Existenzverlust: Jung, griechisch, jüdisch

Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2016

In der griechischen Hauptstadt kämpft eine kleine aber entschlossene jüdische Gemeinde darum, ihre mehr als 2000 Jahre alte Tradition aufrechtzuerhalten. Zwischen Sparpolitik und politischem Wandel haben junge jüdische Griechen eine neue Welle von Problemen zu meistern. Obwohl immer mehr auswandern, hat die Stadt eine aktive Jugendorganisation - und einen Rabbi, der erst 26 Jahre alt ist.

Der Syntagma-Platz ist an diesem Donnerstagmorgen überraschend still. Der Platz liegt im Herzen Athens, hier fanden in letzter Zeit viele Demonstrationen statt. Ich treffe mich hier mit Dimi (24), der mir die wichtigsten jüdischen Plätze der Stadt zeigen will. Dimi wurde in Israel geboren, seine Mutter ist halb Französin-halb Griechin, sein Vater Grieche. Dimi zog mit 7 Jahren nach Athen, seit 2011 lebt er aber in Italien.

Es ist Februar, aber die Mittelmeersonne brennt auf die Ruinen des Parthenon aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Weniger als 100 Jahre später kamen die ersten romaniotischen Juden nach Griechenland. Heute dominieren sefardische Juden, die während der Spanischen Inquisition nach Griechenland geflohen sind, die Athener Gemeinschaft.

Das Leben davor und danach

Als wir uns von der Akropolis weg bewegen, gibt es immer weniger Tavernen und Souvenirläden. Hier hat die Stadt ihr Holocaustdenkmal in der Form eines David-Sterns platziert, es wurde erst 2011 eingeweiht. „Endlich“ beschwert Dimi sich. Athen war die letzte EU-Hauptstadt, die formal an den Holocaust erinnerte, bei dem geschätzte 87% der Juden des Landes ermordet wurden.

Das Jüdische Museum in Griechenland liegt nicht weit vom Syntagma-Platz entfernt. Hier schätzt man, dass vor dem zweiten Weltkrieg 78.000 Juden in Griechenland lebten. In der größten Gemeinde in Thessaloniki starben 97%. Wer zurückkehrte, fand nur noch wenig von seinem früheren Leben vor. Dimis Großmutter war eine von fünf Juden, die auf die Insel Kos zurückkehrten. Ein Cousin überlebte, weil er von der Insel wegschwamm - er kam später in Zypern an.

Das Museum führt rund um ein sechsseitiges Treppenhaus herum, der Holocaust wird in der Mitte des Rundgangs behandelt. An der Rezeption hören wir, dass das absichtlich so entworfen wurde, um die Tiefe und Vielfalt der jüdischen Kultur vor und nach der Nazi-Besatzung zu unterstreichen.

Athen hat sich zum Zentrum für Juden in Griechenland entwickelt. Hierher zogen sie nach dem Krieg, um ihr Leben neu aufzubauen. Aber Dimi sagt, dass viele Menschen das nicht wissen: „Für einige Leute existieren keine Juden in Griechenland, außer vielleicht in Thessaloniki.“ Einige junge Griechen, mit denen ich gesprochen habe, waren überrascht zu hören, dass Athen eine Synagoge hat - sie ist nicht einmal auf Google Maps verzeichnet.

Die Gemeinschaft ist strikten Sicherheitsvorkehrungen unterworfen - eine notwendige Maßnahme, weil der Antisemitismus ein Risiko darstellt. Es ist noch nicht lange her, dass das Denkmal mit einem Slogan für die Goldene Morgenröte beschmiert wurde, einer rechtsextremen Partei, die für ihre rassistischen, xenophoben Ansichten bekannt ist.

„Wir wollen unsere Traditionen in die moderne Zeit bringen“

Griechenlands Bevölkerung besteht nach einigen Schätzungen zu 98% aus griechisch-orthodoxen Christen. Die jüdische Gemeinschaft muss darum kämpfen, die Menschen an ihre Existenz zu erinnern. „Es gibt ein großes Problem der Identität“, erklärt Dimi, „Es ist eine schwere Krise für die Synagoge.“

Athen hat sich bei der Chabad-Bewegung Hilfe für dieses Problem geholt. Chabad ist eine internationale Organisation, die Synagogen weltweit hilft, sich zu vernetzen und bekannter zu werden.

Dimis Führung endet bei dem ersten koscheren Restaurant der Stadt. Hier ist seit 2011 auch das Büro von Chabad – eine echte Verbesserung im Vergleich mit der kleinen Wohnung, die sie bei ihrer Anknft hatten. Dimi ist von dem Ort beeindruckt, der auch einen koscheren Supermarkt beherbergt – eine enormer Fortschritt gegenüber der Zeit, als er in der Stadt lebte.

