Europa wird Babel bleiben

Artikel veröffentlicht am 5. März 2004
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Artikel veröffentlicht am 5. März 2004

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Es gibt 94 Sprachen und Dialekte. Viele davon sind ernsthaft bedroht. Doch die linguistische Vielfalt darf nicht untergehen.

In Europa gibt es 77 autochtone Sprachen, zusammen mit den Dialekten steigt die Zahl auf 94. Der Großteil davon konzentriert sich auf Mittel- und Osteuropa. Doch die Zahlen sind je nach Quelle sehr unterschiedlich. Die Forscher scheinen sich selbst nicht einig zu sein bezüglich der Definitionskriterien von Sprache und Dialekt. Sie sprechen verschiedene Sprachen.

Sag' mir, was du sprichst, und ich sage dir, wer du bist

Die Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen gehören im Allgemeinen Minderheiten an. Ohne kollektive Rechte gibt es nicht einmal ein Recht auf Individualität. Doch in vielen Ländern gibt es bereits Gesetze zum Schutz von Minderheiten. Das Problem ist, dass auch wenn das Gesetz Beachtung findet, es ohne die notwendige Finanzierung zu Makulatur wird. In Italien existieren diese Gesetze zum Beispiel, doch was die Anwendung in Schulen und Behörden angeht, ist davon sehr wenig davon umgesetztt worden.

Die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (Associazione per i Popoli Minacciati, APM) hat von der italienischen Präsidentschaft der EU gefordert, dass der europäischen Verfassung ein Artikel hinzugefügt werde, der alle linguistischen und ethnischen Minderheiten in ihren Rechten anerkennt. Der Appell stieß auf taube Ohren.

Es bleiben folgende Daten: laut "Euromosaic", der Studie der EU- Kommission, verschwinden 23 der 48 bestehenden Minderheitensprachen nach und nach. Weitere 12 werden als "bedroht" eingestuft. Viele sind bereits "ausgestorben". Aus ihrem momentanen Budget hat die EU dem „Büro für Sprachminderheiten“ (Bureau for Lesser Used Languages, EBLUL) nur 2,5 Millionen Euro gegeben. Zu wenig zum Erhalt der bedrohten Sprachen.

”Dreckige Zigeuner!"

Doch in der Realität stehen die Dinge noch viel schlimmer. Amnesty International hat kürzlich die Lebensbedingungen der ethnischen und linguistischen Minderheiten in Europa verurteilt. Besonders dann, wenn es sich um die Beitrittsländer handelt. Ein Beispiel: Am 13. Juni 2003 ist im ungarischen Städtchen Valko ein Roma-Bürger am Steuer seines Lastwagens angehalten und ohne Grund in Handschellen gelegt worden. Auf Fragen der Umstehenden hin antwortete der Polizist: "Geht alle weg, ihr dreckigen Zigeuner! […] Alle Zigeuner sollte man umbringen!"

Von Geschichten wie dieser, aber auch von Belästigungen, Folterungen und Morden sind die Archive von Amnesty übervoll. Ungarn hat auf seinem Territorium deutsche, armenische, bulgarische, kroatische, griechische, polnische, rumänische, serbische, slowakische, ukrainische Minderheiten, von denen eine jede ein eigenes Idiom spricht. Ihrerseits stellen die Ungarn eine Minderheit in Rumänien, der Slowakei, der Ukraine, Kroatien, Slowenien und Österreich dar.

Dies ist die allen europäischen Ländern gemeinsame Situation. Sicherlich ist die Lage in Mittel- und Osteuropa schlimmer, weil dort die Grenzen sehr willkürlich gezogen wurden. Und deshalb geschieht es sehr oft, dass dort die Minderheiten soziopolitischen Sprengstoff bilden. Doch Ungarn hat sich sehr um Abhilfe bemüht.

Es gibt auch schlimmere Fälle. Rumänien zum Beispiel hat auf seinem Territorium die Schaffung eines Senders für die Minderheit ungarischer Sprache befürwortet, dank eines Zuschusses von 3,846

Millionen Euro seitens der ungarischen Regierung. Nur in der Realität bleiben die zahlreichen täglichen Übergriffe auf die ungarische Minderheit bestehen, unter anderem aufgrund der unsicheren Rechtslage, zum Schaden auch ihrer Sprache

Doch das Problem ist viel größer. Seit zu langer Zeit sorgt die Notwendigkeit, verschiedene Völker innerhalb nationaler Grenzen zu vereinen dafür, dass derjenige, der einen Dialekt oder eine Minderheitensprache spricht, als minderwertig oder dumm betrachtet wird, weil er nicht die Sprache der Mächtigen spricht. Dies ist vielleicht die erste Form von Rassismus. Denn die Sprache ist der Faktor der grundlegenden Anerkennung einer Kultur, noch vor der Religion, und sicher ist sie auch der erste kulturelle Faktor: der es nämlich erlaubt, eine Welt der Künste, Erfahrungen, Weisheit und Ironie zu schaffen und zu bewahren.

Fortschritt gleich kulturelle Verarmung?

Wenn es zwar als überholt betrachtet werden mag, dass man in einer globalisierten Welt weniger Hauptsprachen einen Dialekt spricht, und wenn man daran denkt, dass es nicht nützlich ist, dessen Existenz zu schützen, weil er ja ohnehin "früher oder später verschwinden wird", dann gibt es aber auch Leute, die anders denken. "Heute existieren mindestens 6000 lebende Sprachen; gegenüber denen mit höherem Ansehen (…), verstärken die Minderheitensprachen sich vielmehr und sind weit davon entfernt, zu verschwinden“ - so Tullio de Mauro. Dank der neuen Kommunikationsmittel erleben sie eine neue Konsolidierungsphase: „Nie in der Vergangenheit gab es so ausgedehnte Einflüsse auf die Bevölkerung bezüglich der Notwendigkeit, zu kommunizieren, Texte zu produzieren und zu lesen, in anderen Sprachen wie in der eigenen" (1).

Kurz gesagt werden die Sprachen nicht verschwinden und die Welt wird ein Babel bleiben, gerade dank der Globalisierung.

Es erinnert uns daran, dass im Osten nicht nur Konsumpotenzial existiert, sondern auch eine neue Wählerschaft. Die Globalisierung ist auch eine Verbreitung von Rechten und Demokratie.

(1) Aus Capire le Parole von Tullio De Mauro, Laterza, Bari, 1994. Tullio De Mauro ist Linguist und Semiologe, Exminister für Bildung und Autor zahlreicher Werke und Essays.