Existrans': LGBT gehen in Paris auf die Straße

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2016

Am 15. Oktober forderte die Menge in den Straßen von Paris laut mehr Rechte für trans- und intersexuelle Menschen ein. Die AktivistInnen feierten die Fortschritte durch das am Mittwoch der gleichen Woche erlassene Gesetz - bisher wurden jedoch bei Weitem nicht alle ihre Forderungen erfüllt.

„Psychologen, haltet die Schnauze, ihr nervt.“ Was ist das denn für eine ungewohnte Parole, die da auf einer Demonstration unter der strahlenden Sonne von Paris erklingt? Geht es gegen den Status der französischen Psychologen? Nein, es sind trans- und intersexuelle Menschen, die einen farbenfrohen Zug über etwa hundert Meter bilden. Ein bunter Haufen tritt da mit lächelnden Gesichtern, grellfarbiger Kleidung und verschiedenen Parolen auf den Lippen das Pflaster. Ein Teil der LGBT-Community schreit heraus, wie satt sie eine bestimmte Haltung der Psychologie hat - viel zu lange schon hört sie die gleichen schönen Reden und leeren Versprechungen.

Frankreich liegt bzgl. der Unterstützung von transsexuellen Menschen in ihrer Entscheidung sowie der Anerkennung ihrer Identität deutlich zurück. Diesen Rückstand möchte das Land nun mit einem Gesetzesentwurf mit dem Titel 'Gerechtigkeit des 21. Jahrhunderts' aufholen, der am 12. Oktober von der Nationalversammlung angenommen wurde. Vor allem soll er Hürden bei der Personenstandsänderung für transsexuelle Menschen abbauen.

Für Laurent und Annick ist diese Neuerung jedoch nicht ausreichend - und kommt zu spät. Das Paar beteiligt sich an der zwanzigsten Existran's-Demo, um den Leidensweg seiner verstorbenen Tochter Ava öffentlich zu machen. Das junge Mädchen konnte mit der männlichen Identität nicht leben, die man ihr anhand ihres biologischen Geschlechts zugewiesen hatte. Ihre Eltern hatten ebenso wie das übrige Umfeld Verständnis und waren bereit, ihr auf jede erdenkliche Weise zu helfen, so gut wie möglich mit ihrem Körper und ihrer persönlichen Entscheidung zu leben. „Wir wussten nicht, an wen wir uns wenden sollten“, sagt ihr Vater verzweifelt. „Wir hatten von einem Psychologen gehört, der an einem Bericht der Nationalversammlung mitgearbeitet hatte. Ihn haben wir mit Ava aufgesucht, damit er ihr hilft, nicht damit er sie heilt.“ Laurent und Annick zufolge haben die verschriebenen Medikamente bewirkt, dass ihre Tochter den Drang, sich umzubringen, nicht mehr kontrollieren konnte. „Wir bemühen uns in einem gütlichen Verfahren darum, dass er einen Kunstfehler zugibt. Avas wegen sind wir heute hier“, schließt er.

Schlacht gewonnen, jedoch nicht den Krieg

Jeder von den mehreren Tausend Menschen, die in Paris auf die Straße gehen, hat seinen Grund. Einige sind neugierig und möchten eine gute Sache unterstützen. Für andere bedeutet die Demonstration eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass der von der Versammlung angenommene Text ein positives Zeichen für die Rechte der LGBT-Community setzt.

Für Florence, Vorsitzende von Le Jardin des T, Lyoner Verein gegen Transphobie, stellt das Gesetz „einen Fortschritt für die Anerkennung von trans- und intersexuellen Menschen durch den Staat“ dar. Der von der Nationalversammlung endgültig angenommene Text ermöglicht es volljährigen oder für volljährig erklärten Personen, bei Gericht eine Vornamens- und Personenstandsänderung zu beantragen. Auf diese Weise wird das Vorgehen erleichtert und vor allem entpathologisiert. In Artikel 61-6 des Gesetzes heißt es nämlich: „Dass keine medizinische Behandlung, kein chirurgischer Eingriff oder keine Sterilisation stattgefunden haben, ist kein Grund für eine Ablehnung des Antrags.“

Zuvor mussten Menschen, die diesen Weg gehen wollten, den Richtern ein ärztliches Attest vorlegen, also teilweise Operationen oder Hormontherapien über sich ergehen lassen, um eine Anerkennung der eigenen Identität zu erreichen. Heute kann dieses medizinische Argument von Richtern nicht mehr geltend gemacht werden, um die Ablehnung eines Antrags auf Personenstandsänderung zu begründen.

