Europäische Identität - was zur Hölle ist das?

Artikel veröffentlicht am 22. April 2014
Artikel veröffentlicht am 22. April 2014

„Europa fehlt eine Identität.” Das kann man in jeder x-beliebigen Analyse eines x-beliebigen Intellektuellen lesen. Unser Autor hat mit Leuten in Cafés und auf der Straße philosophiert und gefragt, wie sie das Ganze sehen. Und am Ende einen gemeinsamen Nenner gefunden.

Ein­mal im Jahr fragt die EU ihre Bür­ger, ob sie sich eher ihrer Na­ti­on oder Eu­ro­pa zu­ge­hö­rig füh­len. Sie fragt so nach der eu­ro­päi­schen Iden­ti­tät. Doch was ist das über­haupt, eu­ro­pä­isch? Was ist Iden­ti­tät?

Di­ver­se Au­to­ren ver­su­chen gerne mit lan­gen Auf­sät­zen diese zwei Wör­ter in viele Worte zu fas­sen, dann schrei­ben sie über De­mo­kra­tie, über ge­mein­sa­me Werte, über Ge­schich­te und manch­mal über das Chris­ten­tum. Aber was sagen Eu­ro­pä­er selbst dazu, wenn sie nicht nur eine Mul­ti­ple-Choice-Aus­wahl von der Sta­tis­tik­be­hör­de Eu­ro­s­tat vor sich haben? Was sagen sie, wenn man sie fragt, warum sie sich eu­ro­pä­isch, oder auch: nicht eu­ro­pä­isch, füh­len? Wo bes­ser ist das her­aus­zu­fin­den als in einer Stadt, die von sich be­haup­tet, eine eu­ro­päi­sche Stadt zu sein.

Es ist ein son­ni­ger Nach­mit­tag in Straß­burg, ent­lang der Ill an­kern Haus-Boo­te, die Bars und Cafés be­her­ber­gen, am Fluss­ufer sit­zen die Leute in Stüh­len, Lie­gen und Sofas, trin­ken, rau­chen, un­ter­hal­ten sich. Neben mir eine schwarz­haa­ri­ge, etwas fül­li­ge­re Frau mitt­le­ren Al­ters, ge­gen­über ihre Mut­ter, kurze weiß-blon­de Haare, etwas hager, aber sport­lich, ein paar Fal­ten.

Ich taste mich mit einer vor­sich­tig-ein­fa­chen Frage heran: Ist Straß­burg eine eu­ro­päi­sche Stadt? „Ja”, kommt so­fort die Ant­wort. Und warum? „Weil hier so viele Tou­ris­ten aus allen Län­dern un­ter­kom­men, über­all sind Aus­län­der”, sagt die Toch­ter. Das stimmt, Straß­burg ist eine Tou­ris­ten­hoch­burg. Doch wenn es Aus­län­der sind, wie kön­nen es dann Eu­ro­pä­er sein?

„Ich ver­ste­he, was du meinst, aber es ist ein­fach schwer zu be­ant­wor­ten. Was ist über­haupt eu­ro­pä­isch?” Ja, genau, was ist das? Ihre Mut­ter springt ein, sagt, es sind die ge­mein­sa­men Ge­wohn­hei­ten, die alle Eu­ro­pä­er tei­len. Und wel­che sind das? „Gute Frage.” Keine Ant­wort. Ihre Toch­ter setzt wie­der ein: „Ich habe ein paar Jahre in Ka­na­da ge­lebt. Da habe ich mich schon sehr als Eu­ro­pä­er ge­fühlt, da ist alles ir­gend­wie an­ders. Auch wenn ich in Bel­gi­en bin, bin ich Eu­ro­pä­er. Wenn ich in Frank­reich bin, bin ich Fran­zö­sin.”

An­de­re ant­wor­ten ähn­lich, eine Rus­sin, die nach Straß­burg ge­zo­gen ist, sagt, in ihrem Hei­mat­land wird sie als Eu­ro­päe­rin an­ge­se­hen, in Straß­burg als Rus­sin. Eu­ro­pä­isch scheint etwas Un­be­stimm­tes zu sein, etwas, das Men­schen erst für sich ent­de­cken, wenn sie ihre Hei­mat, ihre ver­trau­te Kul­tur, hin­ter sich las­sen. Of­fen­bar ist Iden­ti­tät immer eine Form der Ab­gren­zung. Wir und die An­de­ren.

Fühlt Ihr Euch erst Fran­zö­sisch, und dann Eu­ro­pä­isch, oder erst Eu­ro­pä­isch und dann Fran­zö­sisch? Beide Damen ant­wor­ten mit „Fran­zö­sisch zu­erst”. Heißt das also, ihr sorgt euch eher um Fran­zo­sen, bevor ihr euch um an­de­re Eu­ro­pä­er sorgt? Beide ant­wor­ten - zö­ger­lich - mit „Ja“. Aber in ei­ni­gen öst­li­chen Mit­glieds­staa­ten ster­ben die Men­schen vor Hun­ger und leben in Slums, müss­te man sich nicht um die viel mehr küm­mern? „Ja, ich weiß, es ist schlecht so zu den­ken, aber in Frank­reich ster­ben die Men­schen auch”, sagt die Toch­ter. Ihre Mut­ter setzt fort: „Na­tür­lich müs­sen wir glo­bal den­ken, und wenn wir das tun, dann müs­sen wir uns auch um die schwa­chen Län­der in Eu­ro­pa küm­mern, wir müs­sen zu­sam­men­hal­ten, um gegen China und die USA zu be­ste­hen.”

