Europa streitet um Moscheen

Artikel veröffentlicht am 13. August 2007
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Artikel veröffentlicht am 13. August 2007
Ob Moschee, mezquita oder mosquée, überall in Europa entzündet sich Streit am Bau muslimischer Gebetsstätten. In der Schweiz sollen Minarette verboten werden. In England warnt eine Petition vor Unruhen. Und in Spanien befürchtet die Rechte Verbindungen zu Al Qaida. Ein Überblick über die wichtigsten Konfliktorte Europas.

Die Situation ist überall in Europa vergleichbar: Die muslimischen Einwanderer wollen raus aus den Hinterhöfen, Kellergeschossen und Lagerhallen, in denen sie bisher ihre Gebetsräume eingerichtet hatten. Sie drängen hinaus in den öffentlichen Raum und fordern das Recht auf den Bau repräsentativer Moscheen ein. Doch in vielen Städten führen die Baupläne zu heftigen Konflikten mit Anwohnern und Behörden. Rechtskonservative Parteien nutzen die Vorbehalte der Bevölkerung gegen den Bau der Moscheen und polemisieren gegen die drohende Islamisierung der Gesellschaft.

Da der Bau von Gebetshäusern durch das Recht auf freie Religionsausübung garantiert ist, versuchen die Gegner der Moscheen, ihre Errichtung mit dem Baurecht zu verhindern. Doch hinter dem Streit um Parkplätze und Traufhöhe verbirgt sich eine diffuse Angst vor der Präsenz der Muslime. Eine Angst, die sich angesichts der Meldungen über islamistischen Terror in den vergangenen Jahren noch weiter verschärft hat. Besonderer Streitpunkt sind die Minarette. Die weithin sichtbaren Türme sind weit mehr als ein Bauelement: Sie sind zum Symbol geworden im Streit um den Platz der Muslime in der Gesellschaft.

In der Schweiz will die SVP Minarette grundsätzlich verbieten

Bisher ist dies die einzige Moschee mit Minarett in Zürich. Die SVP will das dies auch so bleibt. Credit to: lido_6006/FlickrIn der Schweiz hat die rechtskonservative Schweizer Volkspartei (SVP) im Mai 2007 ein generelles Bauverbot für Minarette gefordert. Sie will bis November 2008 die notwendigen Unterschriften für eine Volksabstimmung sammeln. Angesichts der Tatsache, dass die SVP 2003 bei den Wahlen 27 Prozent der Stimmen erhalten hat und seitdem die größte Fraktion im Parlament stellt, dürfte es ihr nicht schwer fallen, die 100 000 Unterschriften zusammen zu bringen. Allerdings ist fraglich, ob ein Minarett-Verbot rechtlich zulässig ist. In der Schweiz leben rund 340 000 Muslime. Bisher gibt es allein in Bern und Zürich eine Moschee mit einem Minarett.

Der Initiator des Verbotsantrags, der SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer argumentiert, dass Minarette kein notwendiger Bestandteil der Moschee seien und weder vom Koran noch anderen zentralen Schriften vorgeschrieben würden. Er sieht in ihnen ein Symbol des Herrschaftsanspruchs der Muslime im neu eroberten Gebiet. Die Bauherrn von Moscheen in Langenthal und Wangen, denen ihr sechs Meter hohes Minarett im Februar 2006 nach einer Unterschriftenkampagne aus baurechtlichen Gründen verboten worden war, verweisen darauf, dass Hindus und Buddhisten wesentlich höhere Türme bauen dürften. Sie sehen daher keine rechtliche Grundlage für ein Minarettverbot.

In London macht eine Internet-Petition gegen ein Moscheeprojekt mobil

Solche Bilder haben wohl nicht eben zur Toleranz beigetragen:Demo in London gegen die Karikaturen. Credit to: Lackerae/FlickrEine Petition gegen den Bau einer Moschee in Ostlondon, die im Juli 2007 auf die Seite von Premierminister Gordon Brown gestellt worden war, ist von 277.000 Menschen unterzeichnet worden, ehe sie von der Homepage entfernt wurde. Wer das Schreiben, das im Namen des „Volkes dieses großen Landes von England“ gegen den geplanten Bau einer „Mega-Moschee“ protestiert, da dies „furchtbare Gewalt“ zur Folge haben werde, erstellt hat, ist unklar. Gegen die Anschuldigung, die Moschee solle mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, haben sich sowohl die Bauherren der Tablighi Jamaat als auch der Londoner Bürgermeister Ken Livingston gewandt.

Livingston kritisierte die Sprache der Petition als aufrührerisch und die Kampagne als irreführend. Selbst Alan Craig von der Christian People’s Alliance, der bisher den Protest angeführt hatte, nannte die Formulierung der Petition wenig hilfreich. Die Tablighi Jamaat ihrerseits wies darauf hin, dass weder die genaue Größe noch die exakten Kosten bisher fest stünden. Sicher ist bisher nur, dass die Moschee, die die pakistanische Erweckungsbewegung in der Nähe des Komplexes der Olympischen Spiele von 2012 errichten will, 12.000 Gläubigen Platz bieten soll. Sie wäre damit die Größte in Großbritannien.

