Europa – eine Chance für die Muslime?

Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2008
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Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2008
Mit der Entwicklung einer europäischen Identität könnten auch die Muslime Europas eine neue Heimat finden. Doch noch wird die Debatte um Integration rein national geführt und auch die Muslime selbst orientieren sich an und organisieren sich innerhalb der Grenzen ihres jeweiligen Aufnahmelandes. Donnerstag 9.
Mai 2008

Deutsche und türkische Fahne vor einer Moschee in Berlin Neukölln Credit to:Schockwellenreiter/Flickr„Man wird nicht Deutscher. Als Migrant bleibt man Iraner, Türke, Araber noch in der zweiten, dritten Generation. Aber: Man kann Europäer werden. Man kann sich zu Europa bekennen, weil es eine Willensgemeinschaft ist und nicht der Name einer Religion oder einer Ethnie. Europa ist kein Land. Europa ist eine Idee. Ich brauche dieses Europa, denn wo sonst könnte ich hin?“, so schreibt der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani. Seine Eltern stammen aus dem Iran, er selbst ist in Deutschland geboren. Er kennt also das Gefühl, zwischen dort und hier, zwischen den Kulturen und den Identitäten hin- und hergerissen, dem Herkunftsland fremd geworden, ohne aber im Aufnahmeland akzeptiert worden zu sein. Doch kann seine Idee mehr sein als eine schöne Vision?

In allen Staaten Europas wird die Integration der Migranten und insbesondere der Muslime kritisch und kontrovers diskutiert. Dabei gleicht sich die Debatte in den einzelnen Ländern: Kopftuch, Moscheebau, Jugendgewalt, Zwangsehen, Terrorismus sind die Thema. Einzelne Ereignisse wie der Mord an Theo van Gogh haben auch über die Landesgrenzen hinaus Beachtung gefunden. Dennoch hat die Debatte aufgrund des unterschiedlichen Staatsverständnis – vom französischen Laizismus bis zum britischen Multikulturalismus – in jedem Land ihre eigene Note behalten.

Der Nationalstaat bleibt auch für die Muslime der Bezugspunkt

Dies liegt auch daran, dass die Muslime in Europa keine Einheit sind. Überwiegen in Deutschland die Türken, sind es in Frankreich vor allem Maghrebiner und in Großbritannien Südasiaten. Wurden die deutschen Muslime vorwiegend als Gastarbeiter ins Land geholt, kamen sie in Frankreich oder Großbritannien aus den ehemaligen Kolonien, während Spanien und Italien vor allem Flüchtlinge aus Afrika aufgenommen haben. In einigen Moscheen mischen sich die Nationen, doch meist beten die Muslime nach Herkunft getrennt. Ein gemeinsames Selbstverständnis gibt es nicht.

Inzwischen haben einige Staaten einen offiziellen Dialog mit den muslimischen Verbänden eröffnet, um Fragen wie den Religionsunterricht oder die Imamausbildung zu besprechen. In Deutschland etwa ist mit der Islamkonferenz ein erster Schritt getan worden, nicht nur über sondern mit den Muslimen zu sprechen. In Antwort auf die Forderung der Politik nach einem gemeinsamen Ansprechpartner haben die großen muslimischen Verbände vergangenes Jahr den Koordinierungsrat geschaffen. Doch hier wie in anderen Staaten sind Dialog und Verbände national ausgerichtet.

Den Muslimen hat Europa sich wenig offen gezeigt

Die Integration, die von der Politik gefordert und von den Muslimen angestrebt wird, ist denn auch eine Integration in die Gesellschaft ihres jeweiligen Aufnahmelandes. Es geht darum, die jeweilige Landessprache zu lernen, sich der jeweiligen Landeskultur anzupassen und die Regeln der jeweiligen Verfassung zu akzeptieren. Zwar sind die „Werte der Aufklärung“, welche die Muslime einzuhalten gefordert sind, europäische Werte, doch in Deutschland wie anderswo gilt man in dann als integriert, wenn man die deutsche Sprache beherrscht und die deutsche Lebensweise angenommen hat. Integration wird am nationalen Maßstab gemessen.

Letztlich bleibt die Frage, was bedeutet Europa den Muslimen? Bisher hat sich Europa ihnen gegenüber wenig offen gezeigt. Insbesondere die Debatte um den Beitritt der Türkei hat vielen Muslimen den Eindruck gegeben, nicht willkommen zu sein. Schließlich wurde die islamische Kultur der Türken von den Gegnern des Beitritts immer wieder als unvereinbar mit der „christlich-abendländischen Kultur Europas“ dargestellt. Darüber hinaus kann man sich fragen, ob für sie die Idee Europas nicht ohnehin fremd ist, da die Geschichte des Kontinents, aus der die europäische Einigung geboren ist, nicht die ihre ist.

Man kann sich allerdings auch fragen, ob ihnen, die den Wechsel zwischen den Kulturen und Identitäten gewohnt sind, die Idee einer europäischen Gesellschaft, welche die nationalen Unterschiede überwindet, nicht womöglich näher ist als Menschen, die das Denken in nationalen Kategorien gewohnt sind. Letztlich wird Kermanis Idee wohl aber allein deshalb eine Illusion bleiben, weil auch den meisten Europäern selbst die Idee einer transnationalen Identität fremd geblieben ist, und der Weg zu einer europäischen Gesellschaft noch weit ist.