Eurovision: Ein bisschen politischer Frieden

Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2009
Artikel veröffentlicht am 13. Mai 2009
Die Grenzen der Europäischen Union sind immer wieder Streitpunkt auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Der Eurovision Song Contest hingegen öffnet sich stetig neuen Ländern und vermag Konfliktsituationen musikalisch zu überspielen.

Wenn man den kontroversen Fall der Türkei betrachtet und sich die Position der Aufnahmegegner anhört, lernt man, dass die Union ein Kulturprojekt ist und die Türkei andere als die europäischen Werte vertritt. Auf der anderen Seite findet man Pragmatiker, in deren Vision der Dinge die Unionstürweit offen stünde, solange formale Kriterien erfüllt werden.

Die Europäische Kommission spricht sich für eine beinahe uneingeschränkte Erweiterung aus. Als noch Romano Prodi an der Spitze war, gab es die Bereitschaft neben der Türkei auch noch die Kandidatur von Israel in Betracht zu ziehen - eine unendliche Erweiterungsgeschichte. Doch wem dies übertrieben erscheint, der sollte sich erst einmal das nicht minder europäische, wenn auch weniger ambitionierte Projekt des Eurovision Song Contest zu Gemüte führen.

Blumenbilder statt Israel

Die Europäische Rundfunkunion (European Broadcasting Union - EBU) vereint im Rahmen des Eurovision Song Contest über 50 Länder. Neben europäischen Ländern sind dort Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas wie Marokko, Tunesien und Ägypten zu finden. In einer solch exotischen Nachbarschaft wirken Russland, die Türkei und Israel, die schon lange Mitglieder sind, „recht europäisch“. Der Grandprix ist eine kommerzielle Veranstaltung und dessen Organisatoren halten sich nach eigener Aussage an keine geografischen oder politischen Grenzen. Die nächsten Kandidaten auf der Warteliste sind Syrien und Palästina.

Auch die Türkei ist im Finale mit von der PartieDas „Euro” im Namen ist also trügerisch. Noch trügerischer ist die Annahme politischer Neutralität. Einen der besten Beweise für diese Hypothese liefert die Veranstaltung aus dem Jahr 1978, bei der das jordanische Fernsehen JRTV während des israelischen Auftritts die Übertragung unterbrochen und stattdessen Blumenbilder gesendet hatte. Sobald Israel als Gewinner feststand, unterbrach JRTV die Übertragung komplett. Nach Abschluss des Wettbewerbs haben jordanische Medien den israelischen Sieg abgelehnt und Belgien, das den zweiten Platz belegt hatte, als Sieger verkündet.

Noch mehr Aufsehen erregt die Wahlprozedur. Kritiker behaupten, dass teilnehmende Länder sich hauptsächlich von internationalen Beziehungen statt musikalischen Vorlieben leiten lassen. Im Endeffekt stimmten Nachbarn für einander. Länder mit einer stürmischen gemeinsamen Geschichte oder in schwierigen politischen Verhältnissen geben ihre Stimmen an andere Länder ab. Letztes Jahr hat Schweden seine Nachbarn Finnland, Norwegen und Dänemark mit jeweils 8, 10 und 12 Punkten beglückt. Neben dem Lokalpatriotismus erkennt man auch aktuelle politische Ereignisse im „Musikgeschmack“ wieder. Im Jahr 2003 hat Großbritannien keinerlei Punkte erhalten, was einige mit der Kritik Europas am Militäreinsatz im Irak in Verbindung brachten.

Anhänger des Eurovision Song Contest begegnen den Kritikern mit dem Argument, dass der wahre Grund, warum Nachbarn gegenseitig für sich stimmen an der kulturellen Nähe und ähnlichem Musikgeschmack liegen würde. Ein gutes Beispiel dafür ist der Balkan, auf dem es trotz politischer Konflikte eine originelle Musikkultur gibt. Damit fällt es leichter, für den Nachbarn anstatt für einen entfernten Fremden zu stimmen. Goran Bregovic, in den 1980ern Leader der berühmten Gruppe Bijelo Dugme, konnte mit seiner Musik ganz Jugoslawien vereinen.

Musik ohne Grenzen

Der Eurovision Contest sollte Europa zusammenführen, zumindest in musikalischer Hinsicht. Ganz im Sinne des Mottos: Musik besänftigt die Gemüter. Im Jahr 1961 waren das faschistische Spanien und das kommunistische Jugoslawien zu Gast auf der Europabühne. Im Jahr 2000 hingegen hat der israelische Künstler Ping Pong nach seiner Darbietung von „Be Happy“ die syrische Flagge ausgerollt und zum Frieden zwischen beiden Ländern aufgerufen.

Wie man sieht, bot der Grandprix eine Bühne für viele, die ihre freiheitlichen und friedlichen Ambitionen öffentlich präsentieren wollten. Diese Tradition bleibt bis heute erhalten. Israel hat für den diesjährigen Wettbewerb ein Duett bestehend aus der heimischen Künstlerin und Friedensaktivistin Noa und dem Star arabischer Herkunft Mire Awad angekündigt.

Seit der Militärintervention im Gazastreifen erregt das arabisch-jüdische Duo auf beiden Seiten großes Aufsehen.

Seit der Militärintervention im Gazastreifen erregt die Idee jedoch auf beiden Seiten großes Aufsehen. Eine Gruppe von arabischen, aber auch israelischen und palästinensischen Künstlern hat einen offenen Brief an Awad verfasst, in dem sie die arabische Künstlerin dazu aufrufen, vom geplanten Vorhaben Abstand zu nehmen und sich nicht - so ist dem Schreiben zu entnehmen - an einer „Propagandamaschine zu beteiligen, die versucht die Vorstellung einer jüdisch-arabischen Koexistenz zu schaffen und die Massaker an palästinensischen Zivilsten in den Schatten stellt“.

Das Duett gibt sich unbeeindruckt. Awad stellte fest, dass es ihr Ziel sei aufzuzeigen, dass „beide Nationen keinen anderen Ausweg haben und eine Möglichkeit suchen müssen, zusammen zu leben“. Eine ähnliche Meinung vertritt Noa, für die es eine Möglichkeit der Friedensbotschaft ist: „Viele Menschen werden ein arabisches Mädchen sehen, das wie eine Jüdin aussieht und ein jüdisches Mädchen, das aussieht, als hätte es eine arabische Herkunft, was wir in Wirklichkeit auch sind. Vielleicht wird das manchen Leuten die Augen öffnen.“

Das Projekt erinnert an die Arbeit des palästinensischen Intellektuellen Edward Said und des israelischen Komponisten und Dirigenten Daniel Barenboim. Im Jahr 1999 haben sie einen musikalischen Workshop in Weimar veranstaltet, bei dem sie Musiker aus Israel und arabischen Ländern versammelten. Anfangs war eine tiefe Zurückhaltung und Anspannung spürbar. Doch nach zwei Wochen hatte sich die Atmosphäre gelockert und wie Said feststellte „wurden Menschen, die vorher nichts miteinander gemeinsam hatten, aufgrund der Tatsache, dass sie sich ausschließlich auf die Musik konzentriert haben, zu einem Orchester.“