Europawahl-Parteiencheck: Binnenmarkt

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2014

Am 25. Mai ist Eu­ro­pa­wahl und wie­der mal stellt sich die Frage: Wel­che Par­tei soll ich wäh­len? Cafébabel Ber­lin macht den Par­tei­en­check. Teil 6: Wie wird sich der gemeinsame Binnenmarkt entwickeln? 

Als 1957 die Rö­mi­schen Ver­trä­ge un­ter­schrie­ben wur­den, fing alles mit den Märk­ten an. Denn den sechs Grün­dungs­mit­glie­dern der Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft ging es vor allem um die Schaf­fung eines ge­mein­sa­men Bin­nen­markts. In den nächs­ten 40 Jah­ren war er das Haupt­the­ma eines ge­ein­ten Eu­ro­pas, das erst von der Ein­füh­rung des Euros und der Sorge über Staats­ver­schul­dung und Bi­lan­zen ab­ge­löst wurde. Ein star­ker ge­mein­sa­mer Bin­nen­markt ist aber die Basis für jede Ein­heits­wäh­rung und be­son­ders der eu­ro­päi­sche Dienst­leis­tungs­markt ist noch zu ent­wi­ckeln. Wel­chen Weg wol­len die Par­tei­en ein­schla­gen? 

CDU:  Alles für den Wett­be­werb

Die bei den letz­ten Bun­des­tags­wah­len stim­men­stärks­te deut­sche Par­tei stellt den Wett­be­werbs­ge­dan­ken ins Zen­trum ihres Wahl­pro­gramms. Das Ziel der Christ­de­mo­kra­ten ist es, die ge­sam­te Eu­ro­pa­po­litk an der Leis­tung der Mus­ter­schü­ler der Union (d.h. Deutsch­lands) aus­zu­rich­ten. Beim 26. Par­tei­tag der CDU in Ber­lin, der ganz den Eu­ro­pa­wah­len ge­wid­met war, kon­zen­trier­ten sich die Mit­glie­der auf den Aus­bau der Trans­port­net­ze in Eu­ro­pa und eine Stär­kung des Ex­port­ge­schäfts, einen ge­mein­sa­men En­er­gie-Bin­nen­markt und das Frei­han­dels­ab­kom­men (TTIP) mit den USA. Das Wahl­pro­gramm un­ter­streicht so den Wil­len der CDU, die Er­folgs­ge­schich­te des eu­ro­päi­schen ge­mein­sa­men Bin­nen­mark­tes fort­zu­set­zen, indem die USA ins Boot ge­holt und die größ­te Frei­hand­les­zo­ne der Welt gegrün­det wird. Au­ßer­dem un­ter­stüt­zen die Christ­de­mo­kra­ten den Vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on, alle Re­gu­lie­rungs­pro­zes­se einer "Wett­be­werbs­kon­trol­le" zu un­ter­wer­fen, um der ei­ge­nen Wirt­schaft nicht zu scha­den. 

Kurze Ge­schichts­stun­de: Wie ent­standt der ge­mein­sa­me Bin­nen­markt? (Eu­ro­parlTV EN)

SPD: Union der so­zia­len Markt­wirt­schaft

Die So­zi­al­de­mo­kra­ten sor­gen sich vor allem um die deut­schen Ar­beit­neh­mer und deren Rech­te. Im Wahlpro­gram­m geht es daher vor allem um So­zi­al­dum­ping, das die SPD ver­hin­dern will: keine Lohn­min­de­run­gen oder Kür­zun­gen der So­zi­al­leis­tun­gen. Kon­kret be­deu­tet das, dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten für den eu­ro­päi­schen Min­dest­lohn und eine Ver­ein­heit­li­chung der So­zi­al­sys­te­me, die An­er­ken­nung aus­län­di­scher Schul-, Aus­bil­dungs- und Hoch­schul­ab­schlüs­se und  eine bes­se­re Kon­trol­le von Zeit­ar­beit ein­tre­ten. Au­ßer­dem will die SPD, dass Fir­men, die in­ner­halb des ge­mein­sa­men Bin­nen­markts agie­ren, in dem Land Steu­ern zu ent­rich­ten haben, in dem sie ihre Pro­fi­te ma­chen. Na­tür­lich un­ter­stützt sie auch die For­de­run­gen nach ver­bind­li­chen So­zi­al­stan­dards in allen eu­ro­päi­schen Staa­ten, doch liest man im Pro­gramm keine De­tails über die Fi­nan­zie­rung der­ar­ti­ger Pläne. In Bezug auf das Frei­han­dels­ab­kom­men mit den USA for­dern die So­zi­al­de­mo­kra­ten klare Be­stim­mun­gen zu Ar­bei­ter­neh­mer-, Um­welt- und Da­ten­schutz, der den Deut­schen seit der NSA-Späh­af­fä­re be­kannt­lich sehr am Her­zen liegt. 

