Europäer wider Willen? Was Briten und Iren wirklich über die EU denken

Artikel veröffentlicht am 5. März 2012
Artikel veröffentlicht am 5. März 2012
Die einen steigen aus dem Fiskalpakt aus, die anderen stimmen erstmal darüber ab: Briten und Iren gelten als Quereler der EU. Das Image der Union ist angeschlagen. Warum eigentlich, fragt sich unsere Kommentatorin.

Für europäische Satiriker ist "Merkozy" ein Geschenk: Das Duo aus Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy war mit seinen Wirtschaftsmaßnahmen zur Bekämpfung der Eurokrise Vorlage vieler Karikaturen. Doch die europäischen Medien scheinen mit der Eurokrise so beschäftigt zu sein, dass sie vergessen haben, hinter ihrer Satire einen klugen Standpunkt zu verbergen. Nationale Ausbrüche in ganz Europa unterstellen der EU, jeder Wirtschaftsplan sei lediglich ein euro-föderalistischer Versuch, die nationale Souveränität zu untergraben. Besonders die irische und britische Presse zeichnet sich durch Skepsis gegenüber der EU und den Staats- und Regierungschefs Kontinentaleuropas aus.

Großbritannien: Nur in der EU, um sich über sie beschweren zu können

Im Englisch sprechenden Teil des Kontinents scheiden sich die Geister an unseren Nachbarn auf dem Festland erheblich. In Großbritannien herrscht eine tief verwurzelte Kultur des Euroskeptizismus, angefeuert von den Boulevardmedien des Landes. Die Briten wollen alle Vorzüge einer Mitgliedschaft in der EU genießen. Die Reisefreiheit ist nur ein Beispiel: Schätzungen zufolge leben rund eine Million Briten in Spanien. Doch jegliche Maßnahmen made in EU empfinden sie als Einschränkung ihrer Souveränität und lehnen sie grundsätzlich ab. Und da die Medien gerne mit Fehlinformationen punkten, wird fast jede Richtlinie der EU als Angriff wahrgenommen. 

Die EU samt ihrer Bürokraten, Institutionen und nationalen Staats- und Regierungschefs ist zu einem praktischen Sündenbock geworden, den britische Politiker für eine Reihe von Problemen verantwortlich machen können. Die britische Regierung - so die Meinung vieler Kommentatoren - gebe sich alle Mühe, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es der Wirtschaft ohne Krise in der Eurozone gut ginge. Die Briten richten ihren Ärger über die verantwortungslosen Griechen gegen die herablassenden Deutschen. Davon profitiert die von den Konservativen angeführte Regierung. Währenddessen kaut die britische Boulevardpresse gebührend Halbwahrheiten wieder, um zu 'beweisen', dass Europa im Unrecht ist.

Irland: Wir wollen euch hier nicht. Aber wenn ihr geht, sind wir beleidigt

In Irland ist die Presse weniger anti-europäisch eingestellt - dennoch herrscht ein Gefühl der Wut über unsere europäischen Nachbarn. Als wäre es Europas Schuld, dass wir durch unsere maßlosen Kreditaufnahmen und übermäßigen Ausgaben unseren Status als Musterkind des Wirtschaftswachstums verloren haben. Als ehemals kolonialisierte Nation herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber allem vor, was uns von "außen" aufgezwungen wird. Das Rettungspaket der EU/ des IWF fällt in diese Kategorie. In Irland gab es bereits vor dem Ausbruch der Finanzkrise böses Blut gegen manch einen europäischen Nachbarn. Als kleine Inselnation, die seit Jahrhunderten ein Auswanderungsland war, erlitten die Iren einen gehörigen Schock, als sie plötzlich zum Ziel für Einwanderer wurden. Mangelnde Erfahrung mit kultureller Vielfalt in Kombination mit einem rasanten Zustrom osteuropäischer Migranten seit 2004 brachte gesellschaftliche Probleme mit sich.

Unterschwelliger Rassismus war weit verbreitet. Und auch wenn viele Migranten Arbeit fanden und sich gut integrierten, wurden andere zweifellos ausgenutzt. Als die irische Wirtschaft ins Stocken geriet, kehrten die meisten der osteuropäischen Migranten in ihre Heimatländer zurück. Der klassische irische Neid zeigte sein hässliches Gesicht. An Stammtischen fielen verächtliche Bemerkungen: "Zuerst von den guten Zeiten profitieren und dann das sinkende Schiff verlassen“. Umgekehrt wendete sich die Wut auch gegen jene Migranten, die im Land geblieben waren und den Iren ihre "rechtmäßigen" Arbeitsplätze wegnahmen.

Andererseits…

Natürlich sind nicht allein die Medien schuld. In Wahrheit scheint die Presse nur die Vorurteile der Bevölkerung zu bedienen. „Die britische Öffentlichkeit ist Europa gegenüber sehr viel skeptischer eingestellt als die Presse“, sagt Robert Oulds, Leiter des Think Tanks Bruges Group. Als Fazit kann man sagen, dass Großbritannien und Irland gerne ein Teil von Europa sind. Wir verbringen gerne unsere Wochenenden in Wien oder Budapest und unsere Sommerurlaube in der Provence oder in Alicante. Wir kaufen gerne billigen Alkohol und Zigaretten in Polen, und die Männer unter uns wissen den Zuzug hübscher slawischer Mädchen in unsere Länder zu schätzen. Wir wissen, dass es zwischen uns europäischen Bürgern höchstens oberflächliche Unterschiede gibt. Wir mögen euch Europäer. Auch wenn wir nicht ganz verstehen, warum ihr euch küsst, anstatt euch die Hand zu schütteln wie ganz normale Menschen.

Foto: Großes Bild, Wald in Katalonien (cc) Birdyphage/ Nicolas Loiseau/flickr