Europawahlen: Die Jugend-Front

Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2014

Der Wahlerfolg des Front National bei jungen Franzosen ist ein extrem starkes Symbol für das tiefe Unwohlsein dieser Generation. Der Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit ist deshalb auch ein Kampf gegen rechts.

Um der deut­schen Öf­fent­lich­keit eine Vor­stel­lung davon zu ver­mit­teln, wel­chen Platz der Front Na­tio­nal (FN) auf der eu­ro­päi­schen po­li­ti­schen Skala hat, grei­fe ich die – ka­te­go­ri­sche – Ant­wort von AfD-Chef Bernd Lucke auf. Als ich ihn bei einer Pres­se­kon­fe­renz der AfD frag­te, ob es be­reits Kon­takt mit dem FN gäbe, ant­wor­te­te er mir: „In der Auf­fas­sung be­ste­hen sehr große Un­ter­schie­de mit dem Front Na­tio­nal. Letz­te­rer möch­te, dass Frank­reich aus der NATO aus­tritt, er möch­te zu einem Zoll-Sys­tem zu­rück­keh­ren, wäh­rend wir für den ge­mein­sa­men Markt sind. Ab­ge­se­hen von die­sen wich­ti­gen in­halt­li­chen Pro­ble­men er­scheint der Front Na­tio­nal als eine An­ti-Im­mi­gra­ti­ons­par­tei, die in der Ver­gan­gen­heit an­ti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ments ge­zeigt hat. Des­halb leh­nen wir ka­te­go­risch jeden Kon­takt mit dem Front Na­tio­nal ab.“

Also, an­ge­nom­men man möch­te die AfD rechts von CDU und CSU ver­or­ten, müss­te man dann den FN noch rech­ter als rechts von der CDU plat­zie­ren? Den­noch ist fest­zu­hal­ten, dass Ma­ri­ne Le Pen es – aus recht­li­chen Grün­den – ka­te­go­risch ab­lehnt, sich das Eti­kett „ex­trem rechts“ an­zu­hef­ten. Ein se­man­ti­scher Streit, der nicht wirk­lich über­rascht, kehrt er doch im Zu­sam­men­hang mit dem FN oder an­de­ren Par­tei­en die­ses po­li­ti­schen Ufers in Eu­ro­pa immer wie­der.

Kri­tik am „Sys­tem“

Was also will Ma­ri­ne Le Pen in Brüs­sel und Straß­burg ma­chen? Die Frage stellt sich zu­nächst ein­mal in einem rein sach­li­chen Sinne, denn die FN-Vor­sit­zen­de hat durch ihre An­we­sen­heit im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment bis­her nicht ge­ra­de ge­glänzt – und das, ob­wohl sie dort schon seit 2004 sitzt. Die Seite Vo­te­Watch, die alle par­la­men­ta­ri­schen Ak­ti­vi­tä­ten von Ab­ge­ord­ne­ten er­fasst, plat­ziert Ma­ri­ne Le Pen auf dem 701. Platz hin­sicht­lich ihrer Prä­senz bei Ple­nar­sit­zun­gen. Dabei hat sie, ver­gli­chen mit ihren eu­ro­päi­schen Kol­le­gen, nicht ein­mal den längs­ten An­fahrts­weg nach Brüs­sel oder Straß­burg. Zu die­sen Zah­len be­fragt, er­wi­dert Le Pen: „Hätte ich die Wahl, würde ich lie­ber in Frank­reich sein und Frank­reich gegen die Eu­ro­päi­sche Union ver­tei­di­gen, als im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment zu sit­zen, wel­ches dabei ist, Frank­reich zu zer­stö­ren.“ Die Kri­tik von Ma­ri­ne Le Pen an der Eu­ro­päi­schen Union ist vor allem die Kri­tik an einem „Sys­tem“ – ein Be­griff, den sie eben­so gerne ver­wen­det wie den der „selbst­er­klär­ten Eli­ten“, der „Kas­ten“ oder der be­rühm­ten „Tech­no­kra­ten aus Brüs­sel“. Der Kom­mis­si­on, „die den Fran­zo­sen so viel Schlech­tes an­ge­tan hat“, spricht Le Pen des­halb „jeg­li­che Glaub­wür­dig­keit ab“.

