Europa geht shoppen

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004
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Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2004

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Die Gruppen für einen solidarischen Einkauf sind die neue Art, kollektiv und gleichgesinnt einzukaufen.

Vergesst die langen Schlangen im Supermarkt. Durch die die Gruppen für einen solidarischen Einkauf (Gruppi Acquisto Solidale, GAS, wird kollektiv und intelligent eingekauft. Die ersten dieser Gruppen wurden 1994 in der italienischen Region Emilia gegründet. Heute sind sie sogar in Mailand, der italienischen Wirtschaftshauptstadt, von Bedeutung. Sie bestehen aus einer Gruppe von Bürgern, die den Einkauf von Lebensmitteln und Konsumgütern in großen Mengen gemeinsam organisiert. Genauer gesagt: Die Mitglieder setzen eine Liste mit Produkten auf, sammeln die Bestellungen der Familien und einzelnen Teilnehmer und übermitteln diese dann den verschiedenen Produzenten, die zuvor ausgesucht wurden. Sobald die Ware angekommen ist, wird sie unter den Mitgliedern verteilt, die dann die von ihnen bestellten Güter bezahlen.

Konsequenz steigender Preise

Die Motivationen und Ziele der Einkaufsgurppen sind unterschiedlich, aber im Allgemeinen entstehen sie aus dem Wunsch nach einer Reaktion auf den Konsum und die Dogmen des Kapitalismus durch eine konkrete Initiative für eine solidarische Wirtschaft. Ziel ist vor allem, den Mitgliedern eine Möglichkeit zu geben, die Effekte der Inflation besser zu verkraften und Geld zu sparen. Der Zusammenschluss von vielen Konsumenten ermöglicht nämlich, Waren in großen Mengen einzukaufen und so günstigere Preise zu erlangen als über traditionelle Wege. Die Ambitionen hören allerdings nicht damit auf: Es ist außerdem das Ziel, einen „kritischen“ Konsumenten zu formen, der unbeeinflusst bleibt von Werbung und wirtschaftlichem Druck und der über nicht konventionelle Wege „ethische“ Produkte kauft, die ansonsten keine Chance auf dem Markt haben.

Vom Produzenten zum Konsumenten

Die Kaufgruppen erwerben mit Vorliebe Produkte, die von kleinen lokalen Produzenten stammen, die durch einen Markt, der durch die großen multinationalen Konzerne dominiert wird, in Krisen geraten sind und in den Kanälen der großen Warenverteilung ignoriert werden. Zusätzlich zur Auswahl der Produzenten nach Kriterien des Umwelt- und Arbeitsschutzes, stellen die Gruppen einen direkten Bezug zwischen Produzenten und Konsumenten her. Dies ermöglicht, das Verhalten der produzierenden Firma kennen zu lernen, ebenso wie die Arbeitsmethoden, die Firmenphilosophie und die Charakteristika der hergestellten Produkte. Der direkte Kontakt bedeutet einen ökonomischen Vorteil sowohl für den Produzenten als auch für den Konsumenten, weil die dazwischenliegenden Glieder der Verteilungskette nicht benötigt werden. So können auch die Familien mit einem niedrigen Einkommen auf biologische Produkte zurückgreifen, ein Marktzweig, der heute eher den Besserverdienenden zugänglich ist.

Weitere Vorteile des Einkaufs von lokalen Produkten sind die Verminderung von Verpackungen und die Steigung der Beschäftigung, da die lokal produzierten Produkte in der Regel von Hand gefertigt sind. Außerdem werden Unternehmen bevorzugt, die Behinderte oder benachteiligte und marginalisierte Gruppen beschäftigen.

Der solidarische Gedanke

Wie weit reicht der Erfolg der Initiativen? Sicher, Initiativen für eine solidarische Wirtschaft sind im Überfluss vorhanden, aber die Gruppen für einen solidarischen Einkauf als Modell für einen alternativen Konsum, haben – wenigstens in Italien - die Diskussion über das Scheitern vieler Ansätze des kapitalistischen Modells wieder angeregt. Genauso wird vermehrt über die Versuche der Zivilgesellschaft nachgedacht, alternative Wege zu finden, Die solidarische Wirtschaft, ein Phänomen, das überall in Europa vorhanden ist, ist eine wachsende Erscheinung, die versucht, das kapitalistische Entwicklungsmodell zu widerlegen, das darauf basiert, dass nur der Markt dazu in der Lage ist, Wohlstand und Entwicklung zu garantieren. Sie weigert sich, den Bürger als Produkt einer merkantilistischen Gesellschaft anzusehen, als einen Menschen, der den Regeln des Profits unterliegt und im Supermarkt sein Glück sucht. Die Befürworter der solidarischen Wirtschaft prangern an, dass es dem kapitalistischen Modell nicht gelingt, Ressourcen gerecht zu verteilen, dass es die Armut und die Marginalisierung erhöht, dass die Demokratie zu Gunsten der wirtschaftlich Mächtigen ausgehöhlt wird, dass der Sozialstaat und der Arbeitsschutz eingeschränkt werden und das ökologische Gleichgewicht gefährdet wird. Sie sind der Meinung, dass Entwicklung nicht nur in Begriffen wie Konsum und Produktion gemessen werden kann, auch deshalb, weil westliche Lebensstandards aufgrund eines Mangels an Ressourcen nie überall durchgesetzt werden können. Sie setzen den Konzepten von Konkurrenz und Akkumulation jene von Kooperation und Teilen entgegen.

In der Galaxie der solidarischen Ökonomie bieten die Einkaufsgruppen einen Weg, alternative Konsum- und Produktionsweisen zu erhalten. Auch wenn in diesem Entwicklungsstadium des kapitalistischen Modells eine allgemeine Verbreitung dieser Initiative unwahrscheinlich ist, bleibt doch ihre symbolische und erzieherische Bedeutung. Es wird dadurch möglich, eine Gesellschaft aufzubauen, die in der Lage ist, Ungerechtigkeiten zu vermindern und uns eine wirkliche Lebensqualität zu garantieren.