In manchen Teilen Athens könnte man fast meinen, man wäre in New York: gelbe Taxis verstopfen Straßen, die in regelmäßigen Gittern angelegt sind. Als Rabbi Mendel Hendel vor 15 Jahren vom Big Apple nach Athen kam, hatte er eine schwierige Aufgabe vor sich. Anders als jüdische Enklaven in Brooklin und Queens ist die Athener Gemeinde verstreut: 2500 Menschen in einer 5-Millionen-Stadt.

Er war der Herausforderung gewachsen: „Wenn man jemanden inspiriert“, erklärt er, „geht diese Inspiration weiter und weiter. Das ist so wichtig in einer kleinen Gemeinde, sich an den Wert jeder einzelnen Person zu erinnern.“

Die Menschen und besonders die Jugend weiterhin für die religiösen Traditionen zu begeistern, ist in letzter Zeit schwieriger geworden. „Die letzten vier Jahre waren sehr herausfordernd“, gibt Hendel zu. Junge Menschen in Griechenland sahen keine Perspektiven für sich und orientierten sich nach dem Ausland. Dieser Exodus der Jugend ist nicht auf die jüdische Gemeinschaft beschränkt, aber er verschärft die Schwierigkeiten, eine jüngere Generation am jüdischen Leben beteiligt zu halten.

„Wir wollen die Tradition in die neue Zeit bringen und sie für die Jugend relevant machen“, erklärt er. Dafür nutzt er moderne Methoden: Hendel leitet jede Woche einen Skype-Workshop, an dem junge Menschen aus der ganzen Stadt und sogar von außerhalb teilnehmen. Ein Auswanderer schaltet sich regelmäßig aus Israel zu.

Im letzten Jahr hat die Ankunft eines neuen Rabbis geholfen, den Kontakt zur Jugend zu verstärken. Rabbi Gabriel Negrin, selbst Grieche, ist erst 26 Jahre alt. Ich werde eingeladen, ihn am Freitag bei dem Sabbat-Essen des Restaurants zu treffen. Hendel erinnert mich aber daran, dass praktizierende Juden am Tag der Ruhe keine Art der kreativen Arbeit verrichten - dazu zählen auch Aufnahmen und Notizen. Eine schwierige Aussicht für einen Reporter.

Josephs erster Sabbat

Ich bin am nächsten Abend früh beim Restaurant, trotzdem singt dort bereits eine Gruppe Männer enthusiastisch auf Hebräisch. Einge Frauen und Kinder unterhalten sich auf Sofas. Obwohl die Tische mit Essen überladen sind, ist das Restaurant noch halb leer. Ich bin mir bewusst, dass ich der einzige Mann im Raum bin, dessen Kopf nicht bedeckt ist und warte, dass Hendel ankommt.

Bald erscheint er an der Spitze einer Versammlung aus der Synagoge. Er trägt für den Anlass einen Hut mit breiter Krempe und einen schwarzen Anzug. Ein Junge rennt ihm voraus, er will schnell zur Feier kommen. Hendel begrüßt mich herzlich und besorgt mir eine Kippah, bevor er mich auffordert, Platz zu nehmen. Während der Raum sich füllt, fällt mir auf, dass es kaum junge Menschen hier gibt.

Beim Essen wie im Leben vermischen sich griechische und jüdische Identitäten. Koschere Eintöpfe und Zopfbrot werden zusammen mit griechischen Salaten, Auberginendip und einem Ouzo-Aperitif serviert. Chabad heißt neben den griechischen Stammgästen regelmäßig Besucher aus der ganzen Welt zum Sabbat willkommen. Trotzdem ist es hier eine ruhigere Angelegenheit als anderswo. „Ich war bei Sabbats in Bangkok mit 500 Menschen“, sagt der Mann mir gegenüber. „In Israel können 2000 zusammenkommen.“

Ein gut gekleideter Mann im grauen Anzug mit roter Krawatte setzt sich mir gegenüber. Mendel stellt uns vor: es ist der junge Rabbi, von dem ich schon viel gehört habe. Wir reden über seine Studien in Israel, den sinkenden Reiz der Religion für junge Leute und die Probleme, die jüdische Touristen haben, wenn sie in Griechenland den Sabbat halten wollen. Die ganze Zeit wechselt er ohne Anstrengung zwischen Englisch, Griechisch und Hebräisch.

