Eurovision: Europa sollte stolz sein auf seinen durchgeknallten Karneval

Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2016

Er wird oft mit einer gewissen Verlegenheit behandelt, doch der diesjährige Eurovision Song Contest war eine ernste Sache. Nicht nur weil Gastgeber Schweden alles gab, um die Show dem neuen amerikanischen Publikum schmackhaft zu machen, sondern auch, weil er eine Ballade krönte, die von der Zwangsdeportation der Krimtataren 1944 handelte - und trotzdem noch Zeit blieb für einen Mann im Hamsterrad.

Wenn man die Strömbron-Brücke in Stockholm überquert, eröffnet sich einem ein beeindruckender Blick auf das schwedische Parlament. Als ich in Richtung Stockholmer Schloss darübergehe, erblicke ich einen Mann, der sich eine ukrainische Flagge umgehängt hat. Lila und blaue Banner mit der Aufschrift "Come together" flattern im Wind. Der ESC ist in der Stadt.

Was als Wettbewerb zwischen nur sieben Ländern begann, hat sich heutzutage zu einer aufwändigen, zweiwöchigen Veranstaltung entwickelt mit Halbfinals, um die Zahl der 42 Teilnehmerländer zu verringern. Man kann sich kaum eine bessere Gastgeberstadt als Stockholm vorstellen, das nach dem Sieg des Schweden Måns Zelmerlöw 2015 und seinem Duett mit einem Holographie-Strichmännchen ausgewählt wurde. 

Schweden: Eurovision heroes of our time

"Ich liebe es, wenn es in Schweden stattfindet", sagt ein Mann in einer Union Jack-Weste. "Sie schaffen einfach den Spagat zwischen Ernst und Unterhaltung." Schweden kann Eurovision. Es versteht das Wesen des verrückten Biests, wenn ein Latex-Zombie-Metalfan gleichzeitig mit einem brotbackenden Sextett russischer Omas auf der Bühne steht, ohne dass jemand auch nur mit der Wimper zuckt.

Schweden hat den Eurovision sechsmal in seiner 61-jährigen Geschichte gewonnen (und wird darin nur von Irland übertroffen). Der schwedische Beitrag wird beim ganzjährigen Melodifestivalen ausgewählt, der beliebtesten Fernsehshow des Landes. Die Namen der Gewinner kennt jedes Kind; in diesem Jahr konnte man in den Tagen vor dem Finale kaum eine Bar betreten, ohne den diesjährigen Gewinnersong zu hören.

Im ABBA-Museum zu Ehren der schwedischen Gewinner von 1974 können Fans eine besondere ESC-Ausstellung mit Originalkostümen anschauen und sogar beim Eurovision-Karaoke mitmachen. Aber nicht nur die Fans singen hier; es gibt sogar Ampeln, die so programmiert wurden, dass sie Passanten schwedische Gewinnertitel vorspielen. 

Diese Begeisterung ist meilenweit von der Verlegenheit entfernt, mit der die Briten normalerweise den Wettbewerb betrachten - eine womöglich veraltete Sichtweise. "Großbritannien versucht, Teilnehmer zu einem Wettbewerb zu schicken, den es so nicht mehr gibt", meint John, ein britischer Fan, den ich am Tag nach dem Finale treffen. Schweden dagegen schaut in die Zukunft.

"Mir wäre es lieber, diesen Song gäbe es gar nicht"

Vor dem Finale favorisierten die Buchmacher den Russen Sergei Lasarew, der, wenn er nicht gerade beim Eurovision singt, Poodle Strudel betreibt, ein Unternehmen, das hausgemachte Backkreationen für die Hunde von Sankt Petersburg anbietet. Nach Eintreffen der Jurywertungen lag zwischenzeitlich die Australierin Dami Im vorn, die eine holographische Computerkonsole ähnlich der in Minority Report bediente, während sie ihren Song sang. Dieser handelt vom Liebeskummer, den moderne Fernbeziehungen mit sich bringen (und eine weitere Entfernung als die unerklärliche Beziehung zwischen Australien und dem Eurovision gibt es kaum). 

