Europa hat Schulden bei den Griechen

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2015

[Kommentar] Rocco Marseglia ist Italiener und unterrichtet an französischen Gymnasien. Er hat in Griechisch und Latein promoviert und kommt gerade aus dem belgischen Mons zurück, wo er sich einen Theatermarathon der 7 Tragödien von Sophokles von Wajdi Mouawad angesehen hat – von 5 Uhr 30 morgens bis 1 Uhr nachts. Cafébabel erklärt er, warum Europa immaterielle Schulden bei Griechenland hat.

von Rocco Marseglia

Am vergangenen 17. Juni hat das Komitee für den Erlass der Schulden der Dritten Welt (CADTM) die ersten Resultate seiner Analysen publik gemacht. Die Studie macht deutlich, dass das wachsende Defzit vor Einschreiten der Troika nicht auf eine exzessive öffentliche Haushaltspolitik zurückzuführen war. Dieses lag nämlich sogar unterhalb des Defizits anderer europäischer Staaten. Verantwortlich für das große Haushaltsloch seien vor allem horrende Zinsen auf Steuerabgaben.

Zudem demonstriert das Komitee deutlich, wie die ersten Entscheidungen insbesondere den Banken ermöglichten, ihre Abhängigkeit von griechischen Wertpapieren zu reduzieren. Anstatt dem Land Gutes zu tun, gingen die meisten Anleihen direkt an Finanzinstitute. Das alles erklärt, warum die gleichen Gläubiger, die den Griechen in den vorangegangenen Krisen zunächst zu Hilfe eilen wollten, nun plötzlich das Weite suchen und Griechenland seinem Schicksal überlassen.

Humanismus und Finanz: Unsere Schulden gegenüber Griechenland

Zum Schuldenberg Griechenlands, der fast ausschließlich finanzieller Natur ist, kommt eine nicht materielle Schuld hinzu: Und alle Länder Europas haben diese Schulden gegenüber Athen zu begleichen.

Wir hätten Unrecht zu glauben, dass unsere Schulden in universellen Ideen wie Demokratie, Philosophie, Mathematik, Medizin, Physik, im Theater oder der Historiographie, der Architektur, der Rhetorik, der Mythologie und den unzählbaren weiteren Kulturbranchen, die wir mit diesen griechischen Termini bezeichnen, bestehen. Wir belassen es bei der klassischen Etymologie. Aber diese Konzepte bezeichnen historisch-kulturelle Wirklichkeiten, die zwar bis in die Antike zurückreichen, aber häufig sehr unterschiedlich auf das aktuelle Zeitgeschehen einwirken: es ist eine Falle, darin einzig einen einfachen Vorfahren unserer Ideen zu sehen oder - noch schlimmer – sie als universelle Kategorien wegzusperren, deren Erfinder die alten Griechen waren.

Unsere Schuld gegenüber Griechenland ist anderer Natur: die griechische Antike, die immer wieder als Quelle verwendet und weiter verarbeitet wurde, die Art, wie die Antike interpretiert und gesehen wurde, waren schon immer das perfekte Werkzeug zur Selbstreflexion der europäischen Völker. Nur über die Wiederentdeckung antiker Texte konnte beispielsweise der Humanismus auf den Weg gebracht werden - die erste große internationale und europäische Kulturbewegung. Die antike Kunst ihrerseits war wegweisend für die italienische Renaissance und den Klassizismus von Winckelmann. Das alte Griechenland hat das Elisabethanische Theater, die französische Klassik, die deutsche Romantik, die moderne und antike Philosophie, die Psychoanalyse inspiriert.

Diese so verschiedenen Ideen der Antike haben Europa ermöglicht, sich selbst zu denken, sich zu definieren und seine kreativen Energien zu kanalisieren. Der Bundestag in Berlin, der nach dem Eurogipfel das dritte Hilfspaket für die Griechen abgesegnet hat, wurde nach griechischen Architekturvorbildern gebaut.