Mit jedem Gang wird der Gesang lauter. „Das ist normalerweise nicht so,“ lacht Hendel. Eine Gruppe aus Israel ist auf Besuch, anscheinend mit einem jungen israelischen Popstar.

„Er ist nicht wirklich religiös“, erklärt Negrin. „Sie waren nicht einmal in der Synagoge. Aber hier steht er, mit Kippah auf dem Kopf und er kennt alle Texte zu den hebräischen Liedern. Wenn ein griechsicher Sänger das machen würde, wäre er über Nacht pleite.“ Der Rabbi beteiligt sich auch am Gesang, vor seiner Ausbildung zum Rabbi studierte er Musik auf Kreta.

Seine griechische Identität zeigt sich in seinem Musikgeschmack, europäischer als der seiner Besucher aus Israel. „Ich bin mit Morpheus verabredet“, erzählt er mir nach dem Essen: er bezieht sich auf den griechischen Gott des Schlafes, sogar während er mir „Shabbat shalom“ wünscht.

„Niemand kommt, nur um die Lichter anzuzünden“

Am nächsten Morgen, leitet Negrin den Gottesdienst in der Synagoge. Ich wurde von Monis eingeladen, dem früheren Leiter eines jüdischen Jugendklubs, den der Rabbi selbst vor mehr als 15 Jahren besuchte. Der Klub wurde 2002 geschlossen, wegen mangelnden Interesses. Jetzt arbeitet Monis in einem Altersheim.

Der Sicherheitsdienst überprüft meinen Ausweis, bevor Monis mich durch die vordere Tür führt. Frauen betreten die Synagoge durch eine Seitentür und sitzen in einer abgetrennten Empore. Monis begrüßt fast jeden, an dem wir vorbei kommen. Außer dem Rabbi und dem Chasan (dem Vorbeter) bin ich bei weitem die jüngste Person im Raum.

„Junge Menschen sorgen sich um ihre bloße Existenz“, erzählt Monis mir nach der Zeremonie. „Nicht jeder glaubt daran, dass die Solidarität der Gemeinde von der Synagoge abhängt.“

Er selbst hält die Synagoge für einen notwendigen Teil. „Die Geschichte des jüdischen Volkes ist seine Religion und seine Religion ist seine Geschichte,“ sagt er. „Mein Vater hatte eine Nummer in den Arm tätowiert. Es ist meine Pflicht, dass ich die Geschichte fortführen will. Man muss sich einfach zusammenfinden.“

Und dabei sind die jungen griechischen Juden gut darin, sich zusammenzufinden, wenn auch nicht in der Synagoge. Die Jugendorganisation der Jüdischen Gemeinde in Athen hat einen aktiven Veranstaltungskalender, mit Events und Workshops über das ganze Jahr. Sarina Mizan, 24, ist ein Mitglied des Vorstands.

„Wir versuchen, uns in einer leichteren Weise auf die Tradition zu konzentrieren“, erklärt sie. Während des Festes Hannukah nimmt die Jugendorganisation an den Gottesdiensten in der Synagoge teil, macht aber danach ein Barbecue. Dieser soziale Aspekt ist es, der die jungen Menschen engagiert hält. In Sarinas Worten: „Niemand kommt, nur um die Lichter anzuzünden.“

Aber Fragen nach der Identität lassen sich immer schwerer vermeiden, angesichts des Aufschwungs der rechtsextremen Bewegungen auf dem ganzen Kontinent. Sarina fühlt, dass es schwer ist, sich an der Konversation zu beteiligen - „um sich selbst zu schützen“, wie sie sagt – ohne über Geschichte und Politik Bescheid zu wissen.

Viele Gleichaltrige sind ins Ausland gegangen, nach Israel – aber auch in Städte wie London, Dublin und Paris. Trotzdem bleiben sie engagiert. Auf einem Taglit (einer Reise nach Israel, den die dortige Regierung für alle jungen Menschen mit jüdischen Eltern fördert), bekam die Organisation vor kurzem das Recht, Expats aufzunehmen. „Wir konnten sie nicht zurücklassen“, erklärt Sarina.

Angesichts dieser Zerstreuung denkt sie, dass es wichtig ist, stärkere Beziehungen zu jüdischen Gemeinden in ganz Europa zu pflegen. „Sie haben in der Vergangenheit mit den gleichen Problemen gekämpft“, argumentiert sie. „Sie können uns einen Weg zeigen.“ Auch wenn es mehr als einen Weg nach vorn gibt, ist es für Sarina „das wichtigste, dass wir Freunde sind.“

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.