Um für ein "dramatisches Finale" zu sorgen, wurde in diesem Jahr ein neues Abstimmungssystem eingeführt, bei dem die Bewertungen der nationalen Fachjurys von den Zuschauerstimmen getrennt verkündet wurden. Das Ergebnis war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem Australien von der Ukraine entthront wurde - und Russland letztlich auf dem dritten Platz landete.

Jamalas Gewinnertitel 1944 erinnert an die Deportation der Krimtataren durch die sowjetische Regierung und ist ihrer Großmutter gewidmet. Es ist Welten entfernt von den unbeschwerten Themen früherer Gewinner oder auch dem surrealen Versuch der Sängerin selbst, sich 2011 für den Contest zu qualifizieren. "Man kann sich keinen depressiveren Song vorstellen", sagt John.

Schon der Titel beschwört für Menschen auf dem gesamten Kontinent Erinnerungen an dunkle Momente der europäischen Geschichte herauf. "Mir wäre es lieber, meiner Großmutter wären diese schrecklichen Dinge nicht zugestoßen", sagte Jamala bei einer Pressekonferenz nach ihrem Sieg. "Mir wäre es lieber, diesen Song gäbe es gar nicht."

Sie hatte mit den Tränen zu kämpfen, als ein Journalist von der Krim ihr mitteilte, wie viel ihr Sieg den Menschen in der Region bedeutete. Auf einmal mussten die versammelten Medien nahtlos von der Frage, ob ein nackter Weißrusse mit lebendigen Wölfen auf der Bühne stehen würde, zur Erinnerung an die seit zwei Jahren andauernde russische Besetzung der Krim übergehen. Der übliche Glitzer und die Pyrotechnik wurden diesmal mit einem gehörigen Schuss geopolitischer Analyse serviert.

“Welcome to Ukraine”

Nach der Liveübertragung sang Jamala auf der offiziellen After-Show-Party vor einem Publikum aus Mitgliedern der OGAE, einer Organisation von ESC-Fanclubs aus aller Welt. Wenngleich die Fans Mitleid mit ihrer tragischen Familiengeschichte haben, ist es nicht gerade leicht, zu dem Titel zu tanzen. Laut John werde er in europäischen Schwulenclubs vermutlich nicht sehr oft gespielt werden. 

Traditionsgemäß bringt Jamalas Erfolg den Wettbewerb im nächsten Jahr in die Ukraine. Nach einem Ranking von Rainbow Europe der LGBTI-Rechte in Europa, belegt das Land den 44. von 49 Plätzen - ein großer Teil der Eurovision-Fans wird sich also möglicherweise bei einem Besuch nicht sicher fühlen.

Bei der Party spreche ich mit drei britischen OGAE-Mitgliedern, von denen zwei sagen, dass sie im nächsten Jahr nicht zum ESC anreisen werden. Ein dritter steht der Idee offen gegenüber, "solange die Sicherheit aller gewährleistet ist". Die derzeitige Reiseempfehlung der britischen Regierung rät lediglich von Reisen auf die Krim ab. 

Egal, ob Kiew nun den ESC 2017 austragen wird oder nicht - der Wettbewerb wächst und wächst. Im vergangenen Jahr wurde er zum ersten Mal in China ausgestrahlt und dieses Jahr fand die erste amerikanische Liveübertragung statt - und bot einen Special-Guest-Auftritt von Justin Timberlake. Es spricht für den einzigartigen Charme des Eurovision, dass der Megastar irgendwie nicht ganz in das Programm passte. Europa sollte stolz auf dieses durchgeknallte Ding sein, das es geschaffen hat, das skandalöse Performances mit wichtigen Fragen der internationalen Politik vermischt, ohne ins Schwitzen zu geraten.