„Europäische Filme verdummen immer mehr“

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2005
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Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2005

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Barry Norman, Englands bekanntester Filmkritiker und gefeierter Autor beurteilt das europäische Kino im café babel-Interview.

Was unterscheidet das europäische vom amerikanischen Kino?

Der wesentliche Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Kino ist, dass Europa - Großbritannien leider überwiegend ausgeschlossen - bisher den Film selber als eine Form von Kunst verstand. Die Amerikaner betrachten ihn dagegen als Business. Dieser Unterschied jedoch immer weiter eingeebnet.

Machen sich zurzeit bestimmte Trends in Bezug auf Inhalt oder Stil im europäischen Kino bemerkbar?

Die Dominanz amerikanischer Filme an den Kinokassen scheint einen gegensätzlichen Effekt auf die europäischen Filme zu haben. Früher, zu ihren besten Zeiten waren Letztere anerkannt aufgrund ihrer Durchdachtheit, ihrer Scharfsinnigkeit, ihrer geistreichen und tiefen Analysen von menschlichen Beziehungen (sexueller und anderer Art) und der Tatsache, dass sie mehr von den Charakteren als von der Handlung lebten. Sie sollten vor allem Erwachsene ansprechen und nicht Kinder und Jugendliche. Heutzutage, wo das Publikum das unkompliziertere, handlungsreichere amerikanische Kino bevorzugt, scheinen europäische Filme die Hollywood-Methode zu adaptieren. Stil ist wichtiger als Inhalt und Bewegungen (Gedränge, Gehetze, Explosionen, Verfolgungen) häufig als Handlung missverstanden werden. Anders ausgedrückt, Handlung sollte in einem Film wesentlich von den Charakteren und nicht vom Plot ausgehen. Europäische Filme werden allgemeiner, weniger intellektuell, weniger subtil – sie verdummen, um die Massen anzusprechen. (Dies gilt auch für britische Filme, ausgenommen solche von Leuten wie Mike Leigh oder Ken Loach.)

Welche aktuellen europäischen Filme sind Ihrer Meinung nach im Moment bemerkenswert?

Ich sehe keine hervorstechenden Filme im Moment. Es gibt ein paar exzellente Filme wie Mike Leighs „Vera Drake“, Pedro Almodovars „Die schlechte Erziehung“ und Christophe Barratiers „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ Aber es gibt nur sehr wenige Anhaltspunkte, wenn überhaupt, dass Menschen Grenzen überschreiten wie es früher Godard, Truffaut, Tarkovsky, Kieslowski, Wenders und viele andere taten. Der bemerkenswerteste Film 2004 war vielleicht „Vergiss mein nicht!“, der zwar amerikanisch ist, aber den Großteil seiner Neuheit und Innovation dem französischen Regisseur Michel Gondry verdankte.

Nach welchen europäischen Regisseuren und Schauspielern sollten wir 2005 besonders Ausschau halten?

Audrey Tautou ist offensichtlich eine der aufsteigenden Stars unter den Schauspielern. Ansonsten, ausgehend von den europäischen Filmen, die in Großbritannien gezeigt werden, scheint es keinen neuen Star zu geben, dem auch nur annähernd eine Bedeutung beigemessen werden könnte wie ehemals einem Belmondo oder einer Moreau. Bei den Regisseuren wird man weiter Leute wie Gondry, Almodovar, Jean-Pierre Jeunet, Francois Ozon, Agnes Jaoui, Andre Tecchine und Christopher Nolan im Auge behalten. Es ist immer schwer, weit im Voraus zu sagen, welcher Schauspieler oder Regisseur einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Zurzeit passiert nicht viel in Europa und es ist schwer, ein aufregendes neues Talent am Horizont auszumachen.

Bedeutet die EU-Osterweiterung für uns, dass wir mehr Filme aus Osteuropa zu sehen bekommen werden?

Mit dem Beitritt von mehr osteuropäischen Ländern sollten wir auf jeden Fall mehr Filme aus dieser besonderen Fundgrube zu sehen bekommen. In der Vergangenheit war das Hauptproblem der osteuropäischen Länder, einen Absatzkanal im Westen zu finden. Das sollte sich jetzt auf jeden Fall ändern. Aber es ist zu früh, um sagen zu können, welche Auswirkung das auf die gesamte europäische Filmindustrie hat. Vieles wird von der Qualität der osteuropäischen Filme abhängen. Wenn zum Beispiel, die polnische Industrie immer noch erfüllt ist vom Geist eines Kieslowski und darauf Bedacht ist, intelligente, reife Filme für intelligente, erwachsene Menschen zu machen, dann könnten die Newcomer wahrlich einen positiven Einfluss auf ihre Kollegen aus dem Westen haben. Wir müssen es auf uns zukommen lassen.