Europäische Öffentlichkeit - was'n das?

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2009
Man streitet. Weniger darüber ob es sie nun gibt oder nicht, als darüber in welcher Form sie existiert. Ist die europäische Öffentlichkeit Sache der Eliten, nur in Wirtschaft und Politik zu finden oder ist sie gar ein Spielplatz der Generation Erasmus? Wird Europas Öffentlichkeit je mit einer Stimme sprechen, kommt die EuroPolis?

„Europäer leben größtenteils mit ihren eigenen nationalen Medien, auch wenn viele von internationalen Unternehmen aufgekauft wurden,“ weiß der Warschauer Journalist Adam Krzeminski. „Das bedeutet aber nicht, dass es zu einer Homogenität der Inhalte gekommen ist,“ erklärt die polnische Professorin Beata Ociepka am Beispiel der polnischen Tageszeitung Fakt, die seit 2003 dem deutschen Axel Springer Verlag angehört. „Redaktionen richten sich nach den Stimmungen des Publikums,“ das hätten anti-deutsche Klischees in Berichten von Fakt zum WM-Spiel Deutschland-Polen gezeigt. Es seien eher Formate, sagt Ociepka, die sich europaweit anglichen.

Banken in Island und England haben plötzlich eine Bedeutung für deutsche Sparer...

„Die Berichterstattung über Europa hat deutlich zugenommen,“ ergänzt Alois Berger, Brüsselkorrespondent für deutschsprachige Medien wie die Berliner Zeitung oder Die Sonntagszeitung in Zürich. Als der Deutsche vor 15 Jahren nach Brüssel kam, schrieb er drei Artikel pro Woche. Heute fordert der Heimatmarkt täglich so viele Beiträge vom EU-Hauptsitz. „Europa findet viel mehr statt“, auch in den klassisch-nationalen Medien, die der der Brüssel-Korrespondent beliefert. „Es spielt eine Rolle wie andere Länder aufgebaut sind, Banken in Island und England haben plötzlich eine Bedeutung für deutsche Sparer,“ sagt Berger angesichts der Finanzkrise. Es scheint als könne man den Status quo der europäischen Öffentlichkeit mit dem Blick aus dem Fenster der eigenen vier Wände vergleichen - auf Brüssel, auf europäische Nachbarn.

Europäer fordern Öffentlichkeit, wenn …

Die Tendenz ist klar, so Berger. „Sobald es zu Krisen kommt rückt Europa zusammen. Dann schreien die Bürger: Jetzt brauchen wir die EU!“. In ungewissen Zeiten wird mehr Politik konsumiert und Öffentlichkeit laut gefordert. Das hieße dann aber, dass EU-Bürger sich immerhin im Alltag regional orientieren. Ein Kenner der europäischen Öffentlichkeit bestätigt. „Das Fernsehen wird zunehmend von lokalen oder mentalen Nischen dominiert. Es ist Abbild national-kultureller Gegebenheiten,“ so Klaus Wenger vom Deutsch-Französischen Sender Arte.

Unumstritten ist, dass es längst europäische Themen gibt. Der EU-Beitritt der Türkei ist ein Beispiel, ebenso Energie- und Außenpolitik. Brüssel-Korrespondent Berger geht noch einen Schritt weiter wenn er behauptet, „Sonntagsreden im Sinne von ‚Wir brauchen Europa’ interessieren niemanden. Was die EU in Sachen Klimapolitik macht - das interessiert“.

Euromedial

Logo ©euronews.netWas ist europäische Öffentlichkeit konkret? Ihr zentrales Ventil sind wohl Medien, sollten sie paneuropäisch sein. Solch eine meta-nationale Presse steckt europaweit bisweilen in ihren Kinderschuhen - gängige Plattformen einer Info-Elite sind häufig internationale Ausgaben nationaler Medien, auf Englisch und im Internet. „Kurioserweise ist das europäische Leitmedium momentan die International Herald Tribune“, sagt Frey und ergänzt BBC World und CNN International. Wenn nationale Interessen wegfallen, was ist der Kompass europäischer Medien? Die paneuropäische Presse existiert, etwa als Nachrichtenformat (EuroNews). Um Hürden wie Sprache und Kultur zu überwinden, vereinen paneuropäische Medien internationale Autoren in ihren Redaktionen, publizieren in der Lingua Franca Englisch oder übersetzen ihre Veröffentlichungen.

Generation Erasmus: Die Zukunft der Öffentlichkeit Europas

©el floz/flickr

Die Generation Erasmus lebt eine neue Form von Öffentlichkeit - polyglott und mobil.

Aktiv in Sachen europäische Öffentlichkeit ist die Generation Erasmus - sie ist ihr Macher und Nutzer, wie Karen Hauff von der Berliner Hertie School of Governance feststellt. Diese jungen Europäer agieren über nationale Grenzen und klassische Nischen wie Politik, Kultur und Wirtschaft hinweg. Eben deshalb bedürfen sie multinationaler Kanäle für Information und Kommunikation. Die Generation Erasmus lebt eine neue Form von Öffentlichkeit - polyglott und mobil. Sie ist in Europas Städten und im Cyberspace unterwegs und nutzt Bildungs- und Berufsangebote, die auf internationalen Austausch bauen. Ihr Begriff von Zuhause ist durch technische und gesellschaftliche Verhältnisse entgrenzt.

27 ist nicht 1

Welchen Kurs Europa einschlägt ist bedeutend für seine Öffentlichkeit. Die Länder der EU, erklärt Krzeminski, ziehen an zwei Strängen. Einerseits versuchen sie ihre Macht innerhalb der EU zu steigern und andererseits eine gemeinsame Politik umzusetzen. Dass sich „Europa zu einem einzigen, neuen, großen Nationalstaat entwickelt“ hält deshalb auch Berger für unwahrscheinlich. Können also europäische Medien die nationalen ersetzen? Neue Formate werden der europäischen Öffentlichkeit zugute kommen. Doch dass sie je ein- statt mehrstimmig wird, scheint derzeit mehr Vision als Wirklichkeit. Die europäische Öffentlichkeit ist Bedingung der Demokratie auf EU-Ebene. Vielfalt ist ihr Maß.