Facebook: Und was für ein Gendertyp bist du so?

Artikel veröffentlicht am 9. September 2014
Artikel veröffentlicht am 9. September 2014

Seit letzter Woche hat man in Deutschland nun bei Facebook die Möglichkeit zwischen 60 verschiedenen Geschlechtereinstellungen zu wählen. Facebook reagiert damit auf die gestiegene Zahl der Anfragen von Nutzern, die sich durch Vorgabe "Mann" und "Frau" eingeschränkt sahen. Somit ist Deutschland das erste nicht-englischspachige Land, welches diese Option bietet. 

Vorbild für diese Änderung war die US-Version von Facebook, bei der schon seit Februar dieses Jahres die Möglichkeit besteht, aus mehreren Optionen zu wählen, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Zusammen mit dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hat Facebook Deutschland die Optionen der US-Version nun übernommen und ergänzt. Am Ende blieben 60 verschiedene Optionen, darunter nicht nur Begriffe wie beispielsweise "transgender", "Drag" oder "genderqueer", sondern auch "geschlechtslos". Zudem kann man nun angeben, ob man mit "sie", "er" oder beidem gleichzeitig angesprochen werden möchte und ob die persönliche Wahl öffentlich sichtbar ist. Biologisches Geschlecht und Gender sind auf Facebook also nun endlich zweierlei.

60 verschiedene Optionen der Selbstindentifizierung. Klingt ziemlich viel, da muss ja eigentlich für jeden etwas dabei sein, oder? Entscheiden muss man sich letztendlich doch. Und darin liegt ein deutlicher Schwachpunkt dieses Konzepts, denn die Bezeichnungen für sexuelle Gruppierungen sind so individuell wie die Menschen selbst. Einheitlich definierte Begriffe finden sich noch nicht einmal im Duden. Und das zu Recht. Denn das Problem ist ja nicht nur, dass Sexualität etwas sehr persönliches ist, sondern auch, dass sich diese Begrifflichkeiten sehr schnell ändern. Was früher "gay" war, wird heute eher zusammengefasst zu LGBTI, wer früher eine "Transe" war bezeichnet sich vielleicht heute eher als "queer". Oder auch mal so, mal so. Je nach persönlicher Entwicklung.

Aber wenn dies alles so stark im Wandel ist, warum muss man dann sein Geschlecht überhaupt angeben? Damit man den anderen besser einordnen kann? Damit potentiell Interessierte direkt abchecken können, ob man für sie als Sexualpartner in Frage kommt? Kann ich so Menschen, die mir ein zu verrücktes Geschlecht haben, sofort aus meiner Freundesliste aussortieren? So ganz klar wird nicht, warum öffentliche Profile überhaupt einer Angabe diesbezüglich bedürfen, denn Mensch ist Mensch und vielleicht sollte man sich in Zukunft einfach von jeglichen Geschlechts- und Genderbezeichnungen im öffentlichen Raum freimachen. Allerdings: "Für viele ist es extrem wichtig, ihre Identität darzustellen", so Facebook-Sprecherin Tina Kulow in einem Interview. Gerade auf Facebook, wo das Profil immer auch Ausdruck der Persönlichkeit ist und dazu dient, sich selbst zu definieren, ist somit auch die Zuordnung zu einer bestimmten Gender-Gruppe offenbar sehr wichtig.

In jedem Fall zeigt es eines: Gendervorstellungen sind immer verknüpft mit kulturellen Rollenbildern und diese haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. "Mann" und "Frau" sind spätestens seit Conchita Wurst nicht mehr die einzige Möglichkeit der sexuellen Orientierung. Mittlerweile geht man davon aus, dass ca. 3 Prozent der deutschen Bevölkerung ihr Geschlecht nicht in diesem Gegensatzpaar wiederfinden. Das ist nicht die Masse, aber die Neuerung auf Facebook hat vor allem einen symbolischen Wert. Es zeigt, dass der Wunsch seine Sexualität fernab von Gendernormen leben und ausdrücken zu können, ernstgenommen wird. Das ist keine Revolution, aber ein kleiner Beitrag im Genderdiskurs, auf dem Weg zu mehr Offenheit und Toleranz. Vielleicht werden diese Bezeichnungen dann irgendwann komplett überflüssig. Wünschenswert wäre es. Und deshalb ist diese Neuerung so wichtig und gut.