Europawahlen: How low can you go?

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2014

Jetzt haben wir den Salat. An­ti-eu­ro­päi­sche Par­tei­en haben in vie­len eu­ro­päi­schen Län­dern nun das Zep­ter in der Hand. Das ist al­ler­dings nicht die ganze Ge­schich­te der dies­jäh­ri­gen Eu­ro­pa­wah­len. Zu eurer Freu­de und Leid, haben wir in ganz Eu­ro­pa Stim­men ein­ge­fan­gen.

Slo­wa­kei, Tomas Mrva

We did it again! Zum drit­ten Mal in Folge hat die Slo­wa­kei die nied­rigs­te Wahl­be­tei­li­gung in Eu­ro­pa. 13 Pro­zent der Slo­wa­ken haben sich an die­sem Sonn­tag zur Wahl ge­schleppt. Ei­gent­lich sind Slo­wa­ken nur an der EU in­ter­es­siert, wenn es darum geht, EU Sub­ven­tio­nen ab­zu­grei­fen. Die Po­li­ti­ker haben wie­der ein­mal be­wie­sen, dass sie daran ge­schei­tert sind zu zei­gen, worum es im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment ei­gent­lich geht. Die glück­li­chen 13 Kan­di­da­ten, die jetzt ins Eu­ro­päi­sche Par­la­ment ein­zie­hen, kön­nen sich jetzt freu­en, einen sehr gut be­zahl­ten Job ohne viel Schweiß er­gat­tert zu haben.

Frank­reich, Mélanie Sueur

Nach den eu­ro­päi­schen Wah­len, haben sich nun über­all Trau­er und Ent­täu­schung dar­über breit­ge­macht, dass 25 Pro­zent der Wäh­ler­schaft sich nicht von mo­dera­ten Kräf­ten haben über­zeu­gen las­sen. Als Mit­glied der eu­ro­päi­schen Ge­ne­ra­ti­on, habe ich jetzt noch ein grö­ße­res Ver­lan­gen da­nach, alles Mög­li­che zu tun, um Men­schen zu über­zeu­gen, dass Eu­ro­pa eine Zu­kunft hat und Im­mi­gra­ti­on eine Chan­ce ist. Es ist trau­rig, dass un­se­re Ge­ne­ra­ti­on Seite an Seite mit einer rück­wärts­ge­wand­ten Ge­ne­ra­ti­on lebt. Der Ein­fluss die­ser Wah­len wird nicht so­fort sicht­bar wer­den, son­dern wird lang­fris­tig den so­zia­len Frie­den in Frank­reich und den Frie­den zwi­schen den Staa­ten ge­fähr­den.

Schott­land, Ceris Aston

Meine Freun­de und ich haben die eu­ro­päi­schen Wah­len mit einer Art fa­ta­lis­ti­schem Hor­ror ver­folgt. Die ex­trem rech­te, eu­ro­skep­ti­sche Par­tei UKIP hat zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te Schott­lands, mit 10 Pro­zent einen Sitz er­run­gen (die Scot­tish Na­tio­nal Party und La­bour er­hiel­ten zwei Sitze und die kon­ser­va­ti­ve Par­tei einen). Nur un­ge­fähr ein Drit­tel der Wäh­ler wähl­te an die­sem Tag, so­dass UKIP nur drei Pro­zent der Stim­men der ge­sam­ten Wäh­ler­schaft reich­ten, um die­sen Sieg zu fei­ern. Nimmt man ganz Groß­bri­tan­ni­en, schaff­te es UKIP sogar, die bei­den eta­blier­ten Par­tei­en zu schla­gen. Viele linke Wäh­ler und Zen­tris­ten in Schott­land, sehen diese Ent­wick­lung als will­kom­me­ne Ge­le­gen­heit, sich vom Rest Groß­bri­tan­ni­ens im kom­men­den Re­fe­ren­dum los­zu­sa­gen. Ich hoffe, dass die Wäh­ler sich dafür ent­schei­den … 

