Facebook? Nein danke!

Artikel veröffentlicht am 21. August 2009
Artikel veröffentlicht am 21. August 2009

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Mehr als 250 Millionen Menschen, 100 Millionen davon allein in Europa, sind dem Charme von Facebook erlegen. Eine Zahl, die allerdings bald schon veraltet sein dürfte, da sich pro Woche mehr als 5 Millionen neue Nutzer anmelden. Doch immer mehr Menschen ziehen einen Schlussstrich unter ihre Beziehung mit dem Giganten aus Palo Alto (einer Kleinstadt im Silicon Valley; A.d.R.).

„Ich ertrage einfach diese dummen Fotos nicht, die von anderen mit nichtssagenden Ausdrücken wie hey, cool oder lol kommentiert werden. Genauso schlimm ist die Kommunikation über Abkürzungen, die mit dem generellen Verlust eines Minimums an komplexer Ausdrucksfähigkeit einhergehen.“ Das meint Carolin, eine deutsche Musikwissenschaftsstudentin, die das letzte Jahr Erasmusstudentin in Paris war.

Ich kann auch ohne dich! Oder etwa doch nicht?

Carolin hat ihr Facebook-Profil schon einen Tag nach ihrer Anmeldung wieder gelöscht, sich kurz darauf aber wieder angemeldet. „Auch wenn es mir nicht gefällt, dass meine persönlichen Daten im Internet herumschwirren, wollte ich die Möglichkeit weiter nutzen, auf einfache und schnelle Weise mit Freunden in anderen Ländern zu kommunizieren. Ich versuche aber, meine Zeit nicht zu verschwenden und nicht ständig vor dem PC zu kleben und auf Facebook herum zu surfen.“ Carolin ist kein Einzelfall. In Internetforen sind viele Kommentatoren gegen Facebook und begründen ihre Ablehnung mit der Gefährdung der Privatsphäre durch das Netzwerk.

Der französische, in San Francisco wohnhafte Schriftsteller und Journalist Francis Pisani ist Experte für Informationstechnologien. Er schreibt seit mehr als 5 Jahren das Blog Transnets auf der Website der Tageszeitung Le Monde. Sein Verhältnis zu Facebook ist gespalten: „Meine Privatsphäre wurde nicht ausreichend geschützt und deswegen hörte ich nach einiger Zeit auf, Facebook zu nutzen. Ich möchte die Kontrolle darüber behalten, wer meine Beiträge und Informationen lesen darf.“ Bessere Wahlmöglichkeiten in Bezug auf die Informationen, die ins Netz gestellt werden, wären der Schüssel zu einem effektiveren Schutz. „Ich glaube, dass wir in 20 Jahren eine ganz andere Einstellung zu unserem Privatleben haben werden. Wenn man in den USA weiß, dass du betrunken warst, untreu gewesen bist oder Drogen genommen hast, kann dich das das Präsidentenamt kosten."

Die dunkle Seite der virtuellen Netzwerke

Nicht nur der Mangel an Privatsphäre ist beunruhigend. Der Erzbischof von Westminster, Vincent Nichols, behauptete im Interview mit dem Daily Telegraph, dass soziale Netzwerke „entmenschlichten“. Seine These, dass die Nutzung von Netzwerken wie Facebook oder Twitter mit dem Selbstmord von Jugendlichen in Verbindung stehe, löste Wellen der Entrüstung aus. Nichols begründet seine These damit, dass durch zeitlich begrenzte, schnell wechselnde Beziehungen Traumata entstünden. Die Antwort aus den social network-Kreisen ließ nicht lange auf sich warten. Even Williams, Geschäftsführer von Twitter, zog gegen Nichols zu Felde und stellte klar, das genau das „die Art von Dummheiten wären, die jemand von sich gibt, der keine Ahnung von sozialen Netzwerken hat.“

Kirche und Militär sind sich trotzdem einig. Im Pentagon, der Schaltzentrale der größten Militärmacht der Welt, will man nichts von Facebook wissen. Am Monatsanfang wurde den Angestellten des Marine-Corps der Zugriff auf soziale Netwerke aus Sicherheitsgründen gänzlich verboten. Doch auch wer den Thesen von Nichols keinen Glauben schenken und nicht beim US-amerikanischen Militär ist, findet leicht gute Gründe, auf Facebook zu verzichten. So etwa meint der Verantwortliche des spanischen Blogs Ponzonha: „Wenn ich etwas über einen Freund wissen will, dann rufe ich ihn an und er erzählt es mir. Er will diese Dinge nicht über ein virtuelles Netzwerk erfahren. Dort wird doch vor allem über Nichtigkeiten und Sachen, die mich überhaupt nicht interessieren, berichtet. Deswegen hat man wohl diese ganzen Onlinespiele und Kreuzworträtsel eingebaut, weil es sonst einfach zu langweilig wäre. Mir gefällt auch die Aussicht nicht, wieder auf die Idioten aus der Grundschule, dem Gymnasium oder dem Studium zu stoßen.“

Ein Spielplatz für Möchtegern-Psychologen

Zu den Spielen zählen auch eine große Anzahl Psychotests: Welche Simpsonsfigur bist du? Was für einen Charakter hast du? Für Carolin sind diese Spielchen „Tests für Möchtegern-Psychologen, die simple Lösungen für komplexe Sachverhalte anbieten.“ Aber trotz der harschen Kritik ist Facebook ist nun mal eine Realität, der man schwer entkommen kann. So sind auch Carolin und der Erfinder von Ponzonha wieder ins virtuelle Netz gegangen. „Ich bin kein Fundamentalist, ich kann meine Meinung ändern“, rechtfertigt sich der Blogger.

Sitzt Facebook auf dem absteigenden Ast?

Das Wachstumspotential von Facebook ist allerdings vor allem in Hinblick auf die Ausbreitung des Internets in Indien, Brasilien und China, dem Land mit den meisten Internetnutzern, offensichtlich. Nicht umsonst meint Pisani: „Facebook ist (im Vergleich mit den Bevölkerungszahlen „real“ existierender Staaten; A.d.R.) das viert- oder fünfgrößte Land der Welt! Aber das alles wird auch mal ein Ende haben. Facebook hat wichtige Grenzen geöffnet und wird deshalb weiter wachsen. Aber Imperien gehen auch wieder unter.“

Bill Gates, Herrscher über ein anderes, allerdings schon schwächelndes Imperium, hat seinen Abschied aus dem Netzwerk angekündigt. Schuld daran sei die Schwierigkeit, unter den 10.000 Freundschaftsangeboten, die ihn überrollen, die Leute herauszufiltern, die er wirklich kenne. Wenigstens das Problem haben normal sterbliche Facebook-Nutzer nicht.