Europeana vs. Google: Die Schlacht um das virtuelle Buch

Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2009
Literatur ist auf dem Computerbildschirm selten - wenn überhaupt - vertreten. Dennoch steht der Markt mit dem virtuellen Buch schon in den Startlöchern und amerikanische Unternehmen wie Google arbeiten fieberhaft daran. Doch wann wird es in Europa ein echtes digitales Literaturangebot geben?

Die digitale europäische Bibliothek Europeana ist bereits im Rennen. Es herrschte solch ein Rummel um das Projekt, dass die Seite am Eröffnungstag, dem 20. November 2008, überlastet war und abstürzte. Man muss sagen, dass immer mehr Menschen im Internet Informationen suchen, aber dass sie dabei auch immer mehr in Eile sind. Im Internet lesen wir schnell, aber würden wir auch Romane lesen? Es gibt bereits einige Modelle so genannter „Reader“ wie das Cybook, Iliad und GeR2, welche große Mengen an digitalen Büchern speichern können, ungefähr so wie der Ipod es mit Liedern macht. In Europa haben sie allerdings noch keine Kunden gefunden. Im Vergleich zu den Japanern, wo Koizora (Himmel der Liebe), der erste digitale Bestseller, von 25 Millionen Menschen auf ihren Handys gelesen wurde, bevor der Roman überhaupt im Buchhandel erschien, sind die Europäer Neandertaler.

Das Problem mit den Urheberrechten

©kygp/flickrFür Konsumenten ist das Haupthindernis der Preis. Im vergangenen Jahr kostete der Sony Reader zwischen 500 und 600 Euro. Außerdem werden noch nicht ausreichend digitalisierte Werke angeboten, damit sich die Leser auf einen so kostspieligen Kauf einlassen. Ein weiteres Hindernis für die Verbreitung des digitalen Buches ist die Zögerlichkeit der Verlage, die befürchten, dass die Werke ihrer Autoren kostenlos über das Internet verbreitet werden.

„Google Books hat Einzelpersonen die Möglichkeit gegeben, ein Buch einzuscannen und es über die Google-Buchsuche zur Verfügung zu stellen. Diese Praktik ist in den USA bereits weitverbreitet. Doch der Schaffungsprozess hat einen Preis - und Autoren“, verrät uns Emilie Barreau, eine unabhängige französische Verlegerin, die im vergangenen Jahr i-kiosque.fr ins Leben gerufen hat, um gegen solche Praktiken vorzugehen. Die Plattform bietet Verlagen und Autoren die Möglichkeit, ihre Bücher zu digitalisieren und gleichzeitig ihr Urheberrecht zu schützen.

In Deutschland entwickelt sich derweil etwas Ähnliches, zum Beispiel Libreka, welches von einem Zusammenschluss von Verlegern gestartet wurde. Die Google-Buchsuche bietet Lesern Auszüge von Büchern an, und zwar so viele sie wollen. Um diese Art der Gratislektüre zu vermeiden, gibt die deutsche Seite nur mit der Zustimmung der Verlage Zugang zum Inhalt der Bücher. Die Projekte haben eines gemeinsam: Sie sind gegen den kostenlosen Zugang zu digitaler Literatur, welcher leicht zu einer Verletzung der Urheberrechte führt, und gegen die Monopolstellung des digitalen Buchs.

Richtung Buch 2.0

©Bart van de Biezen/flickrDie europäischen Online-Verlage setzen ihrerseits auf ein Angebot von Qualität. Für Guillaume Monteux von der Firma miLibris, einer Plattform, die alle Beteiligten eines Buches bei der Umwandlung vom geschriebenen ins digitale Format begleitet, ist das Vergnügen, Bücher auf seinem Computerbildschirm zu lesen, gleich Null. Doch die Möglichkeiten des virtuellen Buches sind unbegrenzt. Der Schöpfer digitaler Inhalte erklärt uns, dass die Bücher, die man im Internet lesen wird, nichts mehr mit den guten alten Romanen gemeinsam haben werden. „Das Internet-Buch ist nicht an einen Kanal gebunden. Es schlägt eine neue Seite bei den Lesegewohnheiten auf.“

Für Emilie Barreau „ermöglicht das digitale Buch einen qualitativen Mehrwert gegenüber dem Buch aus Papier“. Das Papierformat wird jedoch nicht ganz verschwinden; das digitale Buch ist nur eine Ergänzung. Diese beiden Visionäre beschreiben uns das Buch der Zukunft. Zusätzlich zum Text wird man sich ein Interview mit dem Autor ansehen können, sowie ein Video über die Präsentation in der Buchhandlung, und warum nicht auch eine Reportage über das Land, in dem die Geschichte spielt. Eine ambitionierte Vision, um eine Nische zwischen den dominanten Akteuren des neuen digitalen Marktes zu finden.

Die Kultur schlägt zurück

Die europäischen Online-Verlage setzen auf die Glaubwürdigkeit ihres Angebots. Indem sie das Urheberrecht schützen, vermeiden sie die reine Geschäftemacherei, die der Kreativität schadet. Und Europa zählt auf sie, um literarische Werke, die unter Urheberrecht stehen, zu digitalisieren. I-kiosque.fr und Milibris nehmen am Projekt Gallica 2 teil, welches von der Französischen Nationalbibliothek ins Leben gerufen wurde (die Nationalbibliothek war ebenso an der Kreation des Projekts Europeana im Jahr 2005 beteiligt). Sie nehmen auf gewisse Weise eine Vermittlerrolle zwischen den Verlagen und den Institutionen ein. Gemeinsam wollen diese drei Akteure den europäischen Lesern eine umfassendere Suchmaschine bieten als Google Books.

Doch der Weg ist noch lang. Das 25 Sprachen starke Europa muss eine ganze Schar von Übersetzern mobilisieren, die einen mehrsprachigen Zugang zu den digitalisierten Daten kreieren. Zwischen 2009 und 2010 wird die Europäische Kommission 25 Millionen Euro zu diesem Zweck bereitstellen. Bis dahin geht die Arbeit in den einzelnen Staaten weiter, wie Emilie Barreau erklärt: „Die Botschaft der Französischen Nationalbibliothek besteht darin, die Verlage dazu zu bringen, in puncto Digitalbücher nicht mehr zu zögern, und sie zu überzeugen, die Werke ins digitale Format umzuwandeln, bevor sie überholt sind.“ Es wird sich zeigen, ob der plötzlich aufkeimende europäische Stolz, den Riesen Google zu bezwingen, nicht zu spät kommt. Man wird auch sehen, ob das europäische Budget im Angesicht der von Google zur Verfügung stehenden 125 Millionen Dollar überhaupt ins Gewicht fällt.