Facebook, Krimis, DDR: Die Denunzianten kommen

Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2011
Nach Herzenslust amüsiserten sich drei französische Angestellte auf ihrer Facebook-Pinnwand über die Vorgesetzten - kurz darauf wurde ihnen gekündigt. Zwischen beiden Ereignissen besteht ein logischer Zusammenhang in Form eines Denunzianten, der auf Facebook jedoch ihr „Freund“ war. Die Denunzianten: kaum ein gutes Drehbuch ohne sie...

In jeden guten Krimi entpuppt sich ein eigentlich Unverdächtiger als balance (frz. Anschwärzer). Ob enger Freund oder unerkannter Feind, die Geschichte des Kinos ließe sich anhand des - verdeckt agierenden - mouchard (frz. für Spitzel) erzählen, der einen insgeheim verkauft und dabei seinen Schnitt macht. Nicht bei Tage und erst recht nicht „Im Schatten der Nacht“: Bei Nicholas Ray ahnen die Potagonisten nicht, dass sie Opfer einer infame sind, wie die Schandtat auf Italienisch heißt; sie warten ab und tanzen.

Beendet wird die Party stets durch den soplón, wie der Spitzel auf Spanisch heißt. Und hat auch der Bruch geklappt und alle glauben sich in Sicherheit, so sorgt doch ein „Lästermaul“, in Spanien ein bocazas, für eine unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen. Die Menschheitsgeschichte wurde mit dem (Angst-)Schweiß der rapporteurs (französisch Zuträger) geschrieben: Weiß man, wie sie zu dingen sind, so übersteigt ihr Einfluss den der Helden. „Der Verräter“ von John Ford zeigt den tragischsten poucave (Spitzel, französisches Lehnwort aus dem Romanes) der Kinogeschichte. Hierin nutzen die Engländer die Dienste eines armen Mannes als telltale (Petzer auf Englisch), um durch diesen Informanten (auf Englisch informer) zum Kern der IRA vorzustoßen.

Doch Fiktion und Realität sind nie weit voneinander entfernt: Wer hätte ein Drehbuch ersinnen können, in dem drei Angestellte geschasst werden, weil ein pettegolo, wie die Klatschmäuler in Italien heißen, dem Chef gepetzt hat, was die drei auf ihre Facebook-Pinnwände geschrieben haben? So geschehen bei der französischen Firma Alten. Die drei wähnten sich unter Facebook-Freunden, nannten sich «club des néfastes» („Club der Schädiger“) und versprachen „ihrer Personalchefin, das Leben für viele Monate sauer zu machen“. Zu deren Glück durchkreuzte ein chivato (spanisch für Spitzel und Zicklein) die Schädigungsabsicht der „Aufwiegler“ wie sie von der französischen Justiz genannt wurden.

Wer aber dankt diesem maskierten Rächer seinen Treuetat zugunsten der Obrigkeit. Niemand. Wir alle wissen: Ein cafteur (frz. Spitzel) kommt nie als Sieger aus dem Spiel. Es plagen ihn Gewissensbisse und schier unerträglich ist die Bürde seiner Schuld. Es sei denn, wie der Agent Wiesler, sei er sich schon ganz von alleine darüber im Klaren, welche Verheerungen seine infamata (Schandtat auf Italienisch) für Das Leben der Anderen bedeutet.

Illustration: ©Henning Studte