"Fabbriche di Nichi" in Westeuropa: Politik ohne Parteibuch

Artikel veröffentlicht am 12. März 2012
Artikel veröffentlicht am 12. März 2012
In ganz Italien engagieren sich junge Menschen für den apulischen Präsidenten Nichi Vendola. In Gesprächskreisen und Arbeitsgruppen diskutieren sie über Politik, planen Demonstrationen und Aktionen. Politischer Aktivismus - ganz ohne Parteiarbeit. Und der Erfolg soll kein italienischer bleiben: die "Fabbriche di Nichi" exportiert nun ins Ausland.

Wie bringt man junge Leute dazu, sich zu engagieren? Ganz einfach: man gründet eine "Fabbriche di Nichi", eine Art Wahlkomitee, wo sich Ehrenamtliche engagieren können. Es braucht dafür nur einen  Raum - jedem offen und zugänglich - eine paar Freiwillige und viel kreative Energie.  Schon kann es losgehen, mit der Graswurzel-Politik. Das Phänomen der Fabbriche begann in Apulien, wo Nichi Vendola Präsident ist. "Linke Ökologie und Freiheit" ist ein ungewöhnlicher Name für eine Partei. Doch unter dem Journalist und studierten Philosophen Nichi Vendola gewann die Partei Einfluss in ganz Italien.  Das Bündnis aus Linken und Grünen stellt  sogar die Bürgermeister in Mailand und Cagliari. Und auch ihre Fabbriche haben heute fast alle italienischen Städte erfasst: 604 Ableger soll es nach Angaben der Organisation mittlerweile im ganzen Land geben. Auch über die Staatsgrenzen hinaus wird das Projekt immer beliebter. In vielen europäischen Hauptstädten öffneten Vertretungen. Sogar Moskau und Bangkok haben ihre eigene Fabrik.

Paris und Madrid: Im Westen nichts Neues

Eine solche aufzumachen ist in Italien kinderleicht. Ist der Sitz - ein öffentlicher Ort oder eine Privatwohnung - festgelegt und sind ein paar Freiwillige gefunden, genügt es anschließend, seine Kontaktdaten der Fabbrica Zero in Bari, der "Oberfabrik", mitzuteilen. Die neue Fabrik wird dann auf der offiziellen Website veröffentlicht und jeder Interessierte kann sich an sie wenden. Theoretisch zumindest. Denn wer es versucht, wird bald bemerken: Ob in Paris, Moskau oder einer anderen Stadt - eine Fabbrica zu erreichen ist nicht einfach. Auf Mails kommt keine Antwort, den Telefonhörer nimmt keiner niemand ab und auch über die Facebook-Seite meldet sich niemand zurück. Da bleibt nur der persönliche Besuch, möchte man mit einem Verantwortlichen der "Fabbriche" ins Gespräch kommen.

...und Politik.

Wer diese in Paris aufsucht, landet vor einer verschlossenen Wohnungstür. Wissen die Nachbarn, dass gleich nebenan ein kulturell-politischer Verein aus Italien tagt? Die Antwort: Kopfschütteln und Schulterzucken. Erst Wochen später klärt sich das Mysterium. Wir bekommen eine Nachricht der Gründer: "Die Fabbrica di Nichi von Paris befindet sich zur Zeit im Tiefschlaf. Einige junge Leute voller Energie sind nach Italien zurückgekehrt und nun steht seit Monaten alles still."

Mehr über Nichi Vendola und seine politischen Ziele für Italien erfahrt ihr hier

In Madrid kommen wir etwas weiter. Wir werden an das Pepa Tencha verwiesen, ein von Italienern betriebenes Lokal. Angeblich trafen sich dort eine Zeit lang Anhänger von Vendolas Partei. Doch der Besitzer ist ahnungslos. Schon lange fanden die Versammlungen nicht mehr statt. Ob die jungen Italiener sich nun andernorts treffen, weiß er nicht.

Politik ohne Vermittler

Fast wollen wir schon aufgeben. Doch dann erhalten wir doch noch ein Signal: Roberto und Fabio, verantwortlich für die Fabbrica in Zürich und Brüssel, antworten uns. Roberto erklärt, warum wir bisher kein Glück hatten: "Viele Fabbriche entstehen eher zufällig und lösen sich schnell wieder auf. Andere existieren wahrscheinlich gar nicht wirklich." Das sei nicht verwunderlich, wenn man bedenkt wie schnell und hürdenlos jeder eine "Fabbrica" gründen kann. "Auf der anderen Seite haben viele Menschen die Möglichkeit bekommen, politisch aktiv zu werden. Ohne Vermittler, ohne Hierarchien und ohne dass sie einer Partei beitreten müssen."

Die Ableger in Zürich und Brüssel existieren seit über einem Jahr. Ins Leben gerufen wurden sie von italienischen Staatsbürgern in beiden Städten: sie wollten weiterhin am politischen Prozess in ihrer Heimat teilhaben, auch wenn sie gerade nicht dort leben. "Um Italien nicht zu vergessen", sagen die Gründer. "Und um zu seiner Veränderung beizutragen".

Die Mitglieder in der Schweiz und Belgien versammeln sich einmal wöchentlich oder monatlich und diskutieren über aktuelle Politik oder organisatorische Fragen. Im letzten Jahr nahmen sie an mehreren Demonstrationen teil. Die beiden Fabbriche arbeiten eng zusammen: Zürich steht mit der Fabbrica von Lausanne in Verbindung, während Brüssel Kontakt zu einigen italienischen Fabbriche unterhält: zur Fabbrica Zero, der Fabbrica Rom und der von Mailand. Nur sporadisch sprechen die Gründer mit ihren Pendants in anderen Ländern.

Aber ist das Modell im Ausland ein Erfolg? Die Meinungen gehen auseinander. "In Brüssel ist die Fabbrica bekannt", sagt Fabio. "Das sehen wir daran, wie viele Menschen an unseren Demonstrationen teilgenommen haben." Roberto dagegen sieht die Mitgliederzahlen seit Berlusconis Fall schwinden. "Aber gleichzeitig meine ich, dass sich die Qualität der internen Debatten verbessert hat", so der junge Aktivist. 

Was denkt ihr? Ist es für die jungen Italiener tatsächlich ein Erfolg, politisch nach genau den Schemen zu verfahren, die sie von zuhause mitgebracht haben? Oder wäre die Mischung aus Jugend, Politik und Europa nicht die Gelegenheit, die nationalpolitische Tradition endlich hinter sich zu lassen?

Fotos: © Fabbrica di Nichi Terni (Fabrik in Umbrien)/Facebook