Facebook, Twitter, Instagram: Die Leiden der jungen Narzissten

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2013

Was hat es auf sich mit diesen seltsamen Verhaltensweisen, nervigen Facebook-Persönlichkeiten und unerträglichen Twitter-Fans? Eine Streitschrift gegen die Epidemie des sozialen Narzissmus. 

Angestiftet durch die jahrelange Lektüre von Posts über die nächsten Jahreszeugnisse, das Wetter (Regen!!!!!! oder Wo bleibt der Sommer????? – weniger als drei Fragezeichen zählen dabei kaum) und über die stagnierende politische Situation unserer italienischen Bananenrepublik, wollte ich gerade mein Werk beginnen, als mir die Wahrheit wie Schuppen von den Augen fiel. Eine Katharsis, eine Epiphanie fast wie bei Joyce: Der digitale Narzissmus - c'est moi. Selig ob meiner angenommenen Überlegenheit hatte ich ganz vergessen, dass auch ich ein Profil auf Facebook habe und – Schande über mein Haupt – sogar bei Twitter vor Ort bin. Auch ich bin also ein – wenn auch kleines, so doch bedeutsames – Zahnrad in dieser Kriegsmaschinerie. Und auch wenn ich meine, immun gegen den „Ich bin öffentlich, also bin ich“-Virus zu sein, habe ich mich doch schon 2008 bei all diesen Narzissten-Netzwerken angemeldet. 

Facebook-Junkies

Andrew Keen benutzte erstmals den faszinierenden Begriff des „digitalen Narzissmus“ in seinem Essay The Cult of the Amateur, in dem er unter anderem die These aufstellte, dass „die sozialen Netzwerke die Erfindung selbstreferentieller Produkte erleichtern.“ Zahlreiche Psychologen und Soziologen haben sich seither die Frage nach den möglichen Gründen dieser zeitgenössischen Pandemie gestellt: Ist es der Wunsch nach persönlicher Bestärkung in einer sich im Auflösen begriffenen Gesellschaft oder nur die Notwendigkeit, sich selbst zu behaupten?

Laut den Ergebnissen einer kürzlich im britischen Guardian veröffentlichten Studie besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Facebook und dem eigenen Charisma: Eine Umfrage unter 294 Studenten hat gezeigt, dass die Befragten, die ihr eigenes Profil häufig aktualisieren und eher dazu neigen, Freundschaftsanfragen von Unbekannten positiv zu beantworten, auch erhöhte Werte im Bereich der als GE (Egozentrik, Eitelkeit, Arroganz und exhibitionistische Tendenzen) und EE (Bewusstsein für den eigene Anspruch auf Respekt und der Wille, andere zu manipulieren und zu benutzen) bezeichneten Eigenschaften erzielen.

Und tatsächlich hat der typische Facebook-Abhängige ein Profil, dass an das eines Raubtieres erinnert, das sein Revier markiert: Er unterstreicht beispielsweise regelmäßig seine Macht durch Grenzüberschreitungen auf den Walls anderer Facebook-Nutzer. Aber was machen denn eigentlich alle anderen, die nicht zur mikroskopisch kleinen Minderheit der aufrichtigen Seelen gehören, die den Mut gefunden haben, der virtuellen Welt auf Wiedersehen zu sagen? Sind sie nicht vielleicht gar eifrige Mitspieler? Das ist wohl wahr, denn der echte „digitale Narzisst“ ist eine stille und chamäleonhafte Person, eine Art „Schatten“ der sozialen Netzwerke. Vom Zweifel gequält, ob sein Post es auch schaffe, im Medium der Likes mitzuhalten und somit sozial akzeptabel zu sein, entscheidet er sich für Abstinenz und wählt den Untergrund. Sein Profil ist seit Monaten wie eingefroren und es finden sich dort nur einige uralte Geburtstagswünsche von wirklich treuen Freunden. Ob er darauf geantwortet hat, ist unwichtig: Es geht nur um die Kontrolle. 