Eng­land, Chris Bond

UKIP ist die größ­te bri­ti­sche Par­tei im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment und die Li­be­ral De­mo­crats bleibt ge­ra­de ein­mal ein ma­ge­rer Sitz. Vor hun­dert Jah­ren hat der li­be­ra­le Au­ßen­mi­nis­ter Sir Ed­ward Grey ein­mal pro­phe­tisch ge­sagt, dass „die Lich­ter in ganz Eu­ro­pa aus­ge­hen. Wir wer­den sie zu un­se­ren Leb­zei­ten nicht mehr sehen.“ Ich hoffe wirk­lich, dass diese Wah­len nur ein zwi­schen­zeit­li­cher Black­out waren und dass uns nicht die Wie­der­kehr des Na­tio­na­lis­mus be­vor­steht, der Eu­ro­pa be­reits zwei­mal in Krie­ge ge­stürzt hat. Ein Teil von mir ist sich aber nicht si­cher. Hof­fent­lich ver­ges­sen die Men­schen in Eu­ro­pa nicht, dass Eu­ro­pa die längs­te Zeit nur durch einen li­be­ra­len Kon­sens in Frie­den ge­lebt hat. Ich hoffe, dass die Men­schen wei­ter­hin Frei­heit, Plu­ra­lis­mus und Frie­den wert­schät­zen. Das Licht des Li­be­ra­lis­mus muss wei­ter­hin das Dun­kel er­leuch­ten. Jetzt wo die Schat­ten län­ger wer­den, könn­ten wir nur noch hof­fen, dass Licht ins Dun­kel kommt. Jetzt hilft es wohl nur noch eine Kerze an­zu­zün­den. 

Ita­li­en, Marco Frat­taruolo

Renzi tri­um­phiert, Gril­lo fällt zu­rück und Ber­lus­co­ni ver­schwin­det. In den Stra­ßen von Rom spürt man noch die Auf­re­gung der Wahl­nacht. Die Ki­os­ke wur­den von jenen ge­stürmt, die noch eine Aus­ga­be der La­Re­pubb­li­ca und L’Unità er­gat­tern woll­ten, um sie in ihr Zim­mer zu hän­gen. Nach einem der lau­tes­ten Wahl­kämp­fe der letz­ten Jahr­zehn­te, hat Ren­zis De­mo­kra­ti­sche Par­tei die Wahl mit über 40 Pro­zent ge­won­nen. So ein Er­geb­nis der ita­lie­ni­schen Lin­ken, fin­det man in kei­nem Ge­schichts­buch.

Deutsch­land, Li­li­an Pit­han

Als deut­scher Wäh­ler kann man sich ei­gent­lich fast nur den Angst­schweiß von der Stirn wi­schen, denn an­ge­sichts des Rechts­rucks in so vie­len eu­ro­päi­schen Staa­ten, kommt das deut­sche Wahl­er­geb­nis wie ein fluf­fi­ger Wat­te­ball daher. CDU und SPD lie­gen fast gleich­auf, die FDP düm­pelt im de­mo­kra­ti­schen Kel­ler, viele Deut­sche den­ken wei­ter öko und sogar die eu­ro­pa­skep­ti­sche AfD er­scheint - im Ver­gleich zu den Wahl­ge­win­nern in Frank­reich, Dä­ne­mark und Co. - fast hand­zahm. Leben wir in einer eu­ro­päi­schen Mul­ti­kul­ti-Viel­falt-Bla­se? Wenn ja, haben wir das Angie Mer­kel Su­per­star, einer guten Kon­junk­tur oder einer zu­tiefst von Eu­ro­pa über­zeug­ten Wäh­ler­schaft zu dan­ken?

Polen, Mo­ni­ka

Ich habe an die­sen Wah­len nicht teil­ge­nom­men, denn ich wuss­te nicht, wen ich wäh­len soll­te. Von un­se­rer Re­gie­rung in Polen bin ich ein­fach nur ent­täuscht, denn alle Par­tei­en, die an die­ser Wahl teil­ge­nom­men haben, sind genau jene, die in den letz­ten 20 Jah­ren an der Macht waren. Ich bin nicht sehr glück­lich über die neue Rech­te, die ei­ni­ge Sitze im Par­la­ment ge­won­nen hat, denn ich mag Ja­nu­sz Kor­win Mikke mit sei­nen ab­scheu­li­chen An­sich­ten nicht. Aber ich glau­be, dass die po­li­ti­sche Klas­se in Polen (und ge­ne­rell in Eu­ro­pa) fri­sche Luft atmen muss. Das Er­geb­nis die­ser Wah­len, zeigt das Eu­ro­pa lang­sam linke Po­li­tik hin­ter sich lässt.

