European Science Parliament: Klima und Energie an einem seidenen Faden

Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2008
Im Rahmen des 1. European Science Parliament wurde in Aachen vom 8.-10. Oktober die Zukunft der Energie diskutiert und die „Aachener Erklärung“ verabschiedet, in der die europäische Politik zur Gestaltung einer nachhaltigen Energieversorgung aufgerufen wird. 10 Punkte, um die Energieversorgung klimafreundlicher zu gestalten.

Ich sitze in einer Aula der RWTH Aachen mit neun anderen Menschen an einem Tisch und halte ein Stück Bindfaden in der Hand. Neben mir sitzt ein Schüler aus dem tschechischen Krnov, mir gegenüber ein Professor aus Athen und schräg seitlich eine Lehrerin aus Tschenstochau in Polen. Mein Thema in der Vorbereitungsgruppe war „Individual Responsibility“ und nun suche ich nach Schnittflächen mit Themen wie „Economy“, „Society“ und „Geography and Politics“. Am Ende werfe ich die Rolle hinüber zu den beiden Griechen aus der Technology-Gruppe.

Zukunftsweisende Initiativen

©rwth-aachen.deAm Tag zuvor habe ich das neue Studenten-Informationzentrum SuperC in Aachen besichtigt. Dort wurde in den vergangenen Jahren 2,5 Kilometer tief gebohrt, um die Temperaturen der tieferen Erdschichten (die dort bis zu 80 °C reichen) zur Beheizung des Gebäudes zu verwenden. Dies ist ein innovatives Beispiel für die Verwendung von geothermischer Energie. Zwar sind die Leitungen noch nicht angeschlossen, aber das Modell ist in seiner Einfachheit überzeugend. Auf die gleiche Weise können auch private (Öko-)Häuser beheizt werden, wobei dafür jedoch Bohrungen von 50-100 Meter Tiefe ausreichen.

Als Energieträger der Zukunft wird zudem Wasserstoff diskutiert. Er lässt sich sehr gut speichern und eignet sich daher ebenso gut als Treibstoff für Fahrzeuge wie zum Heizen oder zur Stromerzeugung. Bei der Reaktion mit Sauerstoff entsteht Wasser, so dass ein Wasserstoffauto nicht nur lautlos, sondern auch emissionsfrei fährt.

©watch4u/flickrEine weitere natürlich vorkommende Energiequelle ist die Wellen- und Strömungsenergie. So gibt es beispielsweise seit 1966 im französischen Golf von St. Malo ein Gezeitenkraftwerk, das den Tidenhub zur Energiegewinnung nutzt.

Nutzbar ist außerdem die Wasserkraft von Flüssen. Wie bei der guten alten Mühle kann die Energie des Fließgewässers in nutzbare Energie umgewandelt werden. Nach der Nutzung wird das Wasser zu seinem natürlich Lauf zurückgeleitet.

©8#X/flickrAuch die unerschöpfliche Energie der Sonne lässt sich auf Erden unterschiedlich nutzbar machen. Im Bereich der Solarthermie gibt es Initiativen, Solarenergie zur Erwärmung von Brauchwasser in Gebäuden, Schwimmbädern oder zum Heizen von Gebäuden zu verwenden.

Durch die Bündelung von Sonnenenergie kann darüber hinaus Strom erzeugt werden. In Sevilla wurde 2007 Europas erstes kommerzielles, solarthermisches Kraftwerk, das „PS10“, in Betrieb genommen. Über 600 bewegliche Spiegel bündeln die Sonnenstrahlen auf der Spitze eines 115 m hohen Turms, an der sich ein Strahlungsempfänger und eine Dampfturbine befinden.

©Pink DispatcherEine weitere Möglichkeit, die Sonnenenergie zu nutzen, bietet die Fotovoltaik, bei der Siliziumplatten verwendet werden, um Sonnenlicht direkt in Strom umzuwandeln. Der Solarzellenmarkt ist derzeit in Europa einer der am schnellsten wachsenden Märkte.

Im Bereich der Bioenergie geht es um Biomasse, Biogas und Biokraftstoffe aus verschiedenen organischen Substanzen. Eine Initiative, die europaweit eine Vorbildfunktion hat, ist das Agropti-Gas-Projekt im schwedischen Västerås. Aus Energiepflanzen und Haushaltsabfällen wird dort Biogas hergestellt. Daneben gibt es Anlagen, um das Biogas kraftfahrzeugtauglich zu machen, Tankstellen für Busse und Autos zu versorgen und Gärfutter zu lagern. Die Biogasanlage stützt sich auf eine nachhaltige Interaktion zwischen Stadt und Land.

Auch die Nutzung der Windenergie wird in Europa weiter ausgebaut. So gibt es bereits zahlreiche On- und Offshore-Windanlagen, in denen an Land und vor der Küste aus Wind Strom erzeugt wird.

©anadah/flickrUnd nicht zuletzt lässt sich aus menschlicher Muskelkraft elektrische Energie schöpfen. So hat der Designer Xavier Unwin den OHM-Akku entwickelt, eine Kombination aus Batterie und Ladegerät. An den Speichen des eigenen Fahrrads werden dabei Magneten angebracht, die über Elektroinduktion für Strom sorgen, der in den Akku eingespeist wird. 45 Minuten Strampeln sollen ausreichen, um das Handy aufzuladen. Die Idee hat gute Chancen, bald umgesetzt zu werden!

Ein Geflecht der verschiedenen Aspekte

Am Ende der Diskussion in der Aachener Aula sind nicht nur alle Mitglieder unseres Tisches miteinander verbunden, sondern die Verbindung reicht bis zu den Nebentischen und verknüpft schließlich fast die ganze Aula miteinander. Wir stellen fest, dass bei der Diskussion eines so breiten Themas wie „Energie“ letztlich die verschiedensten Bereiche miteinander zusammenhängen. Wenn nur ein Mitglied am Tisch den Finger bewegt, bewegt sich das ganze Fadengeflecht.