„Europas Wein hat Zukunft“

Artikel veröffentlicht am 16. November 2006
Artikel veröffentlicht am 16. November 2006

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Anstatt in Ruhestand zu gehen, übernahm der Physier Robert Deloche, 70, das Weingut seiner Familie. Vor der Globalisierung hat er keine Angst – Europas Wein habe schließlich Qualität.

Robert Deloche, 70, ist Physiker im Ruhestand. In seiner neu gewonnenen Freizeit widmet er sich dem Weingut seiner Familie in der Region um die französische Stadt Bordeaux. Deloch ist Neuling im Weingeschäft – und Pragmatiker. Er ist davon überzeugt, dass Modernisierung und Tradition durchaus zu vereinbaren sind.

Herr Deloche, wie wird man vom Physiker zum Weinbauern?

Seit 1865 gehört das Weingut , das ich bewirtschafte, meiner Familie. Es hat einzigartige Rahmenbedingungen: Die Reben erstrecken sich auf einem Weinberg, der so groß ist wie 20 Fußballfelder. Er liegt in der Region um Bordeaux und überragt das Bordelais, die Mündung der Gironde. Zuerst hat mein Großvater den Boden bearbeitet. Später folgte ihm mein Vater.

Die beiden haben mit den AOC–Weinen (Appellation d’origine controllée) die besten Weine der Region erzeugt. 1945 wurden wir gezwungen, das Weingut zu verpachten. Als ich das Gut 50 Jahre später wieder zurückkaufte, war es in einem sehr schlechten Zustand. Ich wollte es wieder zu dem machen, was es früher einmal gewesen war. Ich fühle mich dem Anwesen sehr verbunden. Seit 2002 widme ich mich nun dieser enormen Aufgabe.

Worin liegt für Sie der Reiz an Ihrem neuen Beruf?

Dieser Beruf ist sehr sinnlich, körperlich und packt einen richtig. Momentan könnte ich bis zu zehn Stunden am Tag zwischen meinen Fässern verbringen. Wenn ich die Weinstöcke pflege, dann ist das eine ästhetische Arbeit. Sie müssen gut atmen können und nicht zu voll hängen, damit die Trauben nicht verfaulen. Manchmal habe ich das Gefühl, einen botanischen Garten zu gestalten. Ich komme mir dann vor wie ein Kunsthandwerker. Einen guten Wein herzustellen, ist eine Kunst.

Wie lässt sich die gegenwärtige Gemütslage der Weinbauer in Frankreich beschreiben?

Viele Erzeuger sind sehr verunsichert. Ich gehöre auch dazu. Ich mache mir Sorgen: Werde ich in diesen Krisenzeiten meine Weinproduktion absetzen können? Ich habe den Eindruck, dass die französischen Weinbauer sich den neuen Herausforderungen des Marktes immer stärker bewusst sind. In Frankreich und im Bordelais ganz besonders hat man lange geglaubt, man könnte allein von dem guten Ruf der Weine leben. Heute haben wir erkannt, dass das nicht mehr ausreicht.

Welche Herausforderungen gibt es heute für die Weinbauern?

Der Weinbau leidet unter einer weltweiten Überproduktion. Dabei bin ich der erste, der die Qualität der Weine unserer Konkurrenten aus Übersee anerkennt. In Chile und in Kalifornien werden Tropfen von sehr hoher Qualität hergestellt. Ich akzeptiere die Globalisierung und die Konkurrenz, die sich aus dem internationalen Liberalismus ergibt. Deswegen will ich nicht nur guten Qualitätswein produzieren, sondern ihn auch verkaufen.

Ich denke daher über verschiedene Absatzmöglichkeiten nach. Ich will neue Verkaufsstandorte im Ausland aufbauen, vor allem in China. Dort habe ich Kontakt zu Firmen aufgenommen. Ich bin ein Verfechter von einfachen Etiketten, die auch im Ausland leicht zu verstehen sind. Wer hat schon in Texas von den über 50 verschiedenen Herkunftsbezeichnungen für Weine im Bordelais gehört? Indem man nur die Rebsorte und die geographische Herkunft vermerkt, macht man es dem Käufer leichter.

Ein Brüsseler Reformprojekt sieht vor, in Europa in den nächsten fünf Jahren 400 000 Hektar, also zwölf Prozent der Weinberge zu vernichten. Kann das der Weg aus der Krise sein?

Ich habe nichts gegen das Ausreißen der Rebstöcke, wenn es schlechte Reben sind. Solche gibt es leider immer wieder. Natürlich kann nicht jeder Wein die Qualität der berühmten Anbaugebieten, der grands crus erreichen. Doch es gibt Weine, die die Weltproduktion künstlich aufblähen und die Preise drücken. Es wäre notwendig, Rebsorten auszureißen, deren Wein nicht einmal als Tafelwein angeboten werden kann. Trotzdem muss man unterscheiden zwischen guten Reben, die auf schlechtem Boden wachsen und schlechten Reben, die auf gutem Boden wachsen. Im letzteren Fall müssen die Rebstöcke einfach ersetzt werden, das habe ich auf meinem Anwesen auch gemacht.

Gibt es eine Zukunft für den europäischen Wein?

Würde ich nicht an seine Zukunft glauben, hätte ich mein Weingut verkauft, statt meinen Lebensabend darin zu verbringen! Heute geht es eben nicht nur darum, guten Wein zu erzeugen. Man muss auch kommunizieren können. Die Weinbauer müssen in erster Linie die europäische Weinkultur bekannt machen. Die Weinbauer in Italien, Spanien, dem Elsass und anderen Regionen teilen alle ihre Liebe zum Weinanbau. Diese Tradition ist drauf und dran unterzugehen, zugunsten des Profits und der massiven Kommerzialisierung des Weines. Auf den großen Anbaugebieten Amerikas werden jedes Jahr hektoliterweise völlig identische Weine hergestellt – ein bisschen wie die Möbel von IKEA. Im Bordelais können Rebstöcke, die nur 800 Meter auseinander liegen ganz verschiedene Weine hervorbringen. Darin liegt die Kunst: Man muss wissen, wie man guten Wein macht und dies auch den Kunden vermitteln.