Aus dem Still­stand kom­men

Ab­ge­se­hen von die­ser all­ge­mei­nen Kri­tik hat Ma­ri­ne Le Pen meh­re­re sehr ein­fa­che Vor­schlä­ge zu bie­ten, die aber ex­trem kom­plex in der Um­set­zung wären, wie zum Bei­spiel der Aus­stieg aus dem Euro. Das Pro­gramm des FN sieht vor, dass „Frank­reich die Sou­ve­rä­ni­tät sei­nes Gel­des und sei­ner Wäh­rungs­po­li­tik wie­der­er­langt“. Was den neuen Wech­sel­kurs be­trifft, geht es gar nicht ein­fa­cher: „Die Um­rech­nung wird au­to­ma­tisch nach dem Ver­hält­nis 1 Franc = 1 Euro statt­fin­den.“ Nur damit die Deut­schen vor­ge­warnt sind, der FN zählt na­tür­lich dar­auf, in die­sem Punkt die Un­ter­stüt­zung sei­ner Nach­barn zu er­hal­ten: „Das fran­zö­sisch-deut­sche Paar muss bei die­ser Ab­spra­che und bei der ge­plan­ten Be­en­di­gung der Eu­ro-Er­fah­rung die Rolle des Mo­tors spie­len. Es muss die In­itia­ti­ve zu­rück­ge­win­nen und der Eu­ro-Zo­ne er­lau­ben, aus dem Still­stand her­aus­zu­kom­men. Deutsch­land ist be­reit dafür, denn es weiß, dass es nicht end­los den Rest der Zone fi­nan­zie­ren kann. Eine Mehr­heit der Deut­schen (54 Pro­zent im Ok­to­ber 2011) be­für­wor­tet eine Rück­kehr zur Deut­schen Mark.“

Si­cher, die Ge­samt­heit der Deut­schen war nicht immer eu­pho­risch über den Euro, der sich ja auch noch im Her­zen der Fi­nanz­kri­se be­fin­det. Aber wenn Ma­ri­ne Le Pen in­for­miert in die hy­po­the­ti­schen Ver­hand­lun­gen mit Deutsch­land gehen wol­len würde, wäre sie gut be­ra­ten, die Zahl zu ak­tua­li­sie­ren – nur noch 27 Pro­zent der Deut­schen (Stand: Ende 2013) wün­schen sich eine Rück­kehr zur Mark. Ab­ge­se­hen von die­sem Stim­mungs­bild blie­be dann noch zu er­fah­ren, wel­che deut­sche Par­tei tat­säch­lich be­reit wäre, sich in Ver­hand­lun­gen mit Le Pen zu be­ge­ben. Selbst Bernd Lucke und seine sie­ben Pro­zent be­teu­ern, dass ein Aus­stieg Deutsch­lands aus dem Euro keine Prio­ri­tät habe.

Tie­fes Un­wohl­sein der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on

Schließ­lich ist eine der wich­tigs­ten Zah­len, die es nun nach der Eu­ro­pa­wahl zu be­rück­sich­ti­gen gilt, die 30. 30 Pro­zent der jun­gen Fran­zo­sen (d.h. jün­ger als 35 Jahre) haben für den FN ge­stimmt. Eine Zahl, die also noch höher ist als das Ge­samt­wahl­er­geb­nis des FN von 25 Pro­zent (alle Al­ters­grup­pen zu­sam­men­ge­nom­men). An­ge­trie­ben durch Ma­ri­ne Le Pen, hat die Par­tei ver­sucht, die alte Füh­rungs­gar­de durch fri­sche Ge­sich­ter zu er­neu­ern. Die jun­gen „Fron­tis­ten“ sind au­ßer­dem mas­siv in den so­zia­len Me­di­en un­ter­wegs, mit einer star­ken Ak­ti­vi­tät auf Blogs, in den Kom­men­tar­spal­ten der Zei­tun­gen, auf Face­book und Twit­ter. Der Wahl­er­folg des FN bei jun­gen Fran­zo­sen ist das ex­trem star­ke Sym­bol eines tie­fen Un­wohl­seins die­ser Ge­ne­ra­ti­on.

Si­cher, es sind die­je­ni­gen mit dem be­schei­dens­ten Ein­kom­men, die am meis­ten für den FN stim­men. Aber die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit be­trägt ak­tu­ell 24 Pro­zent und ist somit drei­mal höher als in Deutsch­land (dort sind es acht Pro­zent). Be­schei­de­ne Be­din­gun­gen sind in die­ser Ge­ne­ra­ti­on of­fen­sicht­lich weit ver­brei­tet. Für viele von ihnen sind die Vor­tei­le der Eu­ro­päi­schen Union wie die Frei­heit zu rei­sen, zu stu­die­ren, über­all in Eu­ro­pa ar­bei­ten zu kön­nen, lei­der mei­len­weit von ihren täg­li­chen Pro­ble­men ent­fernt. Die Not­wen­dig­keit ist nun da für die na­tio­na­len Re­gie­run­gen und die eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen, sich vor­ran­gig die­sen Ju­gend­li­chen zu wid­men – in Frank­reich, in Deutsch­land, aber auch in Spa­ni­en, Por­tu­gal, Grie­chen­land und Kroa­ti­en –, um ihnen eine eu­ro­päi­sche Zu­kunfts­vi­si­on an­zu­bie­ten. Es gilt, um jeden Preis zu ver­mei­den, dass der Alb­traum einer „ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on“ in Er­fül­lung geht. Denn wie der FN-Er­folg ge­zeigt hat: Ver­lo­ren wäre diese Ge­ne­ra­ti­on nicht für alle.

Die­ser Ar­ti­kel wurde auf der Web­sei­te des Ma­ga­zins The Eu­ro­pean am 05.06.2014 ver­öf­fent­licht.