Europa, wie hältst Du’s mit der Popkultur?

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2008

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Im November 2007 bestätigte der Ministerrat den Plan der „europäischen Kulturagenda“ - ausgearbeitet von der europäischen Kommission. Eindrucksvoll versucht sie die europäischen Vorstellungen von kultureller Vielfalt zusammenzufassen. Aber wo bleiben Popmusik und Videospiele?

Die so genannte "hohe Kultur" - Opern, klassische Musik und Architektur - präge das europäische Verständnis von Kultur, meint der neuseeländische Anthropologe Chris Shore in seinem Buch Europa bauen, das auf europäischen Feldforschungen der neunziger Jahre beruht. Ideen von 'populärer' Musik scheinen in den offiziellen Konzeptionen von europäischer Kultur ein Fremdwort zu sein. Auch die Kulturagenda zur 'Rolle der EU in einer globalisierten Welt' macht da keine Ausnahme. 

Ein großer Fehler! Popkultur eröffnet viele Dimensionen, die für Kulturkonzepte wichtig sein können, auch für die Kernziele der EU wie kulturelle Vielfalt und interkultureller Dialog. Kultur ist ein Katalysator für Kreativität. Kultur ist eine Schlüsselkomponente internationaler Beziehungen. In seinem Buch Populärkultur zählt der schwedische Soziologe Simon Lindgren einige entscheidende Merkmale zeitgenössischer Popkultur auf: verkaufsorientiert, leicht zugänglich, intellektuell weniger anspruchsvoll als beispielsweise ein Opernlibretto und verbunden mit Erholung und Unterhaltung. Sie ist wortwörtlich 'populär' - gibt Menschen, wonach sie verlangen, und befriedigt somit spezifische kulturelle Bedürfnisse. 

Manna aus dem Himmel

©Creativity + Timothy K Hamilton/flickrAus soziologischer Sicht sind solche Eigenschaften das 'Manna aus dem Himmel', sollten sie die Absichten der EU erfüllen. Der amerikanische Autor George Blecher schrieb einst, dass jedes erfolgreiche Konzept amerikanischer Integrationspolitik auf Elementen der Popkultur basiert. Zweitens sei die Popkultur ein Barometer für sozialen Wandel. In der Zeit nach den Krawallen in den französischen Vorstädten 2005 schrieb der in Paris arbeitende New York Times Journalist Alan Riding, dass "Kunst in Form von Film und Rap-Musik schon lange vorher darauf hingedeutet habe, dass sich in Frankreich geborene Jugendliche arabischer und afrikanischer Herkunft von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen und sich eine explosive Entladung anbahnt." Leider schenkten der Vorwarnung nur Wenige Gehör. 

Und trotzdem hat Popkultur in der europäischen Kulturlandschaft immer eine Rolle gespielt - ganz gleich, was die hart gesottenen Verteidiger über den Unterschied zwischen hoher und niederer Kultur darüber zu sagen pflegten. Man denke nur an franko-kanadische Popmusik wie yéyé, die schwedische Kultband Abba oder den (räusper) Eurovision Song Contest.

Aus der Ferne betrachtet ist Europa eine Brutstätte für kulturelle Ikonen. Es gibt doppelt so viele Pizzerien außerhalb Italiens wie weltweite McDonalds Filialen. Oder Marken. Jedes Jahr stellt Interbrand Consulting eine Liste der 100 bekanntesten Markennamen zusammen. Mercedes-Benz, Bulgari und Courvoisier sind meist an der Spitze anzutreffen. 

Spielkultur

Der größte Fehler der EU ist der Ausschluss der Computerspielindustrie aus ihrer Kulturstrategie. Es gibt keinen Bereich, außer eventuell Hollywood, der besser kulturelle Kreativität, technisches Können und wirtschaftliche Chancen kombiniert. Das Videospiel Grand Theft Auto (GTA) beispielsweise - 1997 von der schottischen Firma DMA Design entwickelt - wurde 1999 von dem amerikanischen Konzern Take-Two Interactive aufgekauft und in Rockstar North umbenannt. Binnen kurzer Zeit wurde die GTA-Spielserie ungemein beliebt. Bis zu ihrer Auflösung im März 2008 konnte das Franchise-Unternehmen mehr als 70 Millionen Kopien weltweit verkaufen.

©TWCollins/flickr

In der letzten Version, GTA IV, kommt der Osteurpoäer Nico Bellic nach New York City und wird in unzählige Streitereien verwickelt. "Es ist eines der besten modernen Unterhaltungsprogramme - unabhängig von Genre und Format", schreibt ein auf technologische Neuheiten spezialisierter norwegischer Journalist. Er vergleicht die gute Erzählstruktur des Spiels mit der Literaturverfilmung French Connection – Brennpunkt Brooklyn (1971). Dazu kämen verbesserte Spielfeatures, attraktive Grafik, coole Musik und komplexe Feinsteuerung. Kein Wunder, dass die Leute so begeistert sind.

Warum? Ob sie mögen oder nicht, kulturelle Werte basieren auf emotionalen Reizen, Spiele rufen Emotionen hervor. Doch inwiefern sie nun ein europäisches Gemeinschaftsgefühl erzeugen, bleibt offen. Auf jeden Fall hätte ein stärkerer Fokus auf Europa vielleicht den Verkauf von DMA Design an die Amerikaner verhindern können. Videospiele geben uns zumindest die Möglichkeit nebenbei mehr Spaß an Kultur zu haben.