Europa - diskret, und doch revolutionär

Artikel veröffentlicht am 6. April 2008
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Artikel veröffentlicht am 6. April 2008
Es gibt Momente der Zweifel. Situationen, in denen der Glaube ins Schwanken gerät und die Überzeugung einen im Stich zu lassen scheint. Oft ist dann die Versuchung groß, sich dem Zynismus und dem Relativismus hinzugeben. Manchmal enttäuscht Europa uns eben. Zu langsam, zu schwach, zu unsichtbar. Wie oft hat man sich nicht einen großen Knall gewünscht, einen radikalen Umbruch!
Irgendetwas, was allen beweist: schaut her, HIER IST ES, hier ist das Modell des neuen Milleniums, schaut her, SO werden wir uns aus alten Zwängen befreien, alte Raster über Bord werfen, alte Machtstrukturen sprengen, versteinerte Hierarchien umwerfen und überkommene Mythen verwehen.

Aber dieser Moment wird niemals kommen. Keine Dramen, keine Riesenwellen, die Union wächst einfach weiter vor sich hin und bringt uns mit ihrer Diskretion auch weiter zur Verzweiflung...

Doch neben dieser gräulichen Unbestimmtheit gibt es auch einiges, was die Nebel der Unentschlossenheit durchdringt, Zeichen, die vielleicht unseren Glauben am Leben halten können. Zarte Bewegungen, Andeutungen und Eindrücke...mit dem bloßen Auge kaum erkennbar. Am 26. Februar diesen Jahres zum Beispiel startete der Europäische Rat (im Volksmund auch als Ministerrat bekannt) eine technologische Initiative zur kooperativen Weiterentwicklung des Wasserstoffmotors. Ja, und? Naja, die Rede ist von einem Projekt, welches eine der umweltschonendsten alternativen Energieressourcen alltagstauglich machen soll. Ziel ist eines in nächster Zukunft Motoren zu betreiben, die nicht mehr als reinen Wasserdampf in die Atmosphäre ausstoßen. Ja klar, das alles kostet natürlich ein Vermögen.

Eine Kooperation die mit viel Applaus begrüßt werden sollte

Das Ziel ist also eine wirtschaftlich vertretbare Lösung zu finden, die es ermöglichen soll, eines Tages die Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs mit diesen Motoren ausstatten zu können. Ohne schon wieder auf die Klimaerwärmung zurückzukommen, müsste jedem sofort das allgemeine Interesse an derartigen Fahrzeugen einleuchten.

Schon allein der Inhalt und die Zielsetzung der Initiative verlangen Applaus. Aber noch interessanter ist eigentlich die gewählte Umsetzungsstruktur. In dieser spiegelt sich nämlich die große Ambition des Projekts wieder. Ein Unternehmen, dessen Gesellschafter einerseits die Europäische Kommission und andererseits eine Assoziation der Unternehmen des entsprechenden Sektors werden. Dieses Unternehmen wird dann für die Verteilung der Gelder und die Koordination der Forschungsprojekte verantwortlich sein und auf diese Weise einer zu großen Zerstreuung der Finanzmittel vorbeugen. Allein die Kommission plant nun 470 Millionen Euro zu investieren und hofft auf eine ebenso hohe Beteiligung der Industriellen.

Was ist nun der Vorteil einer derartigen Organisation?

Zunächst gelingt dadurch eine optimale Bündelung der öffentlichen und privaten Gelder. Insbesondere aber ermöglicht diese Struktur die Kombination Erforschung und Befriedigung öffentlicher Bedürfnisse mit den fundierten Fachkenntnissen der Privatwirtschaft. Man überwindet gleichzeitig die traditionellen Anfeindungen zwischen „netten“ öffentlichen Organen und „bösen“ gewinnbesessenen Wirtschaftsunternehmen. Jene die nunmehr die Auflösung der öffentlichen Gewalt befürchten, können beruhigt auf die Tatsache verwiesen werden, dass die Initiativgewalt immer noch die Europäischen Union und nicht die Industrie inne hat. Es ist die öffentliche Hand der Union, die beschlossen hat, zum Besten eines für unseren Kontinent lebenswichtigen Projektes auf den privaten Sektor zu vertrauen. Die öffentlich-private Partnerschaft ist keineswegs gleichbedeutend mit der Zurückweisung politischer Verantwortung. Nein, dieses „Experiment“ entspringt bloß der Überzeugung, dass dem Geweinwohl mit einer innovativen Lösung besser gedient ist.

Eine europäische Antwort auf den Klimawandel

Betrachten wir doch mal aus einiger Distanz, was sich derzeit alles um den Klimawandel und die Erderwärmung tut. Ja, die Gefahr ist groß. Aber eben diese Gefahr zwingt uns kreativer zu werden, unsere Gewohnheiten zu überprüfen, ebenso unsere Machtstrukturen und die Werte unserer Gesellschaften. Die Angst vor dem Klimawandel geht einher oder verursacht einen gesellschaftlichen Wandel, wahrscheinlich sogar zum Besten. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Europäische Union die besten Möglichkeiten für den besten gesellschaftlichen Wandel bietet. Und mit dieser Gewissheit kann ich auch getrost auf den großen Knall und die radikalen Umbrüche verzichten.

Alexis Brunelle

Übersetzt von Waleria Schüle