“Europa steht die Judenphobie ins Gesicht geschrieben”

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2004
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2004

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Der Publizist Gustavo Perednik über den seiner Ansicht nach verborgenen Hass Europas gegen die Juden.

Der Publizist und Wissenschaftler Gustav Perednik war lange Zeit an der israelischen „Hebrew University“ tätig und leitet heute das von der Organisation B’nai B’rith finanzierte „Educational Program of the Jew's Role in Civilization“. Er ist Autor mehrerer Bücher über die Juden in der Moderne, sein letztes trägt den Titel „Judeophobia“. Mit diesem Ausdruck versucht Perednik einen Fakt zu beschreiben, den er durch den Ausdruck „Antisemitismus“ nur unzureichend beschrieben sieht: Die uralte Angst und der Hass gegen das jüdische Volk. In einem Interview mit café Babel äußert er eine provokante These: Europa sei stark von dieser „Judenphobie“ befallen, wolle es aber nicht zugeben.

Café Babel: Entsteht momentan eine neue Welle des Antisemitismus in der Europäischen Union?

Gustavo Perednik: Die endemische und uralte Judenphobie der Europäer flackert in der Tat wieder auf. Es gibt keine “neue” Welle, sondern eine Verschlimmerung des alten und bislang ignorierten Hasses der Europäer gegenüber dem jüdischen Volk. In dem Maße, in dem wir uns vorübergehend vom Holocaust entfernen, verspüren die Europäer weniger Skrupel und offenbaren ihre Judenphobie, zumal dies ihre eigene Schuld neutralisiert. Der Jude wird als eine Art Opferpriester hingestellt, um sein langes Leiden in den Pranken der Europäer verständlich zu machen. Und Israel soll mit dem Nationalsozialismus verglichen werden, damit die Passivität Europas gegenüber diesen Verbrechen relativiert wird.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem momentanen Antisemitismus und dem, von dem Europa im Laufe der Geschichte gegeißelt wurde?

Die Mythologie ist ohne Zweifel fast dieselbe. In der Vergangenheit wurde das jüdische Volk immer als ein Volk von blutrünstigen Verschwörern und die jüdische Religion als rachsüchtig, grausam und “übertrumpft von der Religion der Liebe” präsentiert. Israel dämonisiert man heute auf ähnliche Weise und suggeriert, es handele sich dabei um eine erpresserische Theokratie, die von globalen Strippenziehern finanziert wird. Stattdessen ist es ein kleines Land, das seit seiner Geburt um sein Überleben in einer feindseligen, totatalitären und von den arabischen Regimen unterdrückten Umgebung kämpft.

Von den ca. 200 Ländern, die es gibt, verlangt man ausschließlich von den Juden, dass sich sich permanent für ihre bloße Existenz entschuldigen (genau wie man dies auch vom einzelnen Juden stets in der Vergangenheit forderte). All diese Staaten wurden von Nationalbewegungen gegründet, aber nur die Bewegung, die den jüdischen Staat ins Leben gerufen hat, der Zionismus, wird als unrechtmäßiger Bastard hingestellt. Im Mittelalter waren die Ausdrücke “Jude” und “Synagoge” verschmäht; mittlerweile hat Europa auch die Begriffe “Zionismus” und “Israel” in das judeophobe Lexikon aufgenommen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Welche Rolle spielen dabei die europäischen Medien?

Die Ursache sehe ich in zwei Jahrtausenden Geschichte, in denen gelehrt wurde, den Juden zu verachten. Diese eingefleischte Verachtung richtet sich heute gegen die Juden als Nation. Die Gründe sehe ich also auf keinen Fall in der geheuchelten Solidarität mit dem palästinensischen Volk. Die Palästinenser wecken in Europa lediglich dann Solidarität, wenn Israel angeklagt werden kann. Wenn andere Regimes (Jordanien, Kuweit, Arafat) die Palästinenser bestrafen, meldet sich Europa nicht zu Wort. Die große Frage ist daher, warum unter den hunderten staatenlosen Völkern/Volksgruppen (Kaschmir, Kurden, Tschetschenen, Tibeter, Tamilen etc.) es nur die Palästinenser sind, denen die Solidarität und die finanzielle Hilfe der Europäischen Union zugute kommt, obwohl ein Teil dieser großzügigen Gaben letztlich den Terror und die Indoktrinierung des Hasses finanziert. Die Antwort ist, dass Arafat sich den geeignetsten Feind ausgesucht hat, um in den europäischen Medien zum Vorkämfer der Gerechtigkeit mutieren zu können. Die niederträchtigsten Verbrechen, die das Arafat-Regime seinem eigenen und dem israelischen Volk zufügt -Taten, mit denen das Morden und der Terrorismus glorifiziert werden- wären unverzeihlich, wenn sie von anderen Gruppen verübt würden. Doch da die Opfer Juden sind, ist in den europäischen Medien nicht die Rede vom Terrorismus, sondern nur von “legitimem Widerstand”. Für die europäischen Medien ist Israel schuld, auch dann, wenn es unschuldig ist: es gibt weder israelische Opfer noch palästinensische Ausschreitungen. Diese Medien sind im Prinzip die eklatanteste Erscheinung, das Gesicht der momentanen Judenphobie. Es wäre schwer, eine Zeitung wie “El Pais” einen Monat lang zu lesen, ohne diese Judenphobie wahrzunehmen.

Wie beurteilen Sie es, dass es das "European Monitoring Centre For Racism and Xenophobia" (EUMC) abgelehnt hat, seine jüngsten Untersuchungen zum Antisemitismus zu veröffentlichen?

Europa steht die Judenphobie ins Gesicht geschrieben und obwohl es sich weigert, dies anzuerkennen, ist doch das Verstecken dieser Untersuchung ein Teil der kranken, allgemeinen Ablehnung gegenüber den Juden. Es ist einfach unangenehm, den eigenen Haß zuzugeben. Das stellt Europa vor eine große intellektuelle und emotionale Herausforderung: einen Haß zuzugeben, der es seit Jahrhunderten wie ein Gift durchzieht.

Mit welchen Mitteln sollten die europäischen Institutionen - Ihrer Einschätzung nach - den Antisemitsmus in Europa bekämpfen?

Es gibt ein Heilmittel gegen den Antisemitismus, gegen die Angst vor den Juden. Wir stehen heute viel besser da, als noch vor 200 oder 1000 Jahren. Folglich gibt es viel, das wir machen können, um das Phänomen gewissermaßen zu neutralisieren. Die Maßnahmen, die in Angriff genommen werden müssen, sind in erster Linie erzieherischer Natur. Man muß das Kapitel der Judenphobie in die europäischen Erziehungsprogramme integrieren; man muß erklären wie die Juden über Jahrhunderte als Verdammte und Gottesmörder dämonisiert wurden und inwieweit sich diese Dämonisierung heute manifestiert.

Es würde zudem helfen, in der europäischen Verfassung eine Klausel der Reue einzubauen, um Europa mit dem jüdischen Volk zu versöhnen. Und, die europäischen Medien müssen ihre Einstellung gegenüber dem Mittleren Osten überdenken. In jedem Falle muß die Angst vor den Juden abgebaut werden, und das beginnt in den Schulklassen.