ös­ter­reich, Ali­cia Pra­ger

Auch in Ös­ter­reich be­le­gen die Christ­de­mo­kra­ten Platz 1, wäh­rend die So­zi­al­de­mo­kra­ten zweit­stärks­te Par­tei wer­den - beide er­hal­ten 5 Man­da­te im EP. Mit doch ei­ni­gem Ab­stand da­hin­ter folgt die FPÖ: Sie kann zwar mehr als 7% der Stim­men im Ver­gleich zu 2009 da­zu­ge­win­nen. Mit Blick zu­rück auf die Na­tio­nal­rats­wahl hätte man je­doch mit Schlim­me­rem rech­nen kön­nen. Ein ver­gleichs­wei­se sehr gutes Er­geb­nis er­zie­len die Grü­nen - mit rund 15 % der Stim­men ge­lang es ihnen sicht­lich gut, ihre Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen zu mo­bi­li­sie­ren. In Wien lie­gen die Grü­nen sogar auf Platz 2, hin­ter der SPÖ. Die Volks­par­tei schafft es in der Haupt­stadt hin­ge­gen nur auf Platz 4, hin­ter die FPÖ. Über­ra­schend schlecht schnei­den die li­be­ra­len Neos ab, denen ein Kopf-an-Kopf-Ren­nen mit den Grü­nen vor­aus­ge­sagt wor­den war.

Slo­we­ni­en, Jasna Ra­j­nar Petro­vic

Die Re­sul­ta­te? Be­drü­ckend. Sie lie­ßen einen faden Bei­ge­schmack. Die slo­we­ni­sche Bü­ro­kra­tie hat mich nicht wäh­len las­sen. Sechs­zehn küm­mer­li­che Pro­zent haben sich an die­ser Wahl be­tei­ligt. Letzt­end­lich haben sie für den ver­ur­teil­ten Kri­mi­nel­len Lojze Pe­ter­le ge­wählt, der mich jedes Mal zum La­chen bringt, wenn ich sein gru­se­li­ges Ge­sicht sehe. Er möch­te das Recht zur Ab­trei­bung wie­der ab­schaf­fen, und jetzt sitzt er wie­der im eu­ro­päi­schen Par­la­ment. Ich möch­te ei­gent­lich nicht wie­der nach Hause. 

Spa­ni­en, Su­sanna Arus

In Spa­ni­en sind die bei­den größ­ten Par­tei­en nicht nur ab­ge­stürzt, son­dern haben his­to­risch ver­lo­ren. Zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te, haben die kon­ser­va­ti­ve Par­tei und die spa­ni­schen So­zia­lis­ten, zu­sam­men we­ni­ger als 50 Pro­zent der Stim­men auf sich ver­ei­nen kön­nen. Die Über­ra­schung des Abends,war die links­ge­rich­te­te Par­tei Po­de­mos, eine Par­tei, die nur vor ein paar Mo­na­ten ge­grün­det wurde. Aus dem Stand haben sie fünf Sitze im eu­ro­päi­schen Par­la­ment ge­won­nen. Nicht schlecht!? Auch die ka­ta­la­ni­sche Un­ab­hän­gig­keits-Par­tei Re­pu­bli­ka­ni­sche Linke Ka­ta­lo­ni­ens hat auf sich auf­merk­sam ge­macht. Die ka­ta­la­ni­sche Wahl­be­tei­li­gung hat sich um zehn Pro­zent ge­stei­gert. 55 Pro­zent der Stim­men gin­gen dabei an pro-Un­ab­hän­gig­keits­par­tei­en. Ein lau­tes und kla­res Si­gnal, dass wir über die Un­ab­hän­gig­keit Ka­ta­lo­ni­ens ab­stim­men wol­len.

Lett­land, Inga

Ich bin nicht wäh­len ge­gan­gen, weil ich keine Lust hatte, mich mit dem bü­ro­kra­ti­schen Mist aus­ein­an­der zu set­zen. Da ich ge­ra­de nicht in Lett­land lebe, ist es schwe­rer wäh­len zu gehen. Ich weiß wirk­lich nicht wer ge­won­nen hat, aber ich mag das let­ti­sche Er­geb­nis! Leute wie Val­dis Dom­brovs­kis sind ins Par­la­ment ge­kom­men, Tat­ja­na Žda­no­ka zum Glück nicht. 

hier das Eu­ro­pa­wah­len Spe­zi­al auf cafébabel