Europa verschläft die Zukunft des Internet

Artikel veröffentlicht am 14. November 2006
Artikel veröffentlicht am 14. November 2006

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Google kauft You Tube, Wikipedia wächst weiter: Europa muss auf die Herausforderung des Web 2.0 endlich reagieren.

1 650 000 000 Dollar. Dies ist die Summe, die Google für den Erwerb von You Tube, der Website für Online-Videos, gezahlt hat. Täglich werden auf dieser Seite 65 000 neue Videos veröffentlicht. Die Meldung von der Übernahme durch Google kam Anfang Oktober. Nur wenige Tage später berichtete die englische Zeitschrift The Economist von der neuesten Initiative der Gründer des Internet-Telefonanbieters Skype, dem Venice Project. Dieses Projekt soll Internet-Nutzern künftig erlauben, sich Fernsehprogramme über das Internet herunterzuladen. – Meldungen dieser Art ließen sich bis vor kurzem nur in abgelegenen Internet-Blogs oder Fachzeitschriften finden. Inzwischen aber ist Web 2.0 in aller Munde.

Internet der zweiten Generation

Web 2.0 ist die zweite Generation des Internets. Die Nutzer gestalten ihre Internetseiten selbst, verbreiten ihre Informationen in der Webgemeinde und jeder, der daran interessiert ist, kann darauf zugreifen und reagieren.

You Tube wird hauptsächlich von Videoamateuren genutzt. Die „freie Enzyklopädie“ Wikipedia wird von den Mitgliedern der Internetgemeinschaft selbst geschrieben und verbessert. Die deutsche Version hat inzwischen fast eine halbe Million Einträge. Bei Flickr kann man inzwischen fünf Millionen Fotos herunterladen. Auf all diesen Seiten ist die Technik nur ein Hilfsmittel. Das Wichtigste ist es, mit Hilfe eines innovativen Konzepts die Nutzer miteinander in Verbindung zu bringen.

Google vor Gericht

Wenn das Web 2.0 vor allem Innovation bedeutet, versteht es sich fast von selbst, dass Europa wenig „2.0“ ist. Folgt man dem European Human Capital Index, haben nur die skandinavischen Länder, Großbritannien und Österreich eine positive Einstellung zu Innovation. Deutschland und die Mittelmeerstaaten gelten als zu unflexibel. So macht man in Deutschland seinen Hochschulabschluss im Durchschnitt erst mit 28 Jahren. Vierzig Prozent der Italiener arbeiten unterqualifiziert oder in einem Beruf, der nicht ihrer Ausbildung entspricht.

Wenn die Europäer wieder einmal mehr Mittel für Forschung und Entwicklung fordern, sollte nicht vergessen werden, dass Investitionen nicht das größte Problem seien, kritisierte The Economist. Damit bezieht sich das Wochenblatt auf die so genannte Lissabon-Strategie. In ihr nehmen sich die Europäer vor, bis zum Jahr 2010 das „dynamischste und wettbewerbsfähigste Wirtschaftssystem der Welt“ zu werden.

Zu diesen hoch gesteckten Zielen kommt nun auch noch ein Mentalitätsproblem. Belgische Tageszeitungen haben den Artikel-Suchdienst Google News wegen Diebstahl geistigen Eigentums verklagt. Sie erreichten eine Verurteilung in erster Instanz. Einige europäische Medien scheinen die Bedeutung des Internets bislang noch nicht zu erkennen.

Europa ist nicht innovationsfreudig

Fehlendes Verständnis ist aber leider auch das Problem eines Großteils der europäischen Politiker: „Politiker müssen sich über die Wirkung des Internets erst noch klar werden. Viele haben keine konkrete Vorstellung von dem Phänomen an sich, von seiner Dynamik und seinem weitreichenden Einfluss“, kommentiert der Geschäftsführer von Google, Eric Smith, in seinem Gastbeitrag auf der jährlichen Parteikonferenz der britischen Konservativen.

Tatsächlich gedeiht Innovation nur auf fruchtbarem Boden. Sie braucht ein offenes und flexibles Klima. In Europa ist man noch viel zu sehr mit Nationalismen und Eigenbrötlerei beschäftigt. Da wird von einem Europäischen Institut für Technologie, einer Art MIT für die EU geredet, was ja durchaus nicht schlecht klingt. Und worüber streitet man? Über die Entscheidung, in welchem Land der Sitz des Instituts sein soll. Einige plädieren sogar für mehrere Niederlassungen.

In amerikanischen Universitäten hingegen gibt es Innovation, weil man auf einen ständigen Dialog zwischen Forschungsinstituten und Unternehmen baut. So entstanden nahe der berühmten Stanford University Unternehmen wie Apple.

Wäre es also nicht produktiver, im Umfeld der berühmten und gefeierten europäischen Universitäten ähnliche Dynamiken anzuregen und gleichzeitig das Unternehmertum auf allen Ebenen zu fördern? Wäre es nicht wirklich innovativ, endlich das Denken zu befreien und in einen intellektuellen Austausch zwischen den Generationen zu investieren? Hier beginnt die Herausforderung des Web 2.0.

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