihres Mannes gewährte. Am 24. Februar jedoch verlor die Mutter eines Kindes den Prozess gegen den Autor des Buches Kapuscinski Non Fiction (2010). Die Witwe behauptet, sie sei nicht darüber informiert gewesen, dass Domasławski, der Journalist bei der Warschauer Tageszeitung Gazeta Wyborcza ist, eine Biographie über ihren Mann schreiben wolle. Ihr sei gesagt worden, es handle sich um ein Buch über sein Werk.

Und die Wogen schlugen noch höher: Der frühere polnische Außenminister Władysław Bartoszewski verglich das Buch in einem Radiointerview wenige Wochen später mit einem „weltweiten Bordell-Reiseführer“. Der sowohl in Polen als auch im Ausland hochgeschätzte Beauftragte des polnischen Premierministers für internationale Fragen und Ausschwitz-Überlebende betonte, er habe das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht tun. In Zukunft werde er auch nicht mehr mit dem Verleger Świat Książki zusammenarbeiten. Artur Domasławskis Kollegen wiederum beschuldigen ihn der Sensationslust und Parteilichkeit zum Schaden des Rufes des „Meisters“.

In 30 Sprachen übersetzt: Reportage oder Fiktion?

Zwei Diskussionspunkte hatten die öffentliche Debatte kurz nach Erscheinen des Kassenschlagers Kapuscinski Non Fiction am 3.März entfacht. Erstens wird Kapuściński, der als Korrespondent der polnischen Nachrichtenagentur (PAP) aus Afrika, Nahost und Lateinamerika Bericht erstattete, in Domasławskis Buch beschuldigt, reelle Ereignisse literarisch eingefärbt zu haben. Zweitens soll er mit den kommunistischen Behörden der Volksrepublik Polen (zwischen 1952 und 1989 - A.d.R.) zusammengearbeitet haben. Als Journalist in der sozialistischen Epoche versteckte Kapuściński seine linksgerichtete politische Orientierung nicht.

Der Autor der Skandal-Biographie "Kapuscinski Non Fiction" vor einem Porträt von Reporterlegende Ryzsard KapuscinskyDiese Tatsachen würden jedoch niemandem das Recht geben, den Wert von Kapuścińskis Arbeiten in Frage zu stellen, sagen nun die Kritiker. Ansonsten müsste mit den Artikeln amerikanischer Korrespondenten, die, ähnlich wie Kapuściński, während des Kalten Krieges von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs über Ereignisse in Entwicklungsländern berichteten, genauso verfahren werden.

Die wesentlich komplexere Frage bleibt jedoch, wie viel Fiktion in einem journalistischen Artikel steckt. „Das Problem bei Kapuściński ist, dass seine literarischen Werke heute viel mehr geschätzt werden als seine Arbeit als Journalist“, schreibt Domosławski in einem Auszug seines Buches. „Seine Bücher sind Literatur und haben zweifelsohne einen hohen künstlerischen Standard. Es wäre demnach jedoch besser, wenn Kapuścińskis Werke nicht als journalistische Sammlungen verkauft würden, auch wenn er seine Berichte auf teilweise reelle Fakten stützt.“ Die Diskussion über die Grenzen von Fiktion in journalistischen Texten ist nicht neu. Vor über 50 Jahren eroberte ein neues literarisches Genre, die so genannte Faction-Literatur, ein Kofferwort, das Fakten (engl. facts) und Dichtung (engl. fiction) verbindet, die Literaturszene.

Kapuścińskis Haltung zu „objektivem“ Journalismus

Kapuściński selbst hatte eine eigenwillige Auffassung zur Objektivität im Journalismus. „Ich glaube nicht daran“, sagte er in einem seiner Interviews, so wie es in Domosławskis Buch abgedruckt ist. „Ich glaube nicht an irgendeine formelle Objektivität. Ein Journalist kann nicht nur ein unbeteiligter Zeuge sein, er sollte auch im Besitz eines Charakterzuges sein, den Psychologen Mitgefühl nennen. Sogenannter objektiver Journalismus ist in Konfliktsituationen nicht möglich. Jeder Versuch, in einer solchen Situation objektiv zu sein, führt nur zu Falschinformationen.“

Um die wichtigsten Standpunkte in Kapuścińskis Werk zu verstehen, reicht es, sein berühmtes Buch König der Könige (1978) zu lesen, in dem der polnische Journalist das Porträt des äthiopischen Monarchen Haile Selassie zeichnet. In seinem Buch wiederum entkräftigt Domosławski jedoch Kapuścińskis Behauptung, der zufolge Haile Selassie Analphabet gewesen sei. Der Autor von Kapuscinski Non-Fiction geht davon aus, dass der letzte Kaiser von Äthiopien im Gegenteil recht gebildet gewesen sei und in mehreren Fremdsprachen lesen konnte. Ein aufgeklärter Herrscher jedoch, der sogar bescheidene Reformideen hegte, passe nicht in das Bild eines Despoten, der sein eigenes Land ruinieren wollte.

Kapuściński beschreibt historische Ereignisse auf recht nonchalante Art und Weise. Wie er selbst zugab, konzentrierte er sich vorrangig auf eine „Verstärkung der Realität“, auch wenn dies zu einer Verfälschung der historischen Details führen sollte. In König der Könige wird die Verzerrung der autoritären Herrschaftsweise bewusst eingesetzt, während in Schah-in-Schah(1982), Kapuścińskis Bericht über den letzten Shah von Persien, autoritäre Herrschaft als ein Mittel zur Revolution geschildert wird. Domosławski schließt seine Biographie mit der gewagten These, dass Kapuścińskis Werk, wäre es nicht an der Grenze von Realität und Fiktion angesiedelt, heute sicherlich nur halb so berühmt wäre.

Fotos: ©mermadon 1967/flickr; ‘Mistrza’ ©Artur Domosławski; Świat Książki/ Video: ©gaberini202 on Youtube