Europäische Werte in Geiselhaft

Artikel veröffentlicht am 24. September 2004
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 24. September 2004

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Europa kann sich nicht länger vom Leiden im Irak distanzieren. Aber ebenso wichtig ist es zu erkennen, dass nicht nur wir es sind, die leiden.

Wir leben in einer Zeit, in der es auf Fragen keine objektiven Antworten mehr zu geben scheint. Seit Kofi Annan den Irakkrieg als illegal bezeichnet hat, sind neuen Interpretationen Tür und Tor geöffnet. Europa weist seine Bürger auf die Bedrohungen unserer Zeit hin, sich darum zu sorgen, ist gerechtfertigt. Aber gleichzeitig vergisst Europa nicht selten seine Pflicht, wenn es um universelle Werte geht und flüchtet in seinen Handlungen vor moralischer Verantwortung.

Die wachsende Zahl an Kidnappings zeigt, dass jeder Europäer im Irak eine Geisel seiner eigenen Identität ist und deshalb persönlich bedroht ist. Wie auch immer, die Zahl der Europäer, die unter dem offiziell am 1. Mai 2003 "zu Ende" gegangenen Irakkrieg leiden, steht in keinem Verhältnis zu den irakischen Geiseln und den Vorfällen dort, von denen der Durchschnittseuropäer weitestgehend nichts erfährt. Wir neigen dazu, uns nur um das Leiden unserer eigenen Leute zu kümmern und ignorieren dabei vollständig, was die Iraker zu erleiden haben.

Ist das Leben eines Irakers weniger wert als das eines Europäers?

Mehr als 100 Ausländer sind bisher im Irak gekidnappt worden, mindestens 27 davon wurden bereits hingerichtet. Weitere vier Menschen aus den westlichen Industrienationen, zwei italienische weibliche Hilfskräfte und zwei Reporter aus Frankreich, werden momentan als Geiseln gehalten. Aber beschäftigt sich irgendjemand mit den 18 irakischen Nationalgardemännern, die Teil des irakischen Wiederaufbauteams sind und am Montag von deren Kidnappern freigegeben wurden?

Dieser Krieg ist nicht konventionell, ebenso wenig sind es seine Anforderungen und Methoden. „Ein Krieg ist niemals sauber“, so sagen Spezialisten, die Kidnappings und Bombardierungen als unrechtmäßige Methoden denunzieren. Aber zeigen nicht die psychischen und physischen Demütigungen, die das US Militär im Gefängnis von Abu Graib beging, den Westen von seiner schlechtesten Seite? Die meisten Menschen unterstützen weder die Methoden der einen noch die der anderen Seite. Aber ich neige dazu den Terrorismus, obwohl er natürlich zu verurteilen ist für eines der letzten Mittel zu halten, um auf die eigenen Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Deshalb ist auch das westliche Gespött den Arabern gegenüber nicht zu entschuldigen.

Wiederaufbau oder Profit?

Wir sprechen von Wiederaufbau, aber als der irakische Präsident Ghazi Mashal Ajil al-Yawer nach Frankreich kam, um genau darüber zu reden, wollte ihn Präsident Chirac nicht treffen. Begründung: Die Sicherheit der französischen Geiseln im Irak sei gefährdet. Deutschland dagegen schickte Spitzenbeamte in den Irak um den Präsidenten zu treffen und die eigenen Taschen mit Wiederaufbauverträgen zu füllen. Darüber hinaus lehnt Berlin aber ab, Hilfstruppen in den Irak zu schicken, die dem vom Krieg zersplitterten Land helfen könnten.

Im Krieg zu sein, bedeutet nicht, dass das Leben der Menschen weniger wert ist, oder dass ein bestimmtes Volk unter einem anderen steht. Wir zählen 1.168 Fälle, in denen Iraker um ihre 12.778 Toten trauern (Quelle: Iraq Body Count). Dieser Krieg war nie "unser" Krieg, aus diesem Grund sehen wir es nicht ein, dass unsere Leute dort ihr Leben lassen sollen. Dennoch sollte Europa ihr Leiden nicht ignorieren, da es sich nun einmal dafür entschieden hat, an der Koalition der Willigen teilzunehmen. Und was ist mit dem Leiden derjenigen Iraker, die getötet oder verletzt und deren Häuser zerstört werden? Um es noch einmal zu sagen: Es sind vor allen Dingen die Iraker, die am meisten unter diesem Krieg leiden.

Verantwortung der Medien

Die Zahl der Toten steigt von Tag zu Tag und wir kümmern uns nur um diejenigen, die uns nahe stehen, die Italiener, die Polen, die Spanier, die Ukrainer,... aber ihre Zahl ist nicht im geringsten so hoch wie die Anzahl der toten Iraker. Einseitige oder parteiische Medienberichte unterstützen diesen Kampf der Kulturen noch und formt eine Volksmeinung, die sich nur mit sich selbst beschäftigt. So wird verhindert, dass eine neue und verantwortungsbewusste europäische Generation entstehen kann.

Ich weiss nicht, ob es möglich ist, sich konstruktiv an diese destruktive Umwelt anzunähern. Aber während Europa seine Festung emsig auszubauen versucht werden die Morde und Geiselnahmen immer trostloser. Hoffen wir, dass unsere Gleichgültigkeit der Schattenseite der Geschichte gegenüber nicht dazu führt, dass die Irakis verzweifeln oder gar versuchen, dem Beispiel der Tschetschenen in Beslan zu folgen.