Europäische Öffentlichkeit – Und alle machen mit!

Artikel veröffentlicht am 4. April 2005
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Artikel veröffentlicht am 4. April 2005

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Fast eine halbe Milliarde Bürger in 25 Mitgliedstaaten sprechen 21 unterschiedliche Sprachen: In der EU ist Vielfalt statt Einheit angesagt. Doch partizipative Medienprojekte können zur Herausbildung einer europäischen Identität beitragen.

Der Grundstein für eine gemeinsame europäische Identität ist eine funktionierende Medienöffentlichkeit, die den Bürgern die Möglichkeit gibt, am politischen Prozess teilzunehmen und sich somit als Unionsbürger zu identifizieren. Doch europäische Medien sind rar gesät. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie „ARTE“, „Euronews“ oder „Euractiv“ existieren kaum mehrsprachige und nationenübergreifende Medien. Zeitungsprojekte wie die von Helmut Schmidt initiierte europäische Wochenzeitung „Guardian Europe“ oder „The European“ wurden schnell wieder aufgeben. Kostspielige und zeitraubende Übersetzungen, gravierende kulturelle Unterschiede im journalistischen Stil, eine fehlende Leserschaft und die weiterhin strikt national funktionierenden Werbemärkte versetzten diesen Versuchen den Todesstoß.

Mehr Konflikte für Europa!

Auch wenn die Zahl der Journalisten in Brüssel ständig anwächst (40 deutsche Korrespondenten im Jahre 1991 stehen 133 in 2003 gegenüber) dominieren dennoch nationale Themen die alltägliche Berichterstattung. Europa taucht erst auf, wenn Großereignisse wie die Einführung des Euros anstehen. Thomas Meyer, Politologe und Autor des Buches „Die Identität Europas“, sieht den Grund dafür in der EU-Politik selbst. „Medien orientieren sich stark an Konflikt und Personalisierung. Wenn man diese Faktoren stärker anspricht, dann könnten sich die Medien noch viel stärker für europäische Angelegenheiten interessieren.“ Doch zurzeit sind europäische Themen vor allem kompliziert, anonym und fremd. Wichtige Nachrichtenfaktoren wie Einfachheit, Personalisierung und Nähe bleiben unerfüllt. Doch wo traditionelle Medien ihren Beitrag zu einer europäischen Öffentlichkeit (noch) nicht ausreichend leisten, ist die Bevölkerung gefragt, der politischen Machtrealität in Brüssel eine wachsame Zivilgesellschaft entgegenzusetzen.

Jeder kann mitmachen

In länderübergreifende Bewegungen wie zum Beispiel dem attac-Netzwerk, das europaweit gegen den EU-Verfassungsvertrag mobil macht, oder zivilgesellschaftlichen Begegnungen wie dem Europäischen Sozialforum manifestiert sich erstmals eine kontinentale Öffentlichkeit. Das Medium dieser „Eurogeneration“ ist das Internet. Jeder kann mit geringem Geld- und Zeitaufwand eigene Beiträge verfassen und somit selbst zum „Journalist“ avancieren. Indymedia beispielsweise ist ein internationales Netzwerk, welches helfen könnte, eine europäische Öffentlichkeit zu etablieren. Ziel der Bewegung ist in erster Linie, alternative Medien und Medienmacher miteinander zu vernetzen und somit Gedanken abseits des Medien-Mainstreams Raum zu bieten. Statt einer Redaktion gibt es ein „Moderationskollektiv“, welches den Nachrichtenfluss möglichst übersichtlich gestaltet. Jeder hat also die Möglichkeit, einen Artikel zu publizieren. Das Modell ist überaus erfolgreich: Überall auf der Welt – allein in Europa in 40 Ländern und Städten – ist indymedia vertreten. Dass die EU hier zum Thema wird zeigt allein die Startseite des deutschen Portals am Ostermontag. Unter der Überschrift „EU-weiter Aktionstag in Brüssel“ berichtet der Artikel über die Demonstrationen in Brüssel wegen der geplanten Dienstleistungsrichtlinie. Auch andere, offene Internetplattformen wie das deutschsprachige Europa-Digital oder café babel leben vom (meist ehrenamtlichen) Engagement der Leser, die auch Autoren sind. Bei café babel existiert die europäische Öffentlichkeit bereits: Als transnationale Debatte in sechs Sprachen.

Wallströms Tagebuch

Doch auch die Institutionen setzen zunehmend auf Methoden des partizipativen Journalismus. Margot Wallström, Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, veröffentlicht in ihrem Weblog erfrischende Anekdoten aus ihrem politischen Alltag und humorvolle Begebenheiten. So findet man passend zum Weltfrauentag am 08. März folgenden Eintrag: “Rightly the small daughter of my friend asks: So, are all the other days men‘s day then? “.

Es gibt also bereits eine Reihe von gelungenen Beispielen für partizipativen Journalismus in Bezug auf eine europäische Öffentlichkeit, der aus seiner Natur heraus überwiegend im Internet stattfindet. Sicherlich hat auch das Netz seine Schwächen, beispielsweise die Sprachenvielfalt, welche schnell zur Sprachbarriere werden kann. Zudem werden über das „neue“ Medium in erster Linie junge Menschen angesprochen. Ein Vorteil des WWW gegenüber den traditionellen Medien ist jedoch unbestritten: Sein fast unendlicher Raum, der viel Platz bietet für neue Ideen und spontane Eigeninitiative. So bleibt zu hoffen, dass die zarten Anfänge einer europäischen Öffentlichkeit nicht zuletzt durch den Cyberspace und die damit verbundene Möglichkeit zum eigenen Publizieren gestärkt werden.