Sie ist nicht die ein­zi­ge, die so auf diese Frage ant­wor­tet. 

Erst ich und dann die an­de­ren

Eine hüb­sche Fran­zö­sin, die ge­ra­de ihr Fahr­rad auf­schließt, si­gna­li­siert, dass sie ge­ra­de echt los muss, aber als ich sie mit mei­nen Fra­gen kon­fron­tie­re, bleibt sie ste­hen und denkt nach. Auch sie sagt am Ende „Ich sorge mich zwar erst um Fran­zo­sen, aber wir müs­sen uns auch um die An­de­ren küm­mern.” Eine Ju­gend­grup­pe, ei­ni­ge von ihnen nicht ein­mal 18, hört eben­falls in­ter­es­siert zu und ver­sucht Ant­wor­ten zu geben. Schließ­lich: „Un­se­re El­tern haben uns bei­ge­bracht, dass wir auch an an­de­re Men­schen in Eu­ro­pa den­ken müs­sen.”

Alle Be­frag­ten wähl­ten am Ende den Aus­druck „Wir müs­sen”. Nicht: „Wir soll­ten”. Eu­ro­pa scheint keine Her­zens­an­ge­le­gen­heit zu sein, son­dern eine Frage des Ver­stands. Wer an Eu­ro­pa denkt, ist prag­ma­tisch, nüch­tern, ra­tio­nal und dar­auf be­dacht, den wirt­schaft­li­chen Vor­teil zu sehen. Viel­leicht ist der ge­mein­sa­me Wert der Auf­klä­rung doch nicht so weit her­ge­holt.

Wie bes­ser lässt sich diese These über­prü­fen, als bei einer Dis­kus­si­on über Eu­ro­pa. Zwölf vor allem junge Er­wach­se­ne sind mei­ner Face­book-Ein­la­dung ge­folgt, um an einem Frei­tag um 20 Uhr in der Stu­den­ten-Bar Le Cha­ri­ot über Eu­ro­pa zu dis­ku­tie­ren. Ei­ni­ge ar­bei­ten für Café Babel, an­de­re sind Freun­de und Be­kann­te. Selbst hier, mit Men­schen, die sich schon für das Thema in­ter­es­sie­ren, äh­neln sich die Aus­sa­gen: Bis auf drei Per­so­nen (in­klu­si­ve mir) sehen sich die meis­ten zu­erst ihrer Na­ti­on zu­ge­hö­rig, dann Eu­ro­pa.

Ein Ge­dan­ke: Wenn man sich nun zu­erst mit sei­ner Na­ti­on iden­ti­fi­ziert, und dann erst mit Eu­ro­pa, ist das dann Na­tio­na­lis­mus?

Stil­le. 

Diese Frage hatte ich schon ei­ni­ge Stun­den zuvor ge­stellt, als ich im Pa­lais d’Eu­ro­pe - dem Sitz des Eu­ro­pa­rats - Men­schen an­ge­spro­chen habe, die wich­tig aus­sa­hen. Ein Ab­ge­ord­ne­ter aus dem Par­la­ment des Ko­so­vo hatte ohne zu zö­gern eine Ant­wort parat: „Es ist nicht na­tio­na­lis­tisch, es ist ego­is­tisch. Aber jeder ist das. Jeder küm­mert sich erst um sich selbst, dann um an­de­re.” In der Bar Le Cha­ri­ot gibt es erste Wort­mel­dun­gen. Einer sagt: „Iden­ti­tät hat nichts mit Na­tio­na­lis­mus zu tun. Nur weil man sich als Fran­zo­se be­greift, macht einem das nicht zu einem Na­tio­na­lis­ten. Erst wenn man an­de­re Na­tio­nen aus­grenzt oder als min­der­wer­tig an­sieht, ist das Na­tio­na­lis­mus.“ Na­tio­na­lis­mus ist da­nach etwas Po­li­ti­sches, Iden­ti­tät etwas Kul­tu­rel­les.

Und kei­ner der An­we­sen­den will diese na­tio­na­le kul­tu­rel­le Iden­ti­tät mit einer eu­ro­päi­schen er­set­zen. Schließ­lich ist es genau diese kul­tu­rel­le Un­ter­schied­lich­keit, die Eu­ro­pa aus­ma­che. Eu­ro­pä­isch zu den­ken, heißt of­fen­bar, die Viel­falt und Ver­schie­den­heit Eu­ro­pas an­zu­er­ken­nen, viel­leicht sogar stolz auf sie zu sein. Das Motto der EU lau­tet ja auch: „In Viel­falt ver­eint.”

Doch in den Ge­sprä­chen auf den Stra­ßen hat sich auch er­ge­ben, dass viele Eu­ro­pä­er nicht un­be­dingt zu­sam­men­ste­hen wol­len, sie füh­len, dass sie es müs­sen. Sie pfle­gen eine eher prag­ma­ti­sche, ra­tio­na­le Be­zie­hung zur eu­ro­päi­schen Idee, eine des Kop­fes, nicht des Her­zens. Sie emp­fin­den kei­nen Pa­thos, kei­nen Pa­trio­tis­mus, keine Liebe.

Ehr­li­cher­wei­se müss­te das Motto daher wohl lau­ten: trotz Viel­falt ver­eint.

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil eines Re­por­ta­ge­pro­jekts, das in Straß­burg rea­li­siert wurde. „EU­to­pia: Time to Vote“, wurde in Zu­sam­men­ar­beit mit der Stif­tung Hip­po­crène, der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, des fran­zö­si­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums und der EVENS Stif­tung rea­li­siert. Die ganze Serie wird bald auf un­se­rer Home­page zu fin­den sein.