In Marseille blockiert die FN den Bau der Mosquée von Saint-Louis

Bisher haben Muslime oft nur provisorische Gebetsstätten: Greitagsgebet auf offener Straße in Marseille. Credit to: Gazoline/FlickrNach jahrelangem Streit hat am 16. Juli 2007 der Stadtrat von Marseille den Bau einer Moschee auf dem Gelände des früheren Schlachthofs von Saint-Louis genehmigt. Die rechtsradikale Front National (FN) hat jedoch sofort Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt. Allerdings sind die Erfolgsaussichten einer Klage ungewiss. Der Vorsitzende des Vereins ‚La Mosquée de Marseille’, Nourredine Cheikh, sieht in der Moschee die Möglichkeit, die Muslime aus den Hinterhöfen herauszuführen, wo sie der Propaganda der Extremisten ausgesetzt seien. Der Bürgermeister Jean-Claude Gaudin von der konservativen UMP, der das Projekt energisch unterstützt, lobte seinerseits, dass die 200.000 Muslime der Stadt endlich einen würdigen Ort des Gebets erhielten.

Das Gebetshaus mit zwei Minaretten in einer Höhe von 25 Metern soll 2000 Gläubigen Platz bieten. Der Bau kostet 8,6 Millionen Euro, wobei das Geld vor allem aus Spenden kommen soll. Der zulässige Beitrag von Geberländern ist auf 30 Prozent beschränkt. Die Stadt überlässt der Gemeinde das Bauland für 50 Jahre für eine jährliche Miete von 24.000 Euro. Zuvor war ein Erbpachtvertrag über 99 Jahre bei einer symbolischen Miete von 300 Euro vorgesehen gewesen. Das Verwaltungsgericht Marseille, das von der FN angerufen worden war, hatte im April 2007 jedoch geurteilt, dass die geringe Miete eine versteckte Subvention des Baus darstelle, die der Trennung von Staat und Kirche widerspreche. Noch ist unklar, ob der Bau wie geplant 2008 beginnen kann.

In Sevilla wehren sich die Anwohner gegen die Mezquita von Los Bermejales

Ein Minarett gibt es bereits in Sevilla: Heute ist es der Turm der Kathedrale. Credit to: Blackcealt/FlickrAuch in Sevilla sorgen die Pläne zum Bau einer Moschee für erhebliche Unruhe. Der Bau soll im Wohnviertel von Los Bermejales am Südrand der Stadt entstehen und auf einem den Muslimen von der Stadt zur Verfügung gestellten Gelände von 6000 Quadratmetern neben der Moschee Platz für eine Bibliothek und ein Kulturzentrum bieten. In dem Konflikt stehen sich die Islamische Gemeinschaft, vertreten durch Ruiz Callejas, und der Nachbarschaftsverein Bermejales 2000, vertreten durch Conchita Rivas, unversöhnlich gegenüber. Rivas kritisiert, dass das Bauland für eine öffentliche Einrichtung bestimmt gewesen sei. Callejas vermutet jedoch ein grundsätzliche Ablehnung gegen die Präsenz der Moschee. Bisher ist der Anteil der Muslime in Bermejales eher gering.

Weiter verschärft wurde der Konflikt, als sich im Kampf ums Bürgermeisteramt der Kandidat der Regionalpartei Partido Andalucista, Agustín Villista, das Thema zu eigen machte. Er äußerte den Verdacht, dass die Moschee Geld vom Emir von Sharjah erhalten habe und darüber hinaus mit Al Qaida finanziell verbunden sei. Bestätigt ist bisher nur, dass der Bau teilweise von Marokko und Malaysia finanziert werden soll. Selbst das Innenministerium nimmt die Islamische Gemeinschaft vor dem Verdacht in Schutz, mit Al Qaida verbunden zu sein. Doch nachdem Anfang 2007 ein Gericht den Bau auf Eis gelegt hatte, hat sich im Juni auch der sozialistische Bürgermeister Sánchez Monteseírin vom Bau distanziert.

In Köln sieht Kardinal Meisner den Moscheebau in Ehrenfeld als „Kulturbruch“

Nicht alle sind gegen den Bau der Moschee: Solidaritätsdemonstration in Ehrenfeld. Credit to: gingit77/FlickrIn Köln hat sich der Streit um die Moschee von Ehrenfeld nicht zuletzt an der Höhe der Minarette entzündet. Ursprünglich hatte der Architekt Paul Böhm Türme in einer Höhe von 55 Metern geplant, da dies der Größe der Moschee entspreche. Sie soll auf fünf Stockwerken Platz für 2000 Gläubige sowie Kultur- und Versammlungsräume bieten. Zudem sei diese Höhe notwendig, argumentierte Böhm, damit sich die Moschee gegen die umstehenden Gebäude behaupten könne : Mehrere Hochhäuser und der Fernsehturm liegen in unmittelbarer Nähe. Nach heftigen Protesten der rechtsradikalen Partei Pro Köln und einer polemisch geführten Debatte haben Böhm und die Ditib, die als Bauherr das Projekt verantwortet, jedoch eingelenkt und niedrigere Minarette in Aussicht gestellt.

Ursprünglich hatten alle Parteien des Stadtrats mit Ausnahme von Pro Köln das Projekt in der geplanten Form befürwortet. Der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramm (CDU) hat jedoch die Diskussion über niedrige Minarette begrüßt. Auch der Kölner Kardinale Joachim Meissner hat angesichts der Bedenken eines Großteils der Bevölkerung über die Größe der Moschee angeregt, noch einmal über die Pläne nachzudenken. Er befürworte grundsätzlich den Bau, sagte er im Interview. Zugleich warnte er aber davor, in Deutschland der Ausbreitung der Sharia Platz zu geben. Den Bau von Moscheen bezeichnete er als „erschreckenden Kulturbruch“. Zudem verwies er auf die Schwierigkeiten in vielen muslimischen Ländern beim Bau von Kirchen.