Schulden und Demokratie : Zwischen Perikles und Solon

Was also mit der griechischen Krise in der Waagschale liegt, ist wesentlich höher. Athen hat sich in Bezug auf die Forderungen der Gläubiger quergestellt. Es sind Bedingungen, die bis zum heutigen Zeitpunkt nur dazu beigetragen haben, das Bruttoindlandprodukt zu verringern und den öffentlichen Schuldenberg noch zu vergrößern. Somit hat sich im Laufe der Zeit auch noch das Verhältnis Schulden/ BIP verschlechtert.

Aber nicht nur das. Die Sparauflagen haben auch zu dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft geführt und eine humanitäre Krise von unerträglichem Ausmaß heraufbeschworen. Für alle europäischen Bürger sollte die griechische Absage eine Herausforderung und neue Gelegenheit sein: Wir sind aufgerufen, die humanistischen Wurzeln Europas wieder in den Mittelpunkt zu stellen, indem wir den Mensch und nicht die neoliberale Wirtschaft in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft rücken.

Während die Märkte einfach damit weitermachen, mehr als den kompletten Wert der griechischen Staatsschulden zu verbraten, sind wir dringend dazu angehalten, einer großen politischen Fragestellung nachzugehen: welches Modell wollen wir für Europa? Und wieder ist es die Antike, die uns für diesen neuen Weg die Werkzeuge liefern kann.

Kurz nach den Perserkriegen, zwingt der Politiker Perikles, der die Athener Demokratie des 5. Jahrhunderts vor Christus nachhaltig geprägt hat, dem Attischen Seebund seine imperialistische Politik auf. Die Mitglieder im Bund, die jährlich Steuern an die athenische Staatskasse abtreten mussten, durften den Bund nicht verlassen. Progressive wurden sie zu tatsächlichen Untertanen. Ohne jetzt historische Parallelen herstellen zu wollen, sollte uns dieser Vergleich in Erinnerung rufen, dass es sich bei der heutigen Politik der Gläubiger gegenüber Griechenland auch in der Europäischen Union um eine neokolonialistische Wirtschafts- und Finanzpolitik handelt. Besteht darin tatsächlich die einzig mögliche Politik, der sich die Griechen zu unterwerfen haben?

Andere Epoche, andere Geschichte: Solon, der unter den alten Griechen als einer der Gründerväter der Demokratie gilt, hat seiner Verfassungsreform eine Prozedur vorausgeschoben, die Seisachtheia – oder das Abschütteln der Lasten - hieß. Damit wollte der Gesetzgeber die Bauern von der wirtschaftlichen Abhängigkeit gegenüber den Gutsbesitzern befreien. Mit diesem System konnten die Versklavung für Zahlungsverzug verhindert und Schuldenschnitte veranlasst werden. Das Ganze funktioniert in etwa, als schüttele man einen zu vollen Baum, der dann überreife Früchte abwirft und sich so von der Last befreit. Diese Maßnahme konnte die Wirtschaft ankurbeln und hat einen Rahmen für nachhaltige demokratische Reformen geboten. Im heutigen Europa den Sinn demokratischer Beteiligung der Völker wiederzufinden, kann nur über ein „Abschütteln der (von der Finanzwelt aufoktroyierten) Lasten“ geschehen, die einen Zweig der Wirtschaft regelrecht lahmlegen.

Griechisches Dilemma und europäische Völker

„Ti drasô?, Was soll ich tun?“ So lautet die Frage der Fragen der Helden in griechischen Tragödien gegenüber Wahlmöglichkeiten, die eigentlich gar keine sind. Die 10 Millionen Griechen, die am 5. Juli zum Referendum aufgerufen waren, standen wohl an genau diesem Scheideweg. Wir, der Rest der Europäer, haben die schwere und zwingende Verpflichtung, das griechische Volk zu unterstützen. Chrysothemis erging es mit ihrer Schwester Elektra ähnlich: „Drasô. Ich will es tun! Denn das, was rechtens ist, gibt keinen Grund zu streiten, befeuert nur die Tat!"