Die Leiden der jungen Narzissten

Das soziale Netzwerk, das dieses Getue am wenigsten pflegt, ist Instagram. Und trotzdem: Nach monatelangen Peinlichkeiten hat sich Valentina endlich dazu durchgerungen, ihr Profil zu löschen: „Es war mir peinlich, nicht so viele Follower zu haben und es nicht zu schaffen, mehr als drei Fotos zu veröffentlichen. Deswegen habe ich mich so geschämt, dass ich mein Profil gelöscht habe.“ Valentina zuckt noch nicht einmal mit der Wimper: „Eine meiner Freundinnen hatte 60 Follower, ohne jemals ein einziges Foto hochgeladen zu haben. Wie kann man nur Follower von jemandem werden, der überhaupt keine Fotos veröffentlicht?“

Im Gegensatz hierzu macht es einem das Netzwerk Twitter bei Weitem leichter, nur eine latente Präsenz zu unterhalten. Die meisten Follower sind nämlich so sehr damit beschäftigt, in jeder nur freien Sekunde auf ihre Tastaturen zu hämmern, dass ein fehlender Beitrag kaum bemerkt wird. Deshalb belegt Twitter in der Hitparade der nervigen sozialen Netzwerke auch den ersten Platz, da dort jeder, in dessen täglichem Leben wirklich rein gar nichts passiert, dies immer wieder und bis zur Verblödung all den Armen, die ihn umgeben, ins Gedächtnis zurück rufen kann. Ach! Auch ich muss mich dieser Sünde anklagen. Von Neugier angetrieben und von einem gewissen Nachahmungseifer besiegt, habe auch ich vor einiger Zeit beschlossen, den sicheren Hafen des Verstands hinter mir zu lassen und mich mit Inbrunst in das soziale Netzwerk zu werfen, das ich doch so lange stürmisch bekämpft hatte. 

Die Tweet-Abhängigen

Ich hatte beschlossen, dabei umsichtig vorzugehen und, in Erinnerung der nervigen Anzahl von Bekannten, die jeden Tag Plattitüden auf meiner Facebook-Timeline posten, habe ich mich ängstlich an meine Basiskontakte gewagt: eine gute Freundin und ein Paar andere Leute, die ich schätze. Und schon begann das verdammte Maschinchen zu schnattern: „Schon fünf Follower! Gut gemacht, weiter so!“ Oder sogar: „Suchst du noch mehr Follower?“ Sofort erfasst mich panische Angst vor ähnlichen unangemessenen Jubelrufen und ich schlage blindlings auf die Tasten los, bis ich endlich auf dem Follower-Profil meiner Follower lande, in einem Wirbelsturm von Tweets und auf dem Weg zur Tweet-Abhängigkeit. Es mag sein, dass meine Geduld nicht gerade weit reicht und ich auch eine gewisse Neigung zum Drama habe. 

Während ich also die Abhängigkeit anderer von sozialen Netzwerken anprangere, muss ich mich auch mit meiner eigenen Heuchelei auseinandersetzen: Wer sich über ein soziales Netzwerk beklagt, in dem er selbst angemeldet ist und das er mehr oder weniger häufig besucht, ist wie ein Vegetarier, der zu McDonald's geht. Die Lösung?  „Raus aus den Netzwerken!“ sagen die einen. „Soziale Netzwerke nur zu gewissen Zeiten, zum Beispiel einmal pro Woche besuchen“, meinen die anderen.

Die Wahrheit liegt wohl dazwischen. Soziale Netzwerke sind die am schwersten zu definierende Droge unserer Zeit, aber sie sind auch ein Allheilmittel für viele Kommunikationsprobleme und – leider oder glücklicherweise – die Konkretisierung der Philosophie der Moderne: Alles wissen, mit jedem kommunizieren, zu welcher Tageszeit und überall weltweit.