Europas Kulturhauptstadt Pécs - Grenzenlose Eingrenzung

Artikel veröffentlicht am 4. November 2010
Artikel veröffentlicht am 4. November 2010
Das ungarische Pécs ist in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Die Künstler suchen jedoch lieber in der Ferne das Heil. Bericht über eine Kulturhauptstadt, die ihr kreatives Potential vergrault.

Bis zum Ende des Jahres darf sich Neben Istanbul und Essen eine der drei Kulturhauptstädte 2010 mit dem Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ schmücken. Um der Auszeichnung gerecht zu werden, wurde ordentlich gebaut: Vier-Sterne-Hotels, ein Musik- und Konferenzzentrum, ein neues Kulturviertel. Zu viel auf einmal, so die Kritik. Wenn das Kulturhauptstadtjahr vorbei ist, wird nur ein Bruchteil der Projekte realisiert sein. Danach ist Pécs wieder das, was es vorher war: Eine ungarische Provinzstadt im Schatten des übermächtigen Budapest.

34 Milliarden Forint betrug das Budget des Kulturhauptstadtjahres, etwa 126 Millionen Euro. Als Teil der Stadterneuerung floss ein Drittel davon in das Gelände der historischen Zsolnay-Porzellanmanufaktur. Auf den 36.000 Quadratmetern soll ein neues Kulturviertel entstehen. Die 150 Jahre alte Tradition der Zsolnay-Fabrik kam während des Sozialismus fast vollständig zum Erliegen, das Gelände verfiel zusehends. „Erst das Kulturhauptstadtjahr hat die Möglichkeit gegeben, den Ansprüchen gerecht zu werden“, sagt Gábor Sztanics, der Architekt des Kulturprojektes.

Wer etwas werden will, wird es nicht in Pécs

Pécs ist mit seinen 160.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Ungarns. Sie ist Geburtsort von Victor Vasarely, dem Mitbegründer der künstlerischen Richtung Op-Art, sowie dem Bauhaus-Architekten Marcel Breuer. Die örtliche Musikszene hat der Stadt den Namen „Liverpool Ungarns“ eingebracht. „Stadt ohne Grenzen“ lautet das Motto der Kulturhauptstadt Pécs 2010. Nur: Es hält niemanden in dieser Stadt. Wer etwas werden will, wird es nicht in Pécs.

Das Facebookprofil gibt als Heimatstadt "Nowhereland (Pécs)" anSo auch Eszter Takáts. Ein Jahr sei sie jünger geworden, erzählt sie, nachdem sie Pécs in Richtung Budapest verlassen hat. Geldnot, ständige Umzüge und ein Mangel an Auftrittsmöglichkeiten hatten der Psyche der Sängerin schwer zugesetzt. Die Stadt ohne Grenzen wurde so zum Gefängnis. Mit der Luftveränderung kam auch der Erfolg. Heute tritt sie in ganz Ostmitteleuropa auf. Zwangsläufig drängt sich die Frage auf, ob Pécs seine Künstler vertreibt? „Der Gedanke ist nicht realitätsfern, es herrscht das wasserköpfige Denken vor, dass sich alles in Budapest abspielt“, so Zoltán Csernák von der Pécser Jazzband Singas Project.

Die Kulturpolitik des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán bemüht sich um eine Trendwende. Marcell Jankovics, Leiter der Nationalen Kulturstiftung Ungarns, sprach von einer „Kultur-Pyramide“. Konkret heißt das, dass die Kleinen mehr finanzielle Unterstützung bekommen sollen, also Amateure, Provinz und Auslandsungarn. In Pécs zeigt man sich angesichts dieser Pläne verhalten optimistisch. In den letzten hundert Jahren musste man immer nach Budapest gehen, um bemerkt zu werden. Peter Hűvösvölgyi, Gitarrist der Band Neofolk, würde sich freuen, wenn es nicht so bleiben würde.

Er hatte Pécs in Essen, neben Istanbul, der dritten Kulturhauptstadt dieses Jahres, repräsentiert. Doch das Echo war verhalten, die erhofften Folgeauftritte blieben aus. Schon früh sei ihm der Dilettantismus aufgefallen, den Pécs verkörpert. „Hier wurde kein Wert auf Niveau und Qualität gelegt, sondern auf Klüngel. Die Verantwortlichen unterstützen gar nichts, sondern sind froh, wenn alles vorbei ist“, schimpft der Musiker. Die Musik von Neofolk nährt sich aus den Wurzeln der Roma, Slawen und Juden. „Die Musik ist geeignet, um kulturelle Vielfalt zu übermitteln“, so Hűvösvölgyi. Doch die Band weiß selbst, dass Ethno-Jazz und Weltmusik nicht jedermanns Sache sind. „Wer in dieser Richtung etwas macht, muss sich auf jeden Fall nach Budapest orientieren, in Pécs selbst gibt es sehr wenige Auftrittsmöglichkeiten.“

Einer, der Pécs nicht verlassen will, ist Viktor Molnár. Mit rotem Rauschebart läuft er durch ein ehemaliges Schulgebäude am Rande der Stadt. „Z.I.O.N.“ nennen sie es jetzt, ein Haus für Jugend- und Musikkultur soll es werden. Was hier entstehen soll, ist so etwas wie ein alternatives Gegenprojekt zum gutbürgerlichen Zsolnay-Kulturviertel. Anders als dieses kommt es im Budget des Kulturhauptstadtjahres nicht vor. „Wir machen Kultur, aber das ist nicht immer Kultur im Sinne der Politik“, so Molnár.

Seit zehn Jahren findet unweit Pécs zudem der „Rockmarathon“ statt, ein einwöchiges Musikfestival mit in diesem Jahr über 40.000 Besuchern. Der Erfolg war laut Meinung der Organisatoren auch der Werbung durch das Kulturhauptstadtjahr zu verdanken. „Pécs ist ein guter Boden für diese Art von Musik, auch wenn es hier eigentlich an allem fehlt“, so Zoltán Varga, Veranstalter des „Rockmarathon“. Er will die Lage der lokalen Bands dennoch nicht zu dramatisch zeichnen, denn viele waren auch beim Festival dabei. „In Budapest ist das Leben leichter als in der Provinz. Aber man sollte nicht so schnell aufgeben, sondern den Leuten geben, worauf sie neugierig sind.“ Und Neugier ist bekanntlich grenzenlos.

Fotos: Hauptbild (cc)casso.catena/flickr; Singas Project ©facebook.com/SingasOfficial; Video Zion TV ©zionpecs.blog.hu/; Neofolk ©Youtube