Europeana: Europas neue digitale Bibliothek

Artikel veröffentlicht am 3. September 2008
Artikel veröffentlicht am 3. September 2008
Das langersehnte europäische Pendant zum Google Library Project ist bald da! Im Herbst dieses Jahres geht Europeana, die erste digitale Bibliothek Europas, online. Ein viel versprechendes Projekt, das eine Vielzahl an Herausforderungen mit sich bringt.

Im kommenden November wird Viviane Reding, Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, die Website europeana.eu einweihen. Hierbei handelt es sich um eine digitale Bibliothek, auf der mehr als zwei Millionen Werke abgerufen werden können: Bücher, Filme, Fotos, Gemälde, Musikstücke, Landkarten, Manuskripte usw. Europeana stellt Werke zur Verfügung, die von europäischen Museen und Bibliotheken bereits in digitale Formate umgewandelt wurden.

Mona Lisa ohne Warteschlange

©crabchick/flickrViviane Reding stellte das Projekt am 11. August vor: “Dank dieser digitalen europäischen Bibliothek kann nun jeder ganz einfach und schnell auf europäische künstlerische und literarische Werke zugreifen – ganz egal, wo der Zugriff erfolgt. Das bedeutet, dass ein Student in Tschechien die Inhalte der British Library abrufen kann, ohne extra noch London reisen zu müssen, und ein irischer Kunstliebhaber die Mona Lisa im Louvre bewundern kann, ohne sich vorher in einer Schlange die Beine in den Bauch zu stehen.“ Die Europäische Kommission wird die Mitgliedsstaaten in den kommenden zwei Jahren mit 120 Millionen Euro dabei unterstützen, ihre nationalen kulturellen Schätze online zu stellen. 

Das Projekt Europeana, das in der Startphase in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch zur Verfügung stehen wird, ist entsprechenden Forderungen der EU-Mitgliedsstaaten zu verdanken. Vor allem Frankreich, das sich seit langem eine wirksame Waffe im Kampf gegen den Giganten Google erträumt, hat sich dafür stark gemacht. Im Jahre 2005 hatte Jacques Chirac den Startschuss für das Projekt gegeben, mit dem Ziel, “die kulturelle Identität und das Erbe Europas vorzustellen und so der amerikanischen Allmacht auf dem Suchmaschinenmarkt entgegenzutreten.“

Hat mal jemand 225 Millionen Euro?

©World Economic Forum/flickrDoch es bleibt festzuhalten, dass das Google Library Project Europeana um einiges voraus ist. Das Google-Projekt wurde im Jahre 2004 ins Leben gerufen und stellt seinen Benutzern mittlerweile mehr als 10 Millionen digitalisierte Werke zur Verfügung. Diese stammen aus Bibliotheken in allen Teilen der Welt, hauptsächlich jedoch aus Europa. Seit Kurzem sind zum Beispiel die Universität Complutense Madrid sowie die Universität Lausanne an diesem Projekt beteiligt.

Doch der Konkurrent Google ist beileibe nicht die einzige Herausforderung. Der Europäischen Kommission stellt sich außerdem die Aufgabe, die Mitgliedsstaaten davon zu überzeugen, in die Digitalisierung ihrer nationalen Schätze zu investieren. Lediglich 1% der ca. 2,5 Milliarden Bücher europäischer Bibliotheken sind heute digital abrufbar! Viviane Reding dazu: “Die Mitgliedsstaaten haben große Bemühungen unternommen, um ihre Kulturschätze zu digitalisieren. Es sind jedoch weitere private und öffentliche Investitionen nötig, um den Prozess der Digitalisierung zu beschleunigen.“

Die Kommission schätzt, dass etwa 225 Millionen Euro in die Digitalisierung von etwa 5 Millionen Werken aus europäischen Bibliotheken gesteckt werden müssen, ohne Gemälde und Manuskripte einzuschließen. Kurz gesagt werden noch einige Tage ins Land gehen bis Europeana eine ernsthafte Konkurrenz zur Google Library darstellen wird. Dazu kommen noch die Urheberrechte. Urheberrechtsfreie Werke können problemlos verwendet werden, doch für solche, die urheberrechtlich geschützt sind, wurde noch keine Lösung gefunden. Dies bedeutet, dass keines der Werke, die ab November auf der Website von Europeana abgerufen werden können, aus diesem oder dem letzten Jahrhundert stammt.

Bis zur offiziellen Eröffnung der Website im Herbst bietet europeana.eu eine virtuelle Demoversion an, deren Funktionalität zwar nicht der Vollversion entspricht, die jedoch einen Überblick über die Bedienung der Online-Bibliothek gibt. Zu allen Werken gibt es kurze Beschreibungen, außerdem kann der Benutzer beliebige Werke Kontakten in seinen sozialen Netzwerken zugänglich machen. So kommt bis ins Jahr 2010, in dem 6 Millionen Werke digital abrufbar sein sollen, sicher keine Langeweile auf.