Die ganze Zeit den Überblick behält Camille, eine große Rothaarige mit dunkler Brille, nicht zu übersehen. Sie trägt ein Transparent mit der Aufschrift 'La Trans insoumise' (aufsässige Transfrau), was je nach Gusto als Variante oder Parodie des neuen Slogans von Jean-Luc Mélenchon, Kandidat der Linkspartei, verstanden werden kann: „La France insoumise“. In jedem Falle demonstriert Camille gegen das Gesetz, das sie als lückenhaft empfindet. „So wie der Text veröffentlicht wurde, erlaubt er es noch immer, dass ein Antrag auf Personenstandsänderung abgelehnt wird, weil der Richter oder wessen Meinung sonst zählt, das Passing [Fähigkeit einer Person, als Mitglied desjenigen Geschlechts akzeptiert oder eingeschätzt zu werden, mit dem sie sich identifiziert, AdR] nicht überzeugend finden“, erklärt sie.

Die Verbände auf dem Weg von Belleville nach Châtelet haben eine klare Meinung: Der Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung sollte nicht länger bei einem Gericht gestellt werden müssen, wo ein Richter die vorgebrachten Argumente auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft. Nun heißt es ebenfalls in Artikel 61-6 des Gesetzesentwurfs 'Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert': „Der Staatsanwalt stellt fest, dass der Antragsteller die Bedingungen laut Artikel 61-5 erfüllt und ordnet innerhalb von drei Monaten die Änderung des Geschlechtseintrags sowie ggf. der Vornamen in den offiziellen Dokumenten an.“ Sprich: Der Richter schränkt das Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen weiterhin ein. Die Aktivisten fordern daher, dass die Änderung ganz einfach im Rathaus vor einem Standesbeamten erfolgen kann.

Tägliches Leid

Die Folgen von zu wenig Berichterstattung und Aufklärung über die Situation transsexueller Menschen kennt Chloé sehr gut. Die Sprachstudentin aus Nizza wird regelmäßig mit „Forderungen, die eigene Legitimität zu beweisen, Fragen nach den Geschlechtsteilen etc.“ konfrontiert. Ein derartiges Verhalten trägt zu einer Ächtung und Prekarisierung von Trans- und Intersexuellen bei.

Claire, die bei Orange angestellt ist, sagt dagegen selbst, sie habe es gut getroffen. Ihr Unternehmen hat im Jahre 2008 eine LGBT-Charta unterzeichnet. Dabei ist sie sich bewusst, dass sie den Weg einer Geschlechtsangleichung nicht überall hätte gehen können. „Wenn diese Entscheidung vom Unternehmen nicht unterstützt wird, endet es immer mit einer Kündigung aus vorgeschobenen Gründen. Menschen auf der Suche nach einer Stelle haben noch größere Probleme“, erklärt sie.

Aber die Menschen, die da unter der bunten Flagge der LGBT-Community die Straße erobern, haben auch Lust zum Feiern. Es wird zu Lady Gagas Song mit dem Titel 'I was born this way' getanzt. Auf die Frage hin, welche Erfolge die Organisation Existrans' in ihrer Arbeit verzeichnen konnte, wird zunächst die Anzahl der beteiligten Personen genannt, die von den Veranstaltern auf 1.000 bis 1.500 geschätzt wird.

Florence war schon bei der ersten Demonstration im Jahre 1996 am Start. Sie freut sich über einen so langen Zug - „Einen Kilometer ist er lang, beim ersten Mal waren es gerade einmal 200 Meter.“ Maria ist als Passantin zufällig auf die Demonstration gestoßen. Ihre Reaktion bestätigt Florences Eindruck: „Heute heißt es nicht mehr: So muss man es machen und alle machen genau das. Heute sind wir zu viele. Manche sind anderer Meinung und auch sie sind viele. Jeder soll tun, was er möchte.“

Es bleibt die Frage: Wann werden trans- und intersexuelle Menschen alles erreicht haben? Wenn, so wie die Organisation Existrans' es fordert, die „Personenstandsänderung einfach und kostenlos im Rathaus [erfolgen kann]“? Wenn es eine „hochwertige, respektvolle und nicht psychiatrisierende medizinische Betreuung [für Trans- und Intersexuelle]“ geben wird? Oder dann, wenn eine „freie Entscheidung für medizinische Eingriffe nach umfassender Aufklärung mit Rückerstattung der Kosten in Frankreich und im Ausland“ möglich sein wird? Claires Visionen sehen anders aus. Sie wird sich als Siegerin fühlen, „wenn es kein Ereignis mehr ist, eine Transperson auf der Straße zu sehen.“