LINKE: Ein so­zia­les Eu­ro­pa schaf­fen

Im Wahlpro­gram­m der LIN­KEN nimmt der ge­mein­sa­me Bin­nen­markt einen Eh­ren­platz ein, da er für sie der In­be­griff des eu­ro­päi­schen Neo­li­be­ra­lis­mus ist. Die Grund­an­nah­me ist, dass Staa­ten wie Deutsch­land, die vor allem den Ex­port för­dern, in­ner­halb Eu­ro­pas Un­gleich­ge­wich­te schaf­fen. Im Ge­gen­satz hier­zu for­dert die Linke eine "Aus­gleichs­uni­on", in der Staa­ten, die mit einem Ex­port­über­schuss wirt­schaf­ten, die­sen aus­glei­chen müs­sen. Um das zu er­rei­chen, schlägt die LINKE zum einen den Aus­bau des Bin­nen­mark­tes vor: hö­he­re Löhne, mehr In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur, hö­he­re So­zi­al­aus­ga­ben. Zum an­de­ren for­dert sie, dass bei dau­er­haf­ten Ex­port­über­schüs­sen Sank­tio­nen ver­hängt wer­den, die der Fi­nan­zie­rung einer Um­struk­tu­rie­rung in den Im­port­staa­ten die­nen und die Kos­ten für die Wei­ter­bil­dung von Ar­beit­neh­mern, die ihre Hei­mat­län­der in Rich­tung der ex­port­star­ken Län­der ver­las­sen, de­cken sol­len. 

Die Grü­nen: Sau­be­re Märk­te

Die deut­sche Um­welt­par­tei kann das ak­tu­el­le Wirt­schafts­sys­tem na­tür­lich kaum nach­hal­tig fin­den und for­dert daher einen Kurs­wech­sel. Die Grü­nen schla­gen eine er­höh­te fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung bzw. Steu­er­er­leich­te­run­gen für For­schung und In­no­va­ti­on im Be­reich Um­welt­schutz und Nach­hal­tig­keit und einen bes­se­ren Aus­tausch zwi­schen klei­nen und mitt­le­ren Un­ter­neh­men sowie Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­zen­tren vor. Be­son­ders geht es ihnen hier­bei um einen ef­fi­zi­en­te­ren Ein­satz von Res­sour­cen und die Ver­bes­se­rung der Pro­duk­ti­ons­ket­ten. Au­ßer­dem un­ter­stüt­zen die Grü­nen den Aus­bau des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs auf dem eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt, doch sie for­dern na­tür­lich auch hier die Ein­hal­tung hoher Um­welt- und So­zi­al­stan­dards. 

Fazit: Der ge­mein­sa­me Wa­ren- und Dienst­leis­tungs­markt, der der EU zu­grun­de liegt, bleibt das Ent­wick­lungs­zen­trum Eu­ro­pas. Er hat eben­so zu sei­ner Er­folgs­ge­schich­te wie auch zu den neu­es­ten Kri­sen bei­ge­tra­gen. Daher spre­chen alle deut­sche Par­tei­en das Thema in ihren Wahl­pro­gram­men an, auch wenn in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on vor allem die Fi­nanz­po­li­tik im Vor­der­grund steht. 

EU­RO­PA­WAH­LEN 2014 AUF CAFÉBABEL BER­LIN

Weil Eu­ro­pa nicht nur eine hippe, span­nen­de und junge Seite hat, son­dern auch po­li­ti­sche In­sti­tu­tio­nen braucht, ist der 25. Mai 2014 ein fixes Datum in un­se­ren Ka­len­dern. Wann, was, wo, warum wäh­len gehen? Mehr Infos zum Wahl­tag, den Par­tei­en und der po­li­ti­schen Struk­tur der EU im All­ge­mei­nen gibt es hier im Ma­ga­zin und wie immer auch auf Face­book und Twit­ter