Europa urlaubt McDonald’s

Artikel veröffentlicht am 2. August 2004
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Artikel veröffentlicht am 2. August 2004

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Die McDonaldisierung (nach George Ritzer), die Formatisierung des Alltags hat auch den Urlaub der Europäer erreicht. Ein Erlebnisbericht aus einem Center Parc.

Wir wollten einen bezahlbaren Urlaub, wir wollten auf Nummer sicher gehen, wir wollten bewährte Formen der Unterhaltung und ein maximales Angebot der Bedürfnisbefriedigung auf engstem Raum. Kurz gesagt: Unser Sohn wollte seinen Spaß und wir, die Eltern, keinen Stress. Also fuhren wir zu einem Center Parc ins Hochsauerland in Deutschlands Mitte. Die Center Parcs sind eine holländische Erfindung und ein Musterbeispiel für McDonaldisierung. Im Mittelpunkt der Parks, die es in Holland, Belgien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland gibt, steht stets ein subtropisches Familienbad, mit Wasserrutschen, Strudeln, Fontänen und allem Drum und Dran, sowie daran angeschlossen ein Ferienbungalow-Dorf mit über 600 Appartements, in denen die Familien (denn an sie richtet sich das Angebot zu 99%) in der Formatwohnung einen autonomen Ferienalltag leben können. Einkaufen, Essen gehen, Animation für Kinder, Videospiele, Sport, Unterhaltung, all dies gibt es dann im Market Dome, einem riesigen angeschlossenen Hallenkomplex, durch den ständig ein Musikteppich weht, gewebt aus den neuesten internationalen, familienkompatiblen Softhits, die beim sensiblen Ohr schon nach der zweiten Schleife Ohrwurmqualen erzeugen. In diese Bedürfnisabfertigungshalle gingen wir nur zum Frühstück, denn das piepende und blinkende Dauerangebot löste bei unserem sechsjährigen Filius unablässige "Will-ich-haben"- und "Will-ich-spielen"- Reflexe aus.

Fast Food – Fast Urlaub

Das Center Parc-Konzept floriert. Wer zur Schulferienzeiten dort ein Bungalow beziehen will, sollte frühzeitig buchen. Um die drei Millionen Besucher strömen laut Veranstalter jedes Jahr in die zehn Familienparks, bei einer Auslastung um 90%. Was 1968 mit dem ersten Park begann - ein paar Bungalows im Wald mit bescheidenem Swimmingpool -, hat sich heute zu einer veritablen "Fast-Urlaub-Kette" ausgewachsen. Der Reiz für die mitteleuropäische Mittelschicht liegt darin, dass sie nicht weit fahren muss, dass sie genau weiß, was sie erwartet - denn die Center Parcs in den verschiedenen Ländern unterscheiden sich nur in Nuancen - und darin, dass der Urlaub fast wetterunabhängig ist, denn das Vergnügen ist zum Großteil überdacht. Die Strategie des Unternehmens zielt dabei auf den Kurzurlaub, viele Wochenenden werden gebucht und auch während der Ferien bleiben wenige Familien länger als eine Woche.

Alle sind gleich

Auch für uns funktionierte das Konzept. Nach dem einstündigen Spaßbadbesuch am Vormittag war unsere kleine Wasserratte ausgetobt und grundbefriedigt. Kleinere Ausflüge in das reizvolle Umland des Hochsauerlands entschädigten für die allzu sterile Atmosphäre des Parkgeländes und ermöglichten die Flucht vor dem zeitweilig ziemlich überfüllten Market Dome. Schade natürlich, dass man dort so wenig mit anderen Familien ins Gespräch kam, so wie man bei McDonald’s nicht auf die Idee kommt, mit den Tischnachbarn zu reden. Die McDonaldisierung verwischt kulturelle Unterschiede, dampft vielmehr alles ein auf ein Kondensat mitteleuropäischen Kleinbürgertums. Nicht nur alle Center Parcs gleichen sich, auch die Europäer in ihnen ähneln sich zum Verwechseln. Die Kinder tragen T-Shirts mit amerikanischen Slogans, die Eltern Levi‘s, Blusen und praktische Allwetterjacken, skandinavische Handys piepen und klingeln, man fährt geräumige deutsche oder französische Familienautos, die Frühstückslektüre geht selten über das Boulevardblatt des jeweiligen Landes hinaus. Diese Gemeinsamkeiten machen die Verständigung leicht, aber warum sollte man sich noch verständigen?

Zuviel Essen bei McDonald‘s, hierin sind sich Ernährungswissenschaftler einig, schadet dem Körper. Ob die einseitige Bedürfnisbefriedigung in McDonaldisierten Urlaubsparadiesen der europäischen Volksgesundheit schadet oder nicht ungesunder ist als der regelmäßige Verzehr holländischer Gurken und Tomaten, darüber wird sich streiten lassen. Uns jedenfalls hat ein Mal gereicht. Der nächste Urlaub wird uns wieder in den Süden auf Individualtour führen, auch wenn wir dann nicht jeden Tag wissen werden, was uns erwartet.