Europas langes Mittelalter

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
Das Frauenbild der Muslime sei einfach mittelalterlich, erregen sich europäische Kritiker. Doch ob Einführung des Frauenwahlrechts, Liberalisierung der Mode, Öffnung der Universitäten und des Arbeitsmarktes – Europa selbst hat das Mittelalter noch nicht lange überwunden. Eine Polemik.

Zwangsehen, Ehrenmorde, Kopftuchzwang – das Frauen- und Familienbild der Muslime, so der verbreitete Vorwurf westlicher Kritiker, sei erschreckend mittelalterlich und mit der Moderne unvereinbar. Muslimische Mädchen und Frauen seien weder in der Art ihrer Kleidung, in der Wahl ihres Partners, noch in der Gestaltung ihres Lebens frei über sich selbst zu bestimmen. In den noch immer stark patriarchalischen Familienstrukturen müssten sie sich dem Willen der Männer unterwerfen. Der Zwang zum Tragen des Schleiers, das Verbot zur Teilnahme am Sportunterricht wie überhaupt die Entmündigung und Unterdrückung der Mädchen und Frauen seien Zeichen eines vormodernen Gesellschaftsbildes.

Nun sind die Wahlfreiheit des Individuums und die Gleichberechtigung der Geschlechter tatsächlich zentrale Bestandteile der Moderne. Doch ein Blick in die nicht so ferne Vergangenheit zeigt, dass sie in Europa noch bis vor kurzem keineswegs selbstverständlich waren. So mussten in der Bundesrepublik Frauen noch bis in die Fünfziger Jahre das schriftliche Einverständnis ihres Ehemanns vorweisen, um eine selbstständige Arbeit aufnehmen zu können oder ein eigenes Konto zu eröffnen. Erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz 1957 wurde das traditionelle Rollenbild, in dem der Mann für seine Gattin sorgt und die Frau ihm den Haushalt führt, langsam aufgeweicht.

Es ist auch noch nicht lange her, dass Frauen das Wahlrecht erhielten. In Deutschland und Österreich wurde es 1918 eingeführt, in Frankreich 1944 und in der Schweiz 1971. Im Kanton Appenzell dürfen Frauen gar erst seit 1990 an die Urne. Ganz anders in der Türkei, wo Frauen bereits seit 1930 wählen können. Selbst im Iran ist dies immerhin schon seit 1978 möglich. Auch sonst hat Europa noch einen weiten Weg zur politischen Gleichstellung der Frau zu gehen – selbst wenn im französischen Kabinett erstmals gleich viele Frauen wie Männer sitzen und in Deutschland erstmals eine Kanzlerin regiert. Nur nebenbei sei hier erwähnt, dass in der Türkei mit Tansu Ciller bereits 1993 eine Frau Premierministerin war.

Selbstverständliche Trennung

Nun mag man einwenden, dass in Europa zumindest niemand den Mädchen die Teilnahme an Klassenfahrten und Schwimmunterricht untersagt. Doch in vielen europäischen Ländern war es bis nach dem Zweiten Weltkrieg für Mädchen unüblich zu studieren, sollten sie doch in erster Linie die Kinder erziehen. Nicht nur in Deutschland, wo der Nationalsozialismus ein traditionelles Frauen- und Familienbild propagiert hatte, sondern auch in katholisch geprägten Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien waren Frauen bis weit in die 1960er an den Universitäten deutlich unterrepräsentiert. Noch 1992 waren in Deutschland nur 39 Prozent der Studenten weiblichen Geschlechts. Es sei hier nur am Rande bemerkt, dass im angeblich so mittelalterlichen Iran und Saudi Arabien heute mehr Frauen als Männer studieren.

Auch das koedukative Modell hat lange gebraucht, um sich in Europa durchzusetzen. Noch bis in die Fünfziger Jahre war in Deutschland die Mehrheit der Schulen nach Geschlechtern getrennt. In katholischen Staaten dauerte die Trennung aufgrund des starken Einfluss der Kirche auf das Bildungssystem noch länger. Selbst im laizistischen Frankreich und im liberalen Großbritannien werden Mädchen und Jungen erst seit den 1960ern zusammen unterrichtet. Kirchliche Einrichtungen haben die Trennung vielfach bis heute beibehalten und in Internaten gilt selbstverständlich weiterhin eine strikte Segregation. Zudem gibt es seit längerem wieder verstärkt Überlegungen, getrennten Sport- oder Matheunterricht einzuführen, um den Mädchen zu erlauben, sich in Ruhe zu entfalten.

Prüdes Europa

Aber zumindest zwingt in Europa niemand, Frauen ein Kopftuch zu tragen, wird mancher einwenden. Doch auch wenn der höfische Schleier in Europa tatsächlich seit dem Mittelalter verschwunden ist, zeigt sich, dass die Freizügigkeit keineswegs ein Kernbestandteil europäischer Kultur ist, sondern eine Errungenschaft der 68er Revolution. Bis 1968 waren die Modekonventionen sehr strikt. Hosen waren für Frauen undenkbar – und kurze Röcke nur bei jungen Mädchen toleriert. Die Darstellung von Sex in Werbung, Medien und Film war ebenfalls weitgehend tabu. Küssen in der Öffentlichkeit galt als unanständig – und Sex vor der Ehe war, wenn auch nicht unüblich, sozial scharf sanktioniert. Ingesamt war Europa bis in die 1960er überaus prüde.

Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Gesetzgebung zur Homosexualität. Bis 1957 stand in der Bundesrepublik – ähnlich wie in anderen europäischen Ländern – die Ausübung ‚widernatürlicher Geschlechtsbeziehungen’ unter Strafe. Zehntausende von Männern wurden bis zur Abschaffung des entsprechenden Paragraphen zu Gefängnisstrafen verurteilt. In Osteuropa werden noch heute Schwule diskriminiert. So wurden in Polen und Litauen wiederholt Kundgebungen unter der Regenbogenfahne von den Behörden verboten. Wenn also die Diskriminierung sexueller Minderheiten, die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, wie überhaupt ein patriarchalisches Familienbild und ein traditionelles Rollenverständnis Zeichen des Mittelalters sind, so muss man feststellen, dass Europa bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderst darin feststeckte – und sich teilweise erst heute daraus